Methodenreflexion und Ausblick für zukünftige Forschung

Mit dieser Studie wurden erstmals in Deutschland quantitativ die Wahrnehmungen und Erfahrungen von Betroffenen rechter Gewalt mit der Polizei erhoben. Die Betroffenen haben ihre Wahrnehmungen in Thüringen gemacht, dennoch ist davon auszugehen, dass die dargestellten Erfahrungen in dieser oder ähnlicher Form auch in anderen Bundesländern zu beobachten sind.

Methodenreflexion

Natürlich hat die Methode dieser Untersuchung – so wie jedes andere Verfahren auch – ihre Nachteile und Schwächen. Diese sind einerseits in der Stichprobe der Befragten und andererseits in der ausgewählten Methode begründet.

Nicht alle bei ezra in den letzten Jahren beratenen Opfer konnten erreicht und befragt werden (siehe oben). Und „inwieweit jene Opfer, die sich zu einer Mitarbeit bereitfinden, für die Gesamtheit der Opfer repräsentativ sind, ist ungeklärt“ (Kiefl

& Lamnek, 1986, S. 39). Insbesondere durch die Gewalttat stark traumatisierte Personen sind vermutlich weniger bereit, an solchen Befragungen teilzunehmen, da sie eine Retraumatisierung befürchten könnten.

Viele Beratungsnehmer und -nehmerinnen von ezra konnten zudem aufgrund sprachlicher Barrieren nicht befragt werden. In Fällen, bei denen nicht davon aus gegangen werden konnte, dass alle Items des Fragebogens richtig verstanden werden könnten, unterblieb von vornherein eine Kontaktaufnahme. Somit fand eine Vielzahl von Fällen insbesondere mit rassistischen Tatmotiven keinen Eingang in die Befragung, weil die zur Befragung notwendige professionelle Übersetzung des Fragebogens in verschiedene Sprachen und das Hinzuziehen von Dolmetschern und Dolmetscherinnen bzw. fremdsprachigen Interviewenden das enge Budget des Projektes weit überstiegen hätte. Insbesondere rassistisch-diskriminierte Menschen kommen daher hier gewissermaßen „zu kurz“, obwohl ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen aus verschiedenen Gründen besonders aufschlussreich erscheinen. Insofern handelt es sich hier explizit nicht um eine repräsentative Stichprobe der von ezra in den letzten Jahren beratenen Menschen. Es besteht weiterer Forschungsbedarf.

Zudem hat auch die Gültigkeit der Aussagen der Befragten ihre Grenzen. Insgesamt werden zwar Ergebnisse von Opferbefragungen für zuverlässiger gehalten als die von Täterbefragungen. Sie sind dennoch nicht frei von (systematischen) Verzerrungen: „Da die erfahrene Viktimisierung ein belastendes Erlebnis ist, dürfte eine Tendenz bestehen, die gesamte Tat oder doch einige ihrer Begleitumstände, zu verdrängen oder zu beschönigen“ (Kiefl & Lamnek, 1986, S. 39). Die Gültigkeit von Opferbefragungen ist vor allem deshalb eingeschränkt, da Vergangenes erfragt wird und der oder die Interviewte die Fragen als bedrohlich empfinden kann. Aufgrund der besonderen Situation und Belastungen der Befragten kann es zu systematischen Verzerrungen der Erinnerungen an die Tatsituation kommen. Auch Rationalisierungen, Schuldzuweisungen und Entschuldigungsbestrebungen spielen eine Rolle und beeinflussen die Objektivität der erhobenen Daten.

Dennoch haben wir uns bei der Gestaltung des Fragebogens für sehr harte Items entschieden, also für solche Aussagen, die sehr eindeutig und von den Befragten leicht zu verstehen sind. Die Tendenz zur Beschönigung wie die Härte der Aussagen, die ein hohes Maß an Zustimmung bei den Befragten benötigen, sind bei der Interpretation der Daten zu beachten, denn sie führen insgesamt eher zu einer Unterschätzung der Problemlage.

 
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