Das NATO-Gipfeltreffen in Brüssel

„There has been no American leadership whatsoever“, teilte Robert Warnke, ein ehemaliger Chefunterhändler der Carter Administration, gegenüber der internationalen Presse im Zusammenhang mit dem anstehenden NATO-Gipfel in Brüssel

mit. Warnke forderte die Bush-Administration auf, in Verhandlungen mit der Sowjetunion über den Abbau konventioneller Streitkräfte einzutreten, gleichzeitig jedoch darauf zu beharren, die SNF nicht abzurüsten, solange der Warschauer Pakt nicht zu erheblichen Kürzungen im Bereich der konventionellen Waffen bereit wäre (The Associated Press, 1. Mai 1989).

Die LANCE-Thematik wurde im Mai 1989 in einer gemeinsamen Anhörung der Unterausschüsse für ‚Rüstungskontrolle' und ‚Europa/Mittlerer Osten' beraten (Federal News Service, 17. Mai 1989). Paul Nitze, Berater des U.S.Präsidenten Ronald Reagan in Rüstungskontrollangelegenheiten, hatte nur wenige Tage vor seiner Ausschussanhörung einen Artikel in der Washington Post mit dem Titel What Bush Should Do To Solve the NATO Flap verfasst, worin er auch die Machtstrukturen des Bündnisses skizziert. Demnach sei es innerhalb der Allianz schon immer zu Konflikten gekommen, insbesondere zwischen den USA und Frankreich, wobei dies niemals zu einer ernsthaften Schädigung des Bündnisses geführt hätte. Die Auseinandersetzung über die LANCE-Raketen sei jedoch weitaus ernster, da die kontinentaleuropäischen Staaten die Position Deutschlands weitgehend unterstützten und somit eine Front gegen die USA und Großbritannien bildeten.

Das Problem sei jedoch, dass in der US-Außenpolitik schon lange eine Spannung zwischen der special relationship zu Großbritannien und den strategischen Interessen in Kontinentaleuropa herrsche:

“[Nitze:] When England and the United States join in hectoring demands for action by the continental NATO countries, this is taken as unwarranted pressure by the Anglo-Saxons, who are not viewed by the continentals as being true Europeans. Furthermore, the uncompromising position of the Anglo-Saxons against any negotiations with the Soviets about short-range missiles

– while concurrently demanding that West Germany sometime in the future agree to modernization of our Lance missiles in Germany – is politically unacceptable to the German government. The Germans are being backed by the other NATO continental European powers. Unless a compromise can be found, those relationships can split the alliance with the serious consequences to NATO unity that Gorbachev has long hoped would drop into his lap “(Washington Post, 14. Mai 1989)

Um das Problem mit den nuklearen Kurzstreckenraketen zu lösen, schlägt Nitze vor, anstatt sich Verhandlungen mit der Sowjetunion zu verweigern, wie von der britischen Regierung gefordert, solle die Bush-Administration auf Kohl zugehen und folgenden Vorschlag unterbreiten. Die Bundesregierung solle formell auf den lang ersehnten Wunsch nach einer ‚dritten Nulllösung' verzichten und die USA in ihrem Ziel unterstützen, mit den Sowjets ein Gleichgewicht im Bereich der Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite zwischen 200-300 Meilen auszuhandeln. Die Forderung, Deutschland solle einer Modernisierung dieser Waffen

ohne gleichzeitige Verhandlungen zustimmen, sei nicht aufrecht zu erhalten, da dies keine deutsche Regierung akzeptieren könne. Auch sei es keineswegs so, dass, wie von Henry Kissinger behauptet wurde, Verhandlungen über die SNF zwangsläufig der Forderung nach einer ‚dritten Nulllösung' Vorschub leisten würden. Diese Stimmen werde es ohnehin immer geben, die Mehrheit der Deutschen wolle jedoch die NATO erhalten und diese Kräfte müssten durch die U.S.Politik gestärkt werden. Nitze wiederholte vor dem Ausschuss seine politischen und militärstrategischen Einschätzungen, wonach Verhandlungen sowohl über die SNF als auch die konventionellen Streitkräfte aufgenommen werde sollten, mit dem Ziel, die einseitige Übermacht der Sowjets im konventionellen Bereich zu reduzieren. Somit würden auch die SNF an strategischer Bedeutung verlieren. Robert Warnke, der ebenfalls vor den Ausschuss geladen war, stimmte Nit-

