Die transatlantischen Beziehungen während des Kalten Krieges

Wendet man sich der Frage nach dem Beginn des Kalten Krieges aus einer konstruktivistischen Forschungsperspektive zu, konzentriert sich der Blick weniger auf historische Daten und Fakten, sondern auf die Herausbildung diskursiver Bedeutungsstrukturen sowie Selbst- und Fremdbeschreibungen, die politische Handlungsoptionen ermöglichen und begrenzen. Hierbei geht es nicht darum, die historische Faktizität der wechselseitigen Bedrohung oder die Blockbildung an sich zu negieren. Indessen stellt sich die Frage, wie durch die Konstruktion des Kalten Krieges als ein politisches Metanarrativ ein diskursiver Bedeutungsrahmen erzeugt wurde, der den Akteuren ermöglichte, sinnhaft von ‚Bedrohung', Abschreckung' oder ‚Eindämmung' sprechen zu können, gewisse Handlungen zu vollziehen und somit jenen Bedeutungsrahmen – also die ‚Struktur' – wiederum zu aktualisieren.

Wie ist der Kalte Krieg überhaupt entstanden? In seiner Beschäftigung mit dem Kalten Krieg geht es dem Historiker John Lewis Gaddis (2005) darum, Fakten und Ereignisse zu rekonstruieren, Rollen und Interessen einzelner Akteure zu identifizieren und in einem historischen Gesamtzusammenhang zu analysieren. Einem Fotografen gleich, der zur visuellen Erfassung eines komplexen Motivs unterschiedliche Brennweiten wählt, zoomt Gaddis immer wieder tief in die Geschichte und leuchtet einzelne Personen oder Situationen detailliert aus, blickt jedoch auch gelegentlich durch eine Weitwinkellinse, um größere historische Strukturen abzubilden. Gaddis legt die weit verzweigten Wurzeln frei, die seiner Meinung nach den Kalten Krieg verursachten, obwohl dessen historischer Ausgangspunkt nicht eindeutig zu definieren sei, schließlich habe es weder einen Überraschungsangriff noch irgendeine Kriegserklärung gegeben (Gaddis 2005: 27). Stattdessen sieht er ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit in Washington, London und Moskau als die eigentliche Ursache des Kalten Krieges an, die sich aus den Bemühungen der Siegermächte speiste, ihre eigenen Positionen in einer Nachkriegsordnung zu sichern.

Die identitätsstiftende Bedeutung des „Kalten Krieges“

Der Kalte Krieg zählt wohl zu den prägendsten Metanarrativen des 20. Jahrhunderts. Bradley Klein zeigt beispielhaft, wie durch diskursive Bedeutungsgenerierung die Möglichkeitsbedingungen zur Herausbildung des transatlantischen Bündnisses nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschaffen wurden (Klein 1990). In ähnlicher Absicht stellt sich Patrick Jackson die Frage, wie die Westintegration Deutschlands nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht wurde (Jackson 2006).

Klein arbeitet in seinem Beitrag heraus, wie die Vorstellungen von Modernisierung und Abschreckung den Zusammenhalt des westlichen Bündnisses ermöglichten. Klein zeigt dabei, dass Selbst- und Fremdbeschreibungen oftmals nicht explizit ausgesprochen wurden, sondern im Subtext entfaltet wurden:

“The most influential postwar document of all, NSC-68 (1950), contains not a single empirical claim about actual Soviet deployments. Subsequent invocations of 'the bomber gap', 'the missile gap', 'the INF-gap', and 'the window of vulnerability' derived their value as significations of imminent danger only by drawing upon salient claims, sometimes explicated but, often allowed to reside in a tacit subtext, about the alien-ness and 'other-ness' of Soviet political culture” (Klein 1990: 313).

