Zeithistorische Literatur

In die dritte Kategorie lassen sich Arbeiten einsortieren, die weder von Politikern oder Insidern, sondern von zeithistorisch arbeitenden Journalisten und Historikern verfasst wurden. Klaus Rainer Jackisch (2004) legt mit seinem explizit als populärwissenschaftlich bezeichneten Werk Eisern gegen die Einheit eine aufschlussreiche und mit vielen Quellen versehene Auseinandersetzung mit der britischen Politik während des Einigungsprozesses vor. Im Kern geht es ihm darum, Einblicke in die britische Position zu ermöglichen und zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit der kritischen Haltung der britischen Premierministerin Thatcher zur deutschen Einheit zu gelangen. Jackisch bemängelt explizit, dass die britische Rolle im Einigungsprozess im Laufe der Geschichte falsch gedeutet wurde und erhebt den Anspruch, dies durch seine Darlegung zu revidieren (Jackisch 2004: 10). Demnach habe Margaret Thatcher zwar versucht, die Wiedervereinigung zu verzögern, ihre Politik sei jedoch selbst in den eigenen Reihen höchst umstritten gewesen. Jackisch führt Thatchers Widerstand gegen die Einheit auf zwei zentrale Gründe zurück. Während insbesondere in Washington die Vorstellung geherrscht habe, Deutschlands Macht könne vor allem durch die Integration in europäische Strukturen ausbalanciert werden, befürchtete Thatcher, die Wiedervereinigung werde nicht zu einem ‚europäischen Deutschland', sondern zu einem ‚deutschen Europa' führen – zu schwer wiege die Wirtschafsmacht Deutschlands, um sie wirkungsvoll in einem europäischen Rahmen auszubalancieren. Andererseits behauptet Jackisch, Thatcher habe sich grundlegend in Gorbatschows Haltung zur deutschen Einheit getäuscht. Obwohl die beiden Politiker ein besonders enges Verhältnis gepflegt hätten, sei Thatcher davon überzeugt gewesen, dass eine Wiedervereinigung nicht im Interesse Gorbatschows gelegen haben könne. Sie sei der Meinung gewesen, dass eine Wiedervereinigung die Position Gorbatschows innerhalb des sowjetischen Machtapparats unterminieren und somit auch die angestoßene Reformpolitik gefährden könne.

Tilo Schabert (2002) verfolgt in seinem Werk Wie Weltgeschichte gemacht wird – Frankreich und die deutsche Einheit das Ziel, die Politik des französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand zu erklären, dem oftmals vorgeworfen wurde, den Deutschen die Einheit angeblich ‚nicht gegönnt' zu haben. Schabert behauptet, Mitterrand sei einer der ersten europäischen Staatsmänner gewesen, der die deutsche Einheit nicht als eine Utopie behandelt habe. Vielmehr sei für ihn die Möglichkeit eines Zusammenbruchs der Sowjetunion stets präsent gewesen und er habe immer wieder eine hieraus resultierende deutsche Einheit sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Kreise seiner Mitarbeiter diskutiert (Schabert 2002: 123). Mitterrands Politik sei untrennbar mit der Ausgestaltung der deutschen Wiedervereinigung verbunden und seine Haltung weniger auf nationale Eigeninteressen, sondern auf europäische Überzeugungen zurückzuführen (Schabert 2002: 14).

Jackischs und Schaberts Arbeiten liefern wichtige Einblicke in die britische und französische Debatte. Jackisch argumentiert grundsätzlich überzeugend, dass Thatcher die Wiedervereinigung fürchtete. Schließlich lässt der nur wenige Jahre später erfolgte Putsch gegen Gorbatschow ihre Überlegungen nicht weniger plausibel erscheinen.

Alexander von Plato (2002) verfolgt einen eher investigativen Ansatz der Zeitgeschichte und begibt sich in seinem Buch Die Vereinigung Deutschlands – ein weltpolitisches Machtspiel auf die Suche nach Ungereimtheiten in der ‚herrschenden' Geschichtsschreibung. Von Plato revidiert durch seinen Zugang zu den Moskauer Archiven immer wieder die Erinnerungserzählungen von beteiligten Entscheidungsträgern.

Alle bisher genannten Autorinnen und Autoren nahmen entweder selbst an den Verhandlungen in der ein oder anderen Form Teil, hatten Zugang zu den maßgeblichen Entscheidungsträgern oder waren in der Lage, hochrangige Delegationsmitglieder in Interviews persönlich für ihre Studien zu befragen sowie in Archiven zu recherchieren. Die Werke wurden während des Forschungsprozesses genutzt, um Aussagen in den Memoiren der Entscheidungsträger einzuordnen und zu überprüfen.

 
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