ze in allen Punkten zu. Auch er bezweifelte die Notwendigkeit, wonach eine Entscheidung über die Modernisierung der Waffen zu diesem Zeitpunkt gefällt werden müsste. Er gab zu bedenken, dass man der deutschen Bevölkerung in der Vergangenheit bereits erhebliche Belastungen zugemutet habe, wie etwa den NATO Doppelbeschluss und die Stationierung der Pershing II. Kim Holmes von der Heritage Foundation hingegen widersprach den Einschätzungen von Nitze und Warnke. Aus ihrer Sicht sei die Gefahr zu groß, dass gekoppelte Verhandlungen über die SNF sowie die konventionellen Streitkräfte zu einer ‚dritten Nulllösung' führen könnten. Die Aufmerksamkeit läge eindeutig bei den Verhandlungen über die SNF und wie solle die USA reagieren, wenn Moskau ein Angebot für deren Abschaffung vorlegt ohne jedoch auch im Bereich der konventionellen Streitkräfte entsprechend abzurüsten. Hierdurch würde die Regierung in Washington unter Druck geraten, da in Deutschland ein sowjetisches Angebot zu einer ‚dritten Null' niemand ablehnen wollen würde – eine Spaltung des Bündnisses wäre in solch einer Situation unausweichlich (Federal News Service, 17. Mai 1989).

In der anschließenden Befragung der Experten zeigten sich nicht alle Vertreter und Vertreterinnen des Kongresses restlos von Nitzes und Warnkes Position überzeugt. Die republikanische Abgeordnete Olympia Snowe verwies auf einen Zeitplan der NATO, wonach eine Modernisierung der Waffen doch eindeutig beschlossen worden sei. Nun stelle sie sich die Frage, weshalb diese Vereinbarungen auf einmal nicht mehr gelten sollen. Warnke verdeutlicht hierauf noch einmal die Unmöglichkeit, eine Modernisierung der SNF unter den gegebenen Umständen durchzusetzen:

“[Warnke:] But at the present point, pushing the Germans for a decision on Lance, is just not going to work. Now you can say politics shouldn't interfere with the security of NATO, but the

fact is, there is virtually no support […] in West Germany for a new nuclear system. They aren't going to do it. We can build it. You can put it in Fort Knox, or the Great Plains of the United States. It won't go in West Germany” (Federal News Service, 17. Mai 1989)

Bereits diese wenigen Zitate zeigen, wie der Diskussionsprozess in den USA verlaufen ist, in dem durchaus Stimmen zu vernehmen waren, die wenig Verständnis für die ablehnende Haltung der Bundesregierung in dieser Angelegenheit hatten und die für einen stärkeren Druck Washingtons auf den widerspenstigen Bündnispartner plädierten. Diese Diskussionen fanden auch innerhalb der Administration statt und einige Berater rieten dem U.S.-Präsidenten, nicht auf die Forderung nach Abrüstungsverhandlungen in Bezug auf die SNF einzugehen (Bush/Scowcroft 1998: 73).

Mit Blick auf die Vorbereitungen des NATO-Gipfels Ende Mai schreibt Brent Scowcroft, damals sei es darum gegangen, die U.S.-amerikanische Führung innerhalb des Bündnisses wiederherzustellen und hierzu seien mutige Maßnahmen erforderlich gewesen. Jeder Vorschlag von Seiten der USA musste substantiell gehaltvoll sein und durfte keinesfalls den Anschein von Symbolpolitik erwecken. Der Kompromissvorschlag, den die Mitarbeiter des Präsidenten im Vorfeld des Gipfels ausgearbeitet hatten, sah im Kern eine 20%ige Kürzung im Bereich der konventionellen Streitkräfte auf beiden Seiten vor. Baker schreibt, dass durch diesen Vorschlag das strategische Ungleichgewicht im Bereich der konventionellen Streitkräfte zwar nicht beseitigt worden wäre, mittelfristig wohl aber die Grundlage für die Existenz der SNF. Nachdem man sich intern auf diesen Kompromissvorschlag geeinigt hatte, sei es darum gegangen, die Verbündeten auf diese Initiative diplomatisch vorzubereiten:

“It was a bold move. The President sent Larry Eagleburger, Bob Gates (Brent Scowcroft's debuty at the NSC), and Jim Timbie the unsung and unassuming arms control specialist, to preview the proposal with key allies” (Baker 1995: 94)