Jackson zeigt in seinem Buch Civilizing the Enemy hingegen, wie die Westintegration Deutschlands, d.h. der Bundesrepublik Deutschland, nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Mobilisierung eines ‚Zivilisationsnarrativs' ermöglicht wurde (Jackson 2006: 3). Jackson geht es nicht darum, die politischen oder militärischen Strategien und Absichten zu ignorieren, die hinter diesen Prozessen gestanden haben mögen. Vielmehr soll deutlich werden, dass neben der Frage nach den Ursachen oder dem ‚warum' einer politischen Entscheidung – etwa warum die U.S.-Regierung 3,1 Milliarden U.S.-Dollar für den Wiederaufbau Deutschlands zur Verfügung stellte anstatt einer De-Industrialisierung nach Vorgabe des Morgenthau-Plans zuzustimmen – stets auch die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen politischen Handelns gestellt werden kann.

Der Verweis auf die wechselseitige Konstitution von diskursiv erzeugten Bedeutungsstrukturen (Identitäten, Normen, Werten etc.) und Handlungen (agency) wie es exemplarisch in den Arbeiten von Klein und Jackson geschieht, heißt jedoch nicht, dass die materiellen Bedingungen, unter denen die Herausbildung des Kalten Krieges möglich wurde, nachrangig behandelt oder ausgeblendet werden sollten. Entscheidend ist jedoch, welche Bedeutung diesen materiellen Gegebenheiten zugeschrieben wird und welche Handlungsmöglichkeiten durch diese Bedeutungszuschreibung wiederum eröffnet und/oder ausgeschlossen werden. Konstruktivistischen und post-strukturalistischen Arbeiten geht es nicht lediglich darum, zu zeigen, dass Normen, Werte und Identitäten wichtig sind, sondern darum, wie sie zur Reproduktion von Machtverhältnissen gebraucht werden.

Klein spricht sich zur Erfassung derartiger Bedeutungsstrukturen für einen genealogischen Ansatz aus:

“A genealogical account of alliance defense policy explores the practices by which certain boundaries of political space became demarcated across Central Europe. It explores, as well, the forms of identity which came to prevail over other possible forms that Western politics-and global security practices-could have assumed. Such an analysis does not result in a singular master narrative, but rather in an open, internally differentiated set of practices in which elements of power are always in the process of being contested and rearticulated” (Klein 1990: 314)

Es wäre wohl vermessen, solch eine ‚Genealogie des Kalten Krieges' in dieser Studie auf nur wenigen Seiten anbieten zu können. Allerdings soll die folgende Problematisierung des Kalten Krieges, d.h. ein Blick auf die identitätsstiftenden Bedeutungsstrukturen Ende der 1940er Jahre dazu beitragen, die Möglichkeitsbedingungen der Herausbildung des transatlantischen Machtverhältnisses besser zu verstehen.

George Orwells Essay You and the Atomic Bomb (1946), in dem der Begriff

‚Kalter Krieg' wahrscheinlich erstmals verwendet wurde, bietet hierzu einen geeigneten Ausgangspunkt[1]. Für den Schriftsteller und politischen Kommentator Orwell ist die Entwicklung der Atombombe und die Aussicht einer gegenseitigen totalen Vernichtung der Ursprung eines ‚Kalten Krieges' zwischen atomar bewaffneten Großmächten. Die Zivilisationsgeschichte sei schon immer eine Geschichte der Waffen gewesen und so werde auch die Atombombe das Zusammenleben der Menschen grundlegend verändern. Die Erfindung der Atombombe werde zu einer Weltordnung führen, in der sich zwei oder drei Großstaaten in einem Zustand des ‚Kalten Krieges' gegenüberstehen, da sie, aufgrund der drohenden wechselseitigen Vernichtung, nicht in der Lage seien, einander anzugreifen. Indessen werden sie ihre kriegerischen Auseinandersetzungen auf andere Staaten und Regionen verlagern, die nicht über die Fähigkeit der nuklearen Abschreckung verfügen. Folglich trete eine Situation des „Frieden ohne Frieden“ zwischen den Atommächten ein (im Original: „peace without peace“; Orwell 1946).

