Die Rekonstruktion von Machtverhältnissen – zur Methode

Diese Studie basiert auf der Überlegung, wonach Machtverhältnisse zwischen Staaten nicht nur durch materielle Fähigkeiten geprägt, sondern in und durch die Beziehungen individueller Akteure hergestellt werden. Wie Machtverhältnisse in der sozialen Praxis – also durch soziale Praktiken – konstituiert werden, erscheint grundsätzlich als eine offene Frage, die in dieser Analyse mittels der Grounded Theory erschlossen werden soll. Durch die Rekonstruktion von Handlungen und Interaktionen soll eine Heuristik von Machtpraktiken aus dem empirischen Material heraus gewonnen werden. Durch diesen methodologischrekonstruktiven Zugriff soll ein ergebnisoffener Forschungsprozess gewährleistet werden. In die IB wurden rekonstruktive Ansätze vor allem von Ulrich Franke und Ulrich Roos (2010a) sowie Benjamin Herborth (2010) eingeführt.

Grounded Theory als rekonstruktives Verfahren

Aus der Vielzahl existierender theoretisch-methodischer Angebote postpositivistischer Forschung sticht eine Variante heraus, deren Grundannahmen dem hier verfolgten Forschungsziel sehr nahe kommen. Das Konzept der Grounded Theory, wie es zunächst von Anselm Strauss und Barney Glaser, später von Strauss und Juliet Corbin (1990) in Grundzügen entwickelt und im deutschsprachigen Raum vor allem von Jens Strübing (2004) oder Günter Mey und Katja Mruck (2011) rezipiert wurde, basiert auf der Idee einer rekonstruktiven Theoriebildung aus dem Material heraus.

Zunächst soll in Grundzügen dargestellt werden, was unter Grounded Theory zu verstehen ist und wie die Anwendungsregeln dieses Ansatzes den Forschungsprozess strukturiert haben. Die Grounded Theory bietet ein Verfahren an, das allgemein als Kodierung bezeichnet wird. Hierbei werden insbesondere drei Formen des Kodierens voneinander unterschieden: die offene, die axiale und die selektive Kodierung. Die Kodierung hat allgemein die Aufgabe, das untersuchte Material zu kategorisieren, Beziehungen der gebildeten Kategorien herzustellen und schließlich eine systematische Theoriebildung („theoretical sampling“) zu ermöglichen.

Offene Kodierung

Die offene Kodierung sieht vor, den untersuchten Gegenstand anhand bestimm-

ter Kategorien zu „konzeptualisieren“:

„By breaking down and conceptualizing we mean taking apart an observation, a sentence, a paragraph, and giving each discrete incident, idea, or even a name, something that stands for or represents a phenomenon” (Strauss/Corbin 1990: 63)

Für die hier vorgenommene Analyse bedeutet dies, in einem ersten Schritt das gesammelte Datenmaterial (also die Werke der herangezogenen ‚nichttechnischen' Literatur) nach Textstellen zu untersuchen, die sich auf den Untersuchungszeitraum und den konkreten Gegenstand beziehen. Anschließend werden die ausgewählten Textstellen gezielt danach befragt, ob sie Hinweise auf Handlungen und Interaktionen der Akteure enthalten. Sollte dies der Fall sein, können die ausgewählten Textstellen offen kodiert werden, das heißt, aus den in einzelnen Textpassagen beschriebenen Handlungen/Interaktionen werden Kategorien gebildet, die in Beziehung zur Forschungsfrage stehen. Strauss/Corbin weisen darauf hin, dass diese Kategorien sinnvollerweise möglichst abstrakt angelegt werden sollten, damit vor lauter Kategorien kein Chaos entsteht (Strauss/Corbin 1990: 63).

Strauss/Corbin verdeutlichen das offene Kodieren anhand eines Beispiels: Man stelle sich eine Situation vor, in der ein Gast in einem Restaurant sitzt und auf eine rot gekleidete Frau aufmerksam wird, die in der offen einsichtigen Restaurantküche steht, scheinbar jedoch nicht am hektischen Treiben der Köche und Küchenhelfer beteiligt ist. Der Gast möchte nun wissen, welche Rolle die Dame im sozialen Gefüge des Restaurantbetriebs einnimmt. Folglich betrachtet der Gast die Geschehnisse und registriert Handlungen/Interaktionen der Dame mit ihrer Umwelt über einen bestimmten Zeitraum. Derweil kategorisiert er seine Beobachtungen nach dem Schema der offenen Kodierung. So fällt ihm zunächst auf, dass die Dame nicht aktiv in die Küchentätigkeit involviert ist, sondern die Vorgänge lediglich beobachtet. Strauss/Corbin bilden hieraus eine erste Kategorie: Beobachtung („watching“), oder konkreter: die Beobachtung der Küchenarbeit. Wenig später wird beobachtet, wie die Dame in eine Konversation eingebunden wird. Offenbar wurde sie etwas gefragt und gab eine Antwort. Hieraus folgt die nächste Kategorie: Weitergabe von Informationen („information passing“). Information ist hier der abstrakte Begriff, da wir noch nicht wissen, um welche Form der Information es sich handelt, bspw. um eine Auskunft oder eine Anordnung. Dies wäre nach Strauss/Corbin bereits eine Form der Dimensionalisierung einer Kategorie. Das heißt, Kategorien werden im Laufe der Untersuchung immer weiter ausdifferenziert: wie wurde die Dame gefragt – ‚unterwürfig', ‚fordernd' etc.; wie formulierte sie ihre Antwort – ‚höflich', ‚schnippisch',