Auch Hans-Dietrich Genscher widmet der Phase vor dem Gipfel einige Seiten in seinen Memoiren. Am 12. Mai 1989 sei es in Brüssel zu einem Vieraugengespräch zwischen ihm und Baker gekommen, in dem er dem U.S.-Außenminister eindrücklich seine Auffassung dargelegt habe, wonach eine Entscheidung über die Modernisierung zum jetzigen Zeitpunkt nicht notwendig sei. Deshalb müsse das Bündnis auch keine ablehnende Entscheidung treffen, sondern vielmehr gar keinen Beschluss fassen. Auch habe er den strategischen Sinn der SNF in Zweifel gezogen, schließlich sei ein Angriff weder von der DDR, Polen oder der CSSR zu erwarten, sondern – wenn überhaupt – von der Sowjetunion. Deren Territorium könne man mit den in Westdeutschland stationierten SNF aber nicht

erreichen (Genscher 1995: 611). Baker habe jedoch entgegnet, dass von den Engländern ein starker Druck für die Modernisierung ausgeübt werde, woraufhin Genscher sagte:

„Die NATO ähnelt einer Aktiengesellschaft. In der Hauptversammlung entscheiden die Stimmpakete. Ich möchte Sie daran erinnern, daß England nur wenige schwere Panzer mehr besitzt als Holland. Deutschland aber stellt ein Vielfaches an schweren Panzern. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen den deutschen Beitrag in der NATO im Vergleich zu den anderen Staaten zeigen. Wir bestehen lediglich auf Offenhaltung einer Option“ (Genscher 1995: 611)

Brent Scowcroft berichtet von seinem Treffen am 17. Mai 1989 mit Verteidigungsminister Stoltenberg, den Kohl für eine weitere Dienstreise nach Washington D.C. entsandt hatte, da er der U.S.-amerikanischen Position deutlich näher stand als Genscher. Die Bundesregierung forderte die Aufnahme von Verhandlungen über die SNF, sobald eine Zusage der Sowjets über die Abrüstung im Bereich der konventionellen Waffen vorläge, was aus amerikanischer Sicht jedoch nicht akzeptabel erschien. Die Bush-Administration verlangte, dass ein Abkommen über die deutliche Reduzierung konventioneller Waffen vorliegen und erste Schritte zu dessen Umsetzung unternommen worden sein müssten, bevor Gespräche über die SNF aufgenommen werden sollten. Mit diesem Vorschlag wurde jedoch das Prinzip der sogenannten ‚Nicht-Verhandelbarkeit' der SNF aufgeweicht.

Während die Bundesregierung auf diesen Vorschlag positiv reagierte, bahnte sich eine Auseinandersetzung mit Thatcher an, die über diesen Schritt nicht informiert worden war. Scowcroft gibt offen zu, dass man in der Öffentlichkeit verkündet habe, alle Verbündeten seien über diesen Schritt eingeweiht worden, obwohl dies nicht korrekt gewesen ist:

“[Scowcroft:] The truth of the matter was that we knew what Thatcher's reaction would be and had decided not to say anything ahead of time. We believed we had to make this gesture to the Germans, that it did far more good than harm, and, had we consulted the British, it would have been very awkward to proceed over their strong objections” (Bush/Scowcroft 1998: 72)

Thatcher schreibt in ihren Memoiren, sie habe, ohne dem amerikanischen Formulierungsvorschlag, den sie für untragbar hielt, in irgendeiner Form beizupflichten, zwei Anmerkungen hierzu nach Washington gesandt: Erstens sollten Verhandlungen über die SNF von der Stationierung eines LANCENachfolgemodells abhängig gemacht werden und zweitens sollte eine Verringerung der sowjetischen SNF auf das Niveau der NATO gefordert werden. Baker habe ihr geantwortet, er habe Zweifel, dass sich die Bundesregierung hierauf einlassen werde. Schließlich habe sie einsehen müssen, „quasi als fünftes Rad am Wagen nach Brüssel reisen zu müssen“ (Thatcher 1993a: 1091). Da die Verhandlungen über die SNF nicht mehr zu verhindern gewesen seien, sei für sie nur noch entscheidend gewesen, eine ‚dritte Nulllösung' zu verhindern (Thatcher 1993a: 1091).