Ob Orwell den Begriff des ‚Kalten Krieges' wirklich als erster nutzte, lässt sich hier nicht eindeutig klären, ist aber an dieser Stelle nicht weiter wichtig. Doch Orwell scheint ein Schriftsteller gewesen zu sein, der ein ausgeprägtes Gespür für historische Entwicklungen hatte – denn schließlich wurden seine düsteren Prophezeiungen nur wenige Jahre später Realität. Gaddis macht bereits in der Einleitung zu seinem Werk Cold War darauf aufmerksam, dass Orwell hinsichtlich seiner utopischen (im Sinne der literarischen Gattung) Beschreibung eines totalitären Systems in seinem Roman 1984 die bemerkenswerte Fähigkeit besaß, eine Äquivalenz zwischen fiktionaler Darstellung und realen Begebenheiten zu erzeugen (Gaddis 2005: 2). Die politische Bedeutung von 1984 im westlichen Diskurs besteht sicherlich auch darin, dass eine Fiktion der Zustände in einem totalitären System entwickelt wird, die geradezu zwangsläufig mit der Sowjetunion verknüpft werden konnte. Stalin, so Gaddis, tritt bei Orwell in der Rolle des Big Brother auf und die Sowjetunion werde zum Ebenbild des düsteren Reiches Ozeaniens, das von einer totalitären Schreckensherrschaft regiert wird.

Der ‚Kalte Krieg' basiert zu einem erheblichen Teil auf solchen populären Signifikationen und Selbst-Fremdbeschreibungen, die nicht nur in kulturell anspruchsvollen Erzeugnissen wie Orwells 1984, sondern auch in trivialer Form etwa in der Agentenreihe James Bond verhandelt wurden. Die narrative Aufladung des ‚Kalten Krieges' ging dabei weit über rein strategisch-militärische Fragen hinaus und war fest im gesellschaftlich-kulturellen Diskurs verankert.

Der ‚Kalte Krieg' steht auch in seiner heutigen Rezeption für den Gegensatz zweier politischer Systeme, Weltanschauungen, Ideologien und Kulturen – also für zwei grundverschiedene Gesellschaftsentwürfe. Dieser Gegensatz, aus dem die auf Wechselseitigkeit beruhende feindliche Gesinnung hervorging, wurde immer wieder vor allem durch politische Akteure auf beiden Seiten in Wort und Tat aktualisiert.

In die politische Debatte wurde der Begriff des ‚Kalten Krieges' insbesondere von Bernard Baruch eingeführt. Baruch behauptete in einer Rede aus dem Jahr 1947:

„Let us not be deceived, we are today in the midst of a Cold War. Our enemies are to be found abroad and at home. Let us never forget this: Our unrest is the heart of their success” (Baruch 1947) [2]

Dieser Satz ist vor allem bemerkenswert, da er zeigt, dass der ‚Kalte Krieg' nicht (nur) als eine territoriale Auseinandersetzung empfunden wurde, sondern vor allem als ein identitätsbasierter Konflikt. Im Kalten Krieg standen einander nicht nur zwei geographisch getrennte Staatensysteme gegenüber, die aufgrund der gegenseitigen Abschreckungsrationalität von einem Angriff absahen, sondern zwei unterschiedliche Weltanschauungen mit spezifischen, dichotomen Signifikationen, die in der Truman-Doktrin aus dem Jahren 1947 auf den Punkt gebracht wurden:

“At the present moment in world history nearly every nation must choose between alternative ways of life. The choice is too often not a free one. One way of life is based upon the will of the majority, and is distinguished by free institutions, representative government, free elections, guarantees of individual liberty, freedom of speech and religion, and freedom from political oppression. The second way of life is based upon the will of a minority forcibly imposed upon the majority. It relies upon terror and oppression, a controlled press and radio, fixed elections, and the suppression of personal freedoms. I believe that it must be the policy of the United States to support free peoples who are resisting attempted subjugation by armed minorities or by outside pressures” (Truman 1947; Herv. AH)

Die Truman-Doktrin gilt als die Grundlage der Containment-Strategie und begründete die ideologische Spannung zwischen ‚dem Westen' und ‚dem Osten'[3].