‚hilfsbereit' etc. Nun wird dieser Ursache-Wirkungszusammenhang auch in seinem Kontext betrachtet, das heißt, der Blick richtet sich auf die Bedingungen unter denen die Interaktion stattgefunden hat, d.h. ob in ‚großer Aufregung', einem ‚Stressmoment' oder in ‚entspannter Atmosphäre' etc. gehandelt wurde[1].

Die gebildeten Kategorien führen nun zu weiteren Fragen an den Gegenstand. Warum beobachtet die Dame das Geschehen? Warum gibt sie Informationen weiter? Warum ist sie nicht in die Arbeitsprozesse der Küche eingebunden? In der Beobachtung fällt weiter auf, dass die Dame immer wieder in Kontakt mit Gästen tritt und Beziehungen zwischen Kellnern und Gästen koordiniert, womit eine neue Kategorie gebildet wäre, die wiederum weitere Fragen aufwirft: Koordination.

Auf diese hier nur sehr verkürzt dargestellte Weise versuchen Strauss/Corbin aus den Beobachtungen durch offene Kodierung ‚Sinn' zu erzeugen und die Frage nach der Bedeutung der Dame im roten Kleid im sozialen Gefüge eines Restaurantbetriebs immer weiter einzukreisen. Wie bereits an dieser Stelle deutlich wird, ist durch die offene Kodierung der Gegenstand zwar umrissen und etwas abstrakter gefasst – also im Sinne der Grounded Theory kategorisiert – doch liegt noch keine Analyse oder gar ein Ansatz zur Theoriebildung vor. Strauss/Corbin wenden sich dabei auch der Frage zu, wie Kategorien benannt werden sollten. Hierbei raten Strauss/Corbin dazu, der eigenen Kreativität zunächst keine zu engen Grenzen zu setzen, sondern vor allem darauf zu achten, die Kategorien möglichst abstrakt zu wählen, damit ähnliche Prozesse/Interaktionen ebenfalls einer bestimmten Kategorie zugeordnet werden können und nicht ein unüberschaubares ‚Sammelsurium' von Kategorien entsteht.

Weiterhin stellt sich die Frage, wie auf Kategorien zurückgegriffen werden sollte, die bereits in der ‚technischen Literatur', also in der bestehenden Forschung entwickelt wurden und folglich bereits einen analytischen Wert enthalten. Durch die Verwendung bereits etablierter Kategorien und Konzepte könnte die eigene Studie dazu beitragen, deren Bedeutung weiter zu verbessern und zu schärfen. Auf der anderen Seite weisen Strauss/Corbin auf die Gefahr hin, die hieraus erwächst, denn der Rückgriff auf ‚geliehene' Konzepte führt zwangsläufig fremde Bedeutungen in die eigenen Analyse mit ein, die möglicherweise dem eigenen Verständnis nicht entsprechen oder Missverständnisse hervorrufen. ‚Geliehene' Konzepte können gedankliche Barrieren aufbauen und das kreative Denken in Form von Scheuklappen eher behindern als fördern. Wenn Begriffe aus der ‚technischen Literatur' verwendet werden, sollte dies mit großer Sorgfalt und begrifflicher Präzision erfolgen (Strauss/Corbin 1990: 69).

Da in der vorliegenden Arbeit der Machtbegriff sehr prominent verwendet und sogar eine Typologie von Machtbeziehungen aus der Literatur gewonnen wurde, muss zu diesem Aspekt Stellung bezogen werden. In Kapitel 3 der Arbeit wurden bereits verschiedene Machtverhältnisse aufgezeigt. Die größte Gefahr besteht nun darin, die empirischen Beobachtungen ‚zwangsweise' unter die entwickelten Typologie zu fassen und den Blick für Abweichungen oder Gegensätze zu verlieren.

  • [1] Strübing verweist in seiner Auseinandersetzung mit Strauss/Corbin auf grundsätzlichere Probleme bei der Dimensionalisierung hin. So stellt sich allgemein die Frage, wer darüber entscheidet, ob beispielsweise eine Antwort ‚unterwürfig', ‚schnippisch' oder ‚hilfsbereit' erscheint. Stellt der Forscher dies während seiner Beobachtung fest, handelt es sich lediglich um die eigene Perspektive. Allerdings wäre vorstellbar, dass ein anderer Beobachter den Vorgang auch anders interpretiert. Strübing verweist hier auf die Arbeiten Leonard Schatzmans, der das Problem der Multiperspektivität erkannte (Strübing 2004: 23). Diese Problematik muss hier nicht weiter vertieft werden, da die hier durchgeführte Analyse nicht auf einer teilnehmenden Beobachtung basiert, sondern auf einer Auswertung von Memoiren, Zeitungsartikeln etc., wodurch sich andere Probleme ergeben, auf die später noch eingegangen wird
 
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