Theoriegewinnung

Insgesamt erscheint die Grounded Theory nach Strauss/Corbin als sinnvoller Weg, um durch eine Analyse von Transaktionsmustern der Herausbildung von Machtverhältnissen in der sozialen Praxis auf die Spur zu kommen. Allerdings müssen auch kritische Aspekte angesprochen werden, die eine Anwendung der Grounded Theory problematisch erscheinen lassen.

Am Ende ihres grundlegenden Werkes zur Grounded Theory gehen Barney Glaser und Anselm Strauss auf die Anwendung einer ‚im Material verankerten' Theorie ein (Glaser/Strauss [1957] 2010: Teil C). Demnach sollte eine Grounded Theory zunächst auf den Sachbereich passen, auf den sie angewendet wird. Zweitens sollte die Theorie allgemein verständlich formuliert sein, sodass deren Anwendung auch einem Laien möglich wäre, drittens muss sie allgemein gehalten sein, das heißt, eine Grounded Theory muss vom jeweiligen Gegenstand, aus dem heraus sie entwickelt wurde, ein höheres Abstraktionsniveau erreichen. Viertens muss dem Anwender möglich sein, die Strukturen und Prozesse zu kontrollieren, wobei Glaser/Strauss hiermit auf Kontrollmöglichkeiten bei der alltagspraktischen – nicht der forschungspraktischen – Umsetzung der Theorie abzielen. Dieser Aspekt ist in der hier zu entwickelnden Theorie über die Herausbildung von Machtverhältnissen in der sozialen Praxis weniger von Bedeutung, weshalb hier vor allem die forschungspraktische Dimension der Anwendbarkeit im Mittelpunkt stehen wird.

Ein grundsätzliches Problem, das die Anwendung der Grounded Theory im vorliegenden Fall zweifelhaft erscheinen lassen könnte, liegt in der Tatsache begründet, dass weder eine teilnehmende Beobachtung noch Interviews durchgeführt wurden. Die Grounded Theory basiert in der Regel auf der sogenannten teilnehmenden Beobachtung beziehungsweise auf Interviews, die mit den Akteuren geführt wurden. Da die Grounded Theory in der Gesundheitsforschung verwurzelt ist und der Zugang beziehungsweise der Umgang mit Ärzten und Patienten für Gesundheitsforscher eher Teil des Alltags sein dürfte, erscheint diese Vorgehensweise auch naheliegend. Für Politikwissenschaftler, die im Bereich der IB spezialisiert sind, gestaltet sich der Zugang zu den Primärobjekten der Forschung weniger unmittelbar. Erschwerend kommt hinzu, dass die analysierten Fälle mehr als 20 Jahre zurückliegen und sich die damals wichtigsten Akteure leider nicht mehr alle bester Gesundheit erfreuen oder verstorben sind. Idealerweise haben Forscher und Forscherinnen also Zugang zu den Akteuren, deren Handlungen und Beziehungen untersucht werden. Aus den angedeuteten Gründen konnte in der hier vorgenommenen Studie keine Feldforschung im Sinne einer teilnehmenden Beobachtung betrieben werden und auch auf Interviews mit Beteiligten musste verzichtet werden.

Folglich wurde in der Analyse auf Datenmaterial zurückgegriffen, das zum Zeitpunkt des Forschungsprozesses frei verfügbar war, weshalb sich die Auswertung vorwiegend auf Memoiren und Aufzeichnungen der Akteure stützt. Auf die quellenkritischen Aspekte, die sich durch Verwendung von Memoiren und EgoDokumenten als Primärquellen ergeben, wird in Kapitel 4.6.5 noch gesondert eingegangen. Der Vorteil dieses Datenbestandes liegt jedoch darin, dass die verwendeten Quellen alle in veröffentlichter Form vorliegen und allen Lesern dieser Arbeit ohne Probleme zur Verfügung stehen. Somit können Aussagen, die hier interpretiert werden, jederzeit anhand der Originalstellen überprüft werden, wodurch größtmögliche Transparenz gewährleistet ist. Flankierend hierzu werden Medienberichte aus der Tagespresse ausgewertet und nach Hinweisen in der gegenstandsbezogenen Literatur gefahndet.

Die Anwendung der Grounded Theory auf historische Fälle und Prozesse ist also in methodologischer Hinsicht nicht unproblematisch, sollte jedoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Denn aus technischer Sicht gibt es nach Strauss/Corbin keinen Unterschied in der Analyse von Memoiren, Reden, Dokumenten oder Interviews. Das beschriebene Verfahren des Kodierens ist auf alle verwendeten Quellen gleichermaßen anwendbar (Strauss/Corbin 1990: 188). Aus der Verwendung von Memoiren als Primärquellen wird noch ein weiteres Problem deutlich, das in der Politikwissenschaft in langen Debatten ausgiebig erörtert wurde, das sogenannte level of analysis-Problem.

 
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