Am Montag, den 29. Mai 1989 kam es schließlich auf dem NATO Gipfel in Brüssel zur alles entscheidenden Sitzung. Baker schreibt, die ganze Verhandlungssituation sei etwas surreal gewesen, da die Minister eigentlich für ein Dinner gekleidet gewesen waren, was aufgrund der gescheiterten Verhandlungen auf der Arbeitsebene jedoch abgesagt werde musste (Baker 1995: 95). Genscher berichtet, die 16 Außenminister der NATO-Mitgliedstaaten hätten sich schließlich in „einem Raum ohne Fenster um einen großen runden Tisch gruppiert“, der jeder Delegation lediglich zwei Sitzplätze geboten habe (Genscher 1995: 617). Die Mitarbeiter der Minister seien im Hintergrund platziert worden. Man habe sich darauf geeinigt, dem Niederländer Hans van den Broek den Vorsitz zu übertragen, da er sich bereits im Vorfeld um eine Vermittlung der widerstreitenden Positionen bemühte, obwohl er der amerikanisch-britischen Position näher stand. Baker berichtet in seinen Memoiren, dass van den Broek ihm bereits im Februar 1989 bei seinem Antrittsbesuch in den Niederlanden ein Papier gezeigt habe, in dem von einem integrierten Ansatz aus Modernisierung und Verhandlungen über die SNF die Rede gewesen sei. Somit habe van den Broek die konzeptionelle Vorlage für die spätere Lösung des Konflikts geliefert (Baker 1995: 95).

Über die Verhandlungssituation schreibt Genscher, Baker habe ihn immer wieder zu persönlichen Gesprächen vor aller Augen in eine Ecke des Saales gezogen. Schließlich habe Baker den Raum verlassen, sei nach einer Weile zurückgekommen. Er habe ihn zu einem Vieraugengespräch nach draußen gebeten, um ihm schließlich ein Papier zu zeigen, zu dem der Präsident seine Zustimmung geben könnte (Genscher 1995: 618). Das zentrale Problem während der Sitzung war der Streit über die ‚dritte Nulllösung', da Genscher diese Möglichkeit als Ergebnis der Verhandlungen über die SNF mit der Sowjetunion nicht ausschließen wollte, aber auch nicht gefordert habe. Baker habe schließlich in diesem Papier eine Formulierung vorgeschlagen, die das Ziel der SNF-Verhandlungen mit den Worten „partial reductions“ ausdrückte, wobei das Wort „partial“ unterstrichen war. Somit sei deutlich geworden, dass die NATO nicht auf ein Minimum an SNF verzichten wollte, womit eine ‚dritte Nulllösung' theoretisch ausgeschlossen war. Schließlich habe Baker die anderen Teilnehmer über den Vorschlag informiert. Der britische Außenminister Geoffrey Howe wollte sich hierauf jedoch nicht sofort einlassen und bat um Verschiebung der Entscheidung, da er erst mit Premierministerin Thatcher hierüber sprechen müsste, weshalb sich Unmut unter den Beteiligten breit gemacht habe. Schließlich habe Genscher hierfür jedoch Verständnis gezeigt und vorgeschlagen, die Sitzung zu beenden. Genscher schreibt, er habe nicht daran geglaubt, dass Thatcher sich gegen diese Lösung stellen würde, da Baker ihm versicherte, dass der U.S.-Präsident zustimmen würde und er eine nächtliche Intervention Thatchers für unwahrscheinlich hielt (Genscher 1995: 618ff).

Während die Außenminister über die Frage der SNF diskutierten, saßen die Staats- und Regierungschefs beim Dinner. Bush berichtet, die Stimmung sei angespannt gewesen, da man auf die Ergebnisse der Verhandlungen der Außenminister wartete. Bereits zuvor hatten sich die Staats- und Regierungschefs in großer Einigkeit auf die Ziele für die Verhandlungen im Bereich der konventionellen Streitkräfte verständigt und ein positives Signal aus Moskau zu diesen Vorschlägen erhalten.

Die Einigung sah mit Einschränkungen auch das vor, was die BushAdministration ausgearbeitet und im Vorfeld mit den Bündnispartnern abgestimmt hatte. Hinsichtlich der SNF konnte jedoch keine Einigung erzielt werden. Die Verhandlungen wurden zunächst auf unterer diplomatischer Ebene geführt, mussten jedoch ergebnislos abgebrochen und auf die Ministerebene gehoben werden. Bush berichtet, dass er während des Essens nicht unbedingt optimistisch gewesen sei, da Thatcher fortwährend auf ihn eingeredet habe, um ihn davon zu überzeugen, den SNF-Verhandlungen nicht zuzustimmen (Bush/Scowcroft 1998: 82). Schließlich habe ihn Baker jedoch darüber informiert, dass Deutschland der Formulierung einer „partial reduction“ der SNF zustimmen würde, womit zumindest das Problem der ‚dritten Null' gelöst war. Bush schreibt, im Gegensatz zu Baker sei er dennoch nicht sicher gewesen, ob Thatcher diesem Kompromiss zustimmen würde (Bush/Scowcroft 1998: 82).

