Telefonat Bush/Thatcher

Die Vorkommnisse riefen auch die britische Premierministerin Margaret Thatcher auf den Plan, die sich unmittelbar nach Bekanntwerden des Positionspapiers der Bundesregierung bei U.S.-Präsident Bush meldete, um über eine Reaktion auf den deutschen Vorstoß zu sprechen:

“[Bush:] NATO was not Germany, she [Thatcher, AH] said, and we could not have Bonn to dictating to the alliance. In the last resort, if we could together stand firm for NATO, Kohl could not depart from his American and British allies. The consequences would be 'too horrific'. It was up to Washington and London to rescue the alliance, she argued. We must be firm with Germany, they were wrong to make their position public. She volunteered to make her own stance public, but as NATO's not her own” (Bush/Scowcroft 1998: 68f)

Thatcher habe auch vorgeschlagen, das gemeinsame Gespräch zwischen Bush und ihr zu veröffentlichen, um nach außen zu signalisieren, dass die USA und Großbritannien gemeinsam auf den deutschen Vorstoß reagierten, berichtet Bush. Bush zitiert Thatcher mit den Worten:

“[Thatcher:] What is important is agreement between the US and Britain […] because without these two countries, there would be no NATO” (Bush/Scowcroft 1998: 69)

Er, Bush, habe Thatchers Angebote jedoch mit dem Hinweis abgelehnt, man wolle die Gespräche mit den deutschen Ministern in Washington erst abwarten. Schließlich habe er mit Kohl telefoniert und dieser habe ihm zugesichert, dass es keine vollendeten Tatsachen („fait accompli“) gebe:

„[Bush:] We would deal privately and in good faith with the Germans when they came”

(Bush/Scowcroft 1998: 69)

In Anschluss an die Schilderung des Telefonats mit Thatcher geht Bush sehr detailliert auf sein Verhältnis zur britischen Premierministerin ein, beschreibt sie als starke Führungspersönlichkeit, die eine enge Beziehung zu Ronald Reagan pflegte, der ihr mehrfach gestattete, auch in seinem Namen zu sprechen, wodurch die sogenannte special relationship ihren personifizierten Ausdruck gefunden habe. Reagan habe in internationalen Verhandlungen normalerweise den Ton angegeben, jedoch immer wieder die Führung der Debatte an Thatcher weitergegeben und ihr erlaubt, in ihrer beider Namen zu sprechen. Er sei sich der Bedeutung der amerikanisch-britischen Beziehungen auch stets bewusst gewesen:

“[Bush:] and I was determined to work closely with Margaret, but I had to speak for myself. In her memories, she makes reference to need on my part to assert myself. I think, her perceptions stemmed from my decision early on that there could be only one spokesman for the United States. I know she understood this, but it was a change from the past and from the added authority with which she had been able to speak” (Bush/Scowcroft 1998: 69)

Bush erklärt jedoch weiter, Thatcher habe trotz dieser Zurückweisung stets an der Seite der USA gestanden. So habe sie hart dafür gekämpft, die special relationship aufrecht zu erhalten auch wenn dies bedeutete, dass sie im Zweifel ihre eigenen Überzeugungen zugunsten der USA zurückgestellt hätte (Bush/Scowcroft 1998: 70). Thatcher habe geglaubt, so vermutet Bush, die USA seien eine Art Gegengewicht in Europa, um die wachsende Kooperation zwischen Frankreich und Deutschland auszugleichen – eine Entwicklung, der sie stets misstraut habe (Bush/Scowcroft 1998: 70). Nun soll im Folgenden das Telefonat zwischen Bush und Thatcher nach dem gleichen Prinzip analysiert werden, wie das Gespräch zwischen Bush und Kohl.