In der hier zitierten Passage kommen die identitätsstiftenden, dichotomen Bedeutungsstrukturen in Form einer Selbst- und Fremdbildkonstruktion besonders deutlich zum Ausdruck. Auf der einen Seite steht das System der westlich geprägten, repräsentativen Demokratie, in dem individuelle Freiheitsrechte garantiert werden, auf der anderen Seite steht das System einer totalitären Minderheitenherrschaft, in der die Rechte von Bürgern unterdrückt werden. Vor dem Hintergrund des hier entwickelten und aktivierten Diskurses und der aus ihm hervorgehenden identitätsstiftenden Bedeutungsstrukturen, erscheint Trumans Forderung, wonach es die Aufgabe der U.S.-Außenpolitik sei, die Koexistenz der beiden unterschiedlichen Systeme nicht einfach zu akzeptieren, sondern die Kräfte zu unterstützen, die sich gegen die ‚Unterdrücken' wehren, sinnhaft anschlussfähig.

Obwohl die Truman Doktrin vielfach als endgültige Abkehr von einer isolationistischen Außenpolitik und somit zu einem Paradigmenwechsel stilisiert worden ist, sieht Gaddis hierin eher eine außenpolitische Kontinuität im Umgang der USA mit Machtverschiebungen in Europa (Gaddis 1974: 386). Die Verpflichtung der Containment-Strategie, wonach die Ausbreitung des Kommunismus aktiv bekämpft werden solle, habe schließlich mit den Entwicklungen des Krieges in Korea ihre Erfüllung gefunden. (Gaddis 1974: 386). Gaddis weist jedoch darauf hin, dass zwischen der Rhetorik der Truman-Doktrin und der ‚tatsächlichen' U.S.-amerikanischen Außenpolitik seinerzeit eine erhebliche Diskrepanz geherrscht habe. Aus seiner Sicht habe die U.S.-Regierung bis zum Ausbruch des Krieges in Korea keinerlei Engagement entwickelt, die Ausbreitung der Kommunismus durch militärische Maßnahmen einzudämmen (Gaddis 1974: 392). Dies mag aus der Perspektive des Historikers zwar stimmen, aus konstruktivistischer Sicht erscheint die ‚Rhetorik' Trumans indessen von weitaus größerer Bedeutung, da hierin ein diskursiver Rahmen erzeugt wird, der den praktischen Vollzug und die militärstrategische Umsetzung der Containment-Strategie überhaupt erst sinnhaft anschlussfähig macht.

Natürlich gab es auch in den USA erheblichen Widerstand gegen die dominante Erzählung eines ‚Kalten Krieges' zwischen zwei unversöhnlichen Gesellschaftssystemen, die insbesondere von einer politischen Leitfigur verkörpert wurde: Henry Wallace, dem Begründer der Progressive Party und einem angeblichen Sympathisanten des Kommunismus. Wallace war Handelsminister in Trumans Regierung, wurde jedoch aufgrund seiner ‚weichen' Haltung gegenüber der Sowjetunion als Minister entlassen (Gaddis 1974: 389). Norman Podhoretz, der in den 1990er und 2000er Jahren als Hauptvertreter des US-amerikanischen Neokonservatismus nationale Bekanntheit erlangte, bezeichnet sich selbst als früheren Wallace-Anhänger und Wahlkampfhelfer der Progressive Party (Podhoretz 1986: 704). Während Wallace und andere Linke grundsätzlich bezweifelten, dass die Sowjetunion eine Gefahr darstelle, forderten die Rechten eine Strategie des sogenannten Rollback. Allerdings schreibt Podhoretz, war wohl keiner der Vertreter einer Rollback-Strategie tatsächlich für deren Umsetzung. Wohl handelte es sich mehr um einen Versuch, die eigene anti-kommunistische Haltung besonders deutlich hervorzukehren und den Verdacht einer prokommunistischen Einstellung präventiv zu zerstreuen. Der mangelnde Wille, eine amerikanische Außenpolitik auf Grundlage des Rollback zu praktizieren, zeigte sich nach Podhoretz etwa in der Zurückhaltung angesichts der Ereignisse in Ungarn 1956 (Podhoretz 1986: 706). Podhoretz beschreibt die ContainmentStrategie als Reaktion auf die Erfahrungen von 1938, also Chamberlains gescheiterten Versuch einer Appeasement-Politik gegenüber den Nationalsozialisten. Die Containment-Strategie beruhe auf zwei einfachen Grundannahmen: Erstens stellt die Sowjetunion eine klare und gegenwärtige Gefahr für die freien Institutionen des Westens dar und zweitens könne ausschließlich die USA diese Bedrohung eindämmen (Podhoretz 1986: 704).