Baker berichtet, er habe sich während der zähen Verhandlungen sehr zurückgehalten und stets die Positionen seines britischen Amtskollegen gestützt. Sein passives Verhalten habe sogar für Verunsicherung unter seinen Mitarbeitern Denis Ross und Bob Zoellick gesorgt, der ihn schließlich gefragt habe, weshalb er sich so zurückhalte. Baker erklärt seine Strategie der Zurückhaltung damit, dass er Bush für die Verhandlungen mit Thatcher einen Trumpf zuspielen wollte:

“I wanted to ease the President's task if I could. I was also thinking ahead to the next day, when Thatcher might bump the decision up to the heads of state in the event the President couldn't get her to accept the compromise. The closer I stayed to Howe, the harder it would be to argue that there was more to be gained” (Baker 1995: 95)

Baker bestätigt in seinen Erinnerungen auch Genschers Geschichte, wonach der U.S.-Außenminister immer wieder zu ihm gekommen sei, um Einzelheiten im persönlichen Gespräch zu klären. Die Verhandlungen seien ausschließlich zwischen ihm, Genscher, van den Broek und Howe verlaufen. Allerdings sei immer deutlicher geworden, dass Howe keine Entscheidungsbefugnis gehabt habe, weshalb es am Ende darauf angekommen sei, den Kompromiss so auszuhandeln, dass Thatcher zustimmen konnte. Aus diesem Grund habe er sich für die zurückhaltende, aber pro-britische Verhandlungsstrategie entschieden, die er regelmäßig mit Bush telefonisch abgestimmt habe. Baker und seine Berater hätten vier unterschiedliche Textvarianten vorbereitet, doch am Ende sei der kanadische Außenminister Joe Clark auf die Idee gekommen, das Adverb „partial“ vor den Begriff „reductions“ zu stellen. Baker habe daraufhin vorgeschlagen, „partial“ zu unterstreichen, damit die Ablehnung einer ‚dritten Nulllösung' noch deutlicher werde. Auch in der New York Times wurde hierüber berichtet:

“In the English-language NATO text, the word 'partial' was underlined – a code word that in the view of American and British officials specifically excluded the elimination of NATO's limited short-range capacity. 'There Will Be No Third Zero'” (New York Times, 31. Mai 1989)

Dies sei schließlich auch die Formel gewesen, auf die sich alle NATOMitglieder einigen konnten, wodurch der Weg für Verhandlungen über die SNF geebnet war. In einer Pressemitteilung in Anschluss an den Gipfel erkläre Bush schließlich:

“America is and will remain a European power. Similarly, our SNF [short-range nuclear forces] agreement demonstrates our ability to adapt to change while remaining true to our core security principles. We've agreed to future negotiations after the implementation of a conventional forces agreement – after the implementation of the agreement is underway for the conventional force agreement. Any negotiated SNF reductions will not be carried out until the CFE [conventional armed forces in Europe] agreement is implemented. And we've underscored that our objective in negotiations is to achieve partial reductions, clearly leaving an SNF deterrent at lower, equal, and verifiable levels. Partial means partial“ (Bush 1989a)

Thatcher geht ebenfalls auf diesen Verhandlungsmarathon in Brüssel ein. In ihren Memoiren stellt sie deutlich heraus, dass sie sich im Vorfeld strikt gegen Verhandlungen über die SNF ausgesprochen und ihr Ziel darin bestanden habe, eine Fraktion zu bilden, um die Verhandlungen zu verhindern. Doch, wie bereits erwähnt, habe sie am 19. Mai 1989 erfahren, dass die Bush-Administration ihren Standpunkt geändert habe. Folglich sei es ihr nur noch darum gegangen, die ‚dritte Nulllösung' zu verhindern: „Above all, there must be no fudged language on the ‚third zero'“ (Thatcher 1993b: 788).

Nun stellt sich auch in dieser Situation die Frage, wie die Artikulations-, Kommunikations- und Interaktionsprozesse in der Vorbereitungsphase und während des Gipfeltreffens hinsichtlich ihrer machtpolitischen Bedeutung interpretiert werden können. Zunächst erscheint auffallend, dass sich innerhalb der Bush-Administration ein Richtungswechsel abzeichnete. Die Änderung dieser Haltung kann sicherlich nicht kausal auf ein bestimmtes Ereignis zurückgeführt werden. Doch scheint auch vor dem Hintergrund dessen, was während der Anhörung vor dem Kongress besprochen wurde, die Position der Bundesregierung zunehmend auf Unterstützung in Washington gestoßen zu sein. Die strategischen Gründe hierfür mögen unterschiedlich gewesen sein; offensichtlich wurde jedoch, dass eine Modernisierung der LANCE-Raketen nicht gegen den Willen der Bundesregierung durchgesetzt werden sollte. Um deren Zustimmung zu erreