Editierte Dokumentsammlungen

In der empirischen Analyse wurde auf drei editierte Dokumentsammlungen zurückgegriffen, die jedoch primär dem deutschen Einheitsprozess gewidmet sind.

Um die Transaktionsprozesse der deutschen Bundesregierung mit den internationalen Partnern rekonstruieren zu können, wurde die von Hans Jürgen Küsters und Daniel Hofmann bearbeitete Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90 (zitiert als DzD 1989/90) herangezogen. Hier werden die Protokolle aller wichtigen Gespräche des Bundeskanzlers mit seinen internationalen Partnern zur Verfügung gestellt, die hinsichtlich des 10 Punkte Programms relevant waren.

Patrick Salomon, Keith Hamilton und Stephen Twigge (2012) haben in der Edition Documents on British Policy Overseas Series III, Volume VII Briefe und Kabel der britischen Botschaft in Bonn sowie weitere Korrespondenz zwischen dem britischen Außenministerium und Downing Street zusammengestellt. Der Schwerpunkt liegt auch hier auf der deutschen Frage. Adolf Kimmel und Pierre Jardin (2002) bieten in Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1963 eine Dokumentation, um die Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen seit 1963 abzubilden. Die historischen Prozesse lassen sich anhand von Auszügen aus Parlamentsdebatten sowie Verträgen und weiteren Dokumenten nachvollziehen.

Abschließend sei noch die von Aleksandar Galkin und Anatolij Tschernjajew (2011) herausgegebene Sammlung sowjetischer Dokumente erwähnt, die von Joachim Glaubitz aus dem Russischen übersetzt wurde. Obwohl die Fragestellung der Arbeit auf das inneratlantische Machtverhältnis gerichtet ist, erscheint es unerlässlich, gerade hinsichtlich des Streits über das 10 Punkte Programm auch die sowjetische Reaktion zu berücksichtigen.

Quellenkritik

Eines der zentralen Probleme in der empirischen Analyse wird bereits in der Quellenschau deutlich. LANCE wurde praktisch ausschließlich in der tagesaktuellen Berichterstattung sowie in den Memoiren einzelner Politiker behandelt. Ähnliches trifft auf das 10 Punkte Programm zu, auch wenn die Deutsche Einheit ein vielfach diskutiertes Thema ist. Die Forschungsarbeiten, die sich mit diesen Fällen auseinandersetzen sind für die hier vorliegende Analyse weniger brauchbar. Folglich stützt sich die Rekonstruktion der sozialen Praktiken im Streit über die LANCE-Raketen und das 10 Punkte Programm vorwiegend auf Memoiren, die von den politischen Akteuren verfasst wurden, sowie auf Berichte, die damals in Zeitungen erschienen sind. Diese Quellenlage ist nicht unproblematisch. Memoiren und Autobiographien lassen keine objektive Darstellung von Ereignissen zu, da sie stets vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrungen und Eindrücke verfasst wurden. Andererseits geht es in dieser Arbeit auch weniger um die Überprüfung der historischen „Wahrheit“, sondern um die Frage, welche Bedeutung bestimmten Ereignissen und Prozessen durch die Akteure zugeschrieben wurde. Dokumente wie Memoiren und Autobiographien werden in der Geschichtswissenschaft als Ego-Dokumente bezeichnet (Schulze 1996), die in erster Linie Auskunft über den Autor geben. Memoiren stehen immer wieder in der Diskussion, da Politiker sich hier in einem möglichst guten Lichte darstellen und ihre persönlichen Leistungen hervorheben. Dennoch hat sich Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren jedoch vermehrt diesem Genre zugewandt. Auch für die Bearbeitung der hier zugrundeliegenden Fragestellung erscheinen die Memoiren als unersetzliche Quelle, gerade weil dort die persönlichen Beziehungen und Begegnungen zwischen den Akteuren besonders ausführlich wiedergegeben werden. Die „sozialen Praktiken“, denen diese Studie auf der Spur ist, lassen sich schließlich aus diesen Beschreibungen ableiten.

 
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