Die identitätsstiftenden Bedeutungsstrukturen des ‚Kalten Krieges', allen voran die Containment-Strategie, unterlagen jedoch auch Krisen. Immer wieder sind Versuche zu beobachten, die etablierten Machtstrukturen innerhalb der Allianz in Frage zu stellen und zu verändern. Die Suezkrise, der Aufbau der Force de frappe und der Austritt Frankreichs aus den Militärstrukturen der NATO sind hierbei nur die prominentesten Beispiele. Die Krise des Bündnissesvor dem NATO-Doppelbeschluss und die berühmte Londoner Rede Helmut Schmidts 1977 zeigen indessen, wie sehr insbesondere die Bundesrepublik Deutschland an den unverbrüchlichen Sicherheitsgarantien der USA interessiert war (Haftendorn 1986). Schließlich bestand seit dem Wechsel der NATOStrategie von der massive retaliation zur flexible response stets die Möglichkeit, auf eine sowjetische Invasion mit konventionellen Mitteln zu reagieren. Hierdurch wäre Deutschland zwangsläufig zum Hauptschauplatz eines ‚dritten Weltkrieges' geworden, der sogar unter Einsatz nuklearer Kurz- und Mittelstreckenraketen hätte geführt werden können – wohlgemerkt ohne die jeweiligen Supermächte in unmittelbare Mitleidenschaft eines nuklearen Schlagabtausches zu ziehen – nur vor diesem militärstrategischen aber auch hoch politischen Hintergrund ist die spätere Debatte über die LANCE -Raketen und deren Relevanz für die Aushandlung des transatlantischen Machtverhältnisses überhaupt zu verstehen.

Diese Überlegungen sorgten insbesondere innerhalb des westlichen Bündnisses für erhebliche Spannungen und Konflikte. In der Essaysammlung Transatlantic Crisis – Europe and America in the 70s, die von Joseph Godson im Jahre 1974 herausgegeben wurde, diskutieren unterschiedliche Autoren wie Pierre Harmel, Bernard Lewis oder Georg Leber transatlantische Differenzen in nahezu jeder strategisch wichtigen Frage der damaligen Zeit. Allerdings offenbart dieser Essayband durch seine gesamte Struktur, wie die transatlantischen Interessenkonflikte durch die allgegenwärtige und sogar gestiegene Bedrohung durch die Sowjetunion eingerahmt und marginalisiert werden konnten (Godson, Luns, Stewart 1974). NATO-Generalsekretär Joseph Luns skizziert in den einleitenden Worten zu diesem schmalen Bändchen zunächst das allgemeine ‚Bedrohungsszenario', das die Sowjetunion durch massive konventionelle und nukleare Aufrüstung geschaffen habe. Sämtliche Konflikte innerhalb der Allianz werden in Anschluss daran stets vor dem Hintergrund dieser Bedrohung und eines möglichen Krieges mit der Sowjetunion verhandelt, wodurch geradezu ein Imperativ der Geschlossenheit erzeugt und der Zusammenhalt des westlichen Bündnisses beschworen wurde. Beispielhaft zeigt sich hier, wie immer wieder mit Verweis auf die sowjetische Bedrohung ein politischer Zusammenhalt im westlichen Bündnis begründet wurde, der die identitätsstiftenden Bedeutungsstrukturen des Kalten Krieges in krisenhaften Situationen aktualisierte.