Zunächst fällt auf, dass Thatcher mehr oder weniger explizit eine Bestrafung der Bundesregierung forderte, da diese nicht das Recht habe, der Allianz eine Position zu diktieren. Wie bereits Bush so sieht auch Thatcher im Vorstoß der Bundesregierung eine unzulässige Artikulation der eigenen Position („they were wrong to make their position public“), was nicht geduldet werden dürfe, weshalb gemeinsamer Druck auf die Bundesregierung ausgeübt werden müssen, um diese zum Einlenken zu bewegen. Die offene Artikulation ihrer Forderung ist machtpolitisch nicht unbedeutend, da hierin ein Versuch gesehen werden könnte, den eigenen Status innerhalb der Allianz auf Kosten der Bundesregierung zu festigen. Einerseits wird deutlich, dass Thatcher die Statusasymmetrie zu den USA zwar anerkennt, durch ihre Forderung jedoch das Selbstverständnis kommuniziert, dass sie sich in einem höheren Status als andere Bündnispartner befinde. Wie Bush berichtet, habe sie angeboten, ihre Position in Namen der NATO zu veröffentlichen: „She volunteered to make her own stance public, but as NATO's not her own“.

Wie bereits in der Analyse des Gesprächs zwischen Kohl und Bush, geht es auch hier wieder um das Recht, im Namen der NATO sprechen zu dürfen. Offenbar erscheint der U.S.-Präsident als derjenige, der darüber zu entscheiden hat, wem dieses Recht gebührt. Die Sprecherposition scheint also ein wichtiges Statusindiz für die Verbündeten zu sein, nicht jedoch, um die Statusasymmetrie gegenüber den USA zu verringern, sondern um die Statusunterschiede im Vergleich zu den anderen Verbündeten herzustellen. In diesem Sinne könnte Thatchers Versuch interpretiert werden, die Einheit des Bündnisses auf die Einigkeit zwischen Großbritannien und den USA zu reduzieren:

“[Thatcher:] What is important is agreement between the US and Britain […] because without these two countries, there would be no NATO” (Bush/Scowcroft 1998: 69)

Bei einer ersten Betrachtung des Kommunikationsprozesses scheint klar, dass Thatcher durch ihre fast schon unterwürfige Haltung nicht an der Statusasymmetrie zweifelt und die freiwillige Gefolgschaft geradezu mustergültig praktiziert. Allerdings scheint so viel Anerkennung und freiwillige Gefolgschaft auf eine eher verhaltene Begeisterung in Washington zu stoßen. Wie Bush selbst schreibt, wies er Thatchers Vorschläge allesamt zurück. Weder mochte er Thatcher gestatten, das gemeinsame Telefonat zu veröffentlichen, um nach außen zu demonstrieren, wie eng London und Washington in dieser Angelegenheit kooperierten, noch gestattete er ihr das Recht, ihre Position, die Bush inhaltlich ja teilte, im Namen der NATO zu artikulieren, um Kohl und seine Regierung auf diese Weise zu isolieren. Aus Bushs Erläuterungen lässt sich ableiten, dass er Thatchers scheinbare Anerkennung und freiwillige Gefolgschaft nicht als eine Bestätigung seiner Führungsrolle interpretiert hatte. Vielmehr scheint bei ihm der Verdacht durch, wonach Thatchers Annäherungsversuche zwar ihre eigene Position innerhalb des Bündnisses stärkten, jedoch zu einer Schwächung der Rolle des US-Präsidenten führen könnten. Das Telefonat zwischen Thatcher und Bush lässt sich also eher als ein Aushandlungsprozess der britisch-amerikanischen Sonderbeziehungen betrachten, der sich vor dem Hintergrund der SNF-Debatte abzeichnete. Wie Bush deutlich hervorhebt, sei es ihm damals vor allem darum gegangen, seiner Position als alleiniger Sprecher der USA uneingeschränkte Geltung zu verschaffen: „there could be only one spokesman for the United States“ (Bush/Scowcroft 1998: 69).

Von einem Machtverlust Londons innerhalb des westlichen Bündnisses zu sprechen wäre möglicherweise etwas zu weit gegriffen, doch eine substantielle Veränderung der special relationship, in dem die Machtasymmetrien deutlicher hervortreten, kann durchaus konstatiert werden. Diese machtpolitischen Veränderungen greift Thatcher in ihren Memoiren auch direkt auf:

„[…] daß der neue Ansatz der Amerikaner darin bestand, klare Absichtserklärungen über die Verteidigung des Bündnisses den politischen Empfindlichkeiten der Deutschen unterzuordnen. Das verhieß nichts Gutes“ (Thatcher 1993a: 1092)

 
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