Die identitätsstiftende Bedeutung des Kalten Krieges als vorrangiges Denkmuster internationaler Politik wirkte jedoch nicht nur als struktureller Rahmen, der die Handlungsskripte von Politikern Ende der 1940er Jahre prägte, sondern schlug sich auch in der Entwicklung der Disziplin der Internationalen Beziehungen nieder. Hierzu könnte etwa auf die Rezeption der Werke von Kenneth Waltz Theory of International Politics im Vergleich zu Charles Beitz' Political Theory and International Relations verwiesen werden, die beide im Jahr 1979 erschienen sind. Die disziplinhistorische Bedeutung des Neorealisten Kenneth Waltz und seiner Theorie der Balance of Power gegenüber dem kosmopolitischen Ansatz von Charles Beitz wird kaum zu bestreiten sein. Nicholas Rengger (2005) zeigt zwar den Einfluss Beitz' Werk für die Entwicklung einer normativen Theorie in den IB auf. Von einem zu Waltz auch nur ansatzweise vergleichbaren Eingang in das weltweit gelehrte Standard-Curriculum von IBTheorien kann jedoch sicher nicht die Rede sein. Beitz beschreibt in einer Selbstreflektion seines eigenen Werkes die Auswirkungen der politischen Großwetterlage auf das intellektuelle Umfeld, in dem sich Politikwissenschaftler seinerzeit bewegten. Die realistischen Vorstellungen über die Bedeutungslosigkeit moralischer Urteile und die Trennung zwischen Innen- und Außenpolitik seien damals vorherrschend gewesen (Beitz 2005: 411).

  • [1] orwell.ru/library/articles/ABomb/english/e_abomb (letzter Zugriff am 12.08.2012)
  • [2] Das Zitat ist Verfügbar unter en.wikiquote.org/wiki/Bernard_Baruch (letzter Zugriff 26.9.2012)
  • [3] Interessanterweise wird immer wieder George Kennan mit seinem berühmten X-Artikel als Kronzeuge der Containment-Strategie genannt. Kennan schreibt jedoch, Thomas Mann zitierend, dass sich die UdSSR seiner Meinung nach bereits in einem unaufhaltsamen Niedergang befände und den Zenit ihrer Macht überschritten habe. Ihre damalige Strahlkraft sei mit der eines längst erlöschenden Sterns zu vergleichen: “This phenomenon brings to mind a comparison used by Thomas Mann in his great novel Buddenbrooks. Observing that human institutions often show the greatest outward brilliance at a moment when inner decay is in reality farthest advanced, he compared one of those stars whose light shines most brightly on this world when in reality it has long since ceased to exist. And who can say with assurance that the strong light still cast by the Kremlin on the dissatisfied peoples of the western world is not the powerful afterglow of a constellation which is in actuality on the wane? This cannot be proved. And it cannot be disproved. But the possibility remains (and in the opinion of this writer it is a strong one) that Soviet power, like the capitalist world of its conception, bears within it the seeds of its own decay, and that the sprouting of these seeds is well advanced” (Kennan 1947). Kennan empfiehlt der US-Regierung zwar Druck auf das sowjetische System auszuüben, bezieht sich hierbei jedoch auf Veränderungen, die in der westlichen Welt stattfinden sollten, um sich im Wettstreit der Systeme durchzusetzen und den Kommunismus zu diskreditieren: “It is rather a question of the degree to which the United States can create among the peoples of the world generally the impression of a country which knows what it wants, which is coping successfully with the problem of its internal life and with the responsibilities of a World Power, and which has a spiritual vitality capable of holding its own among the major ideological currents of the time. To the extent that such an impression can be created and maintained, the aims of Russian Communism must appear sterile and quixotic, the hopes and enthusiasm of Moscow's supporters must wane, and added strain must be imposed on the Kremlin's foreign policies” (Kennan 1947)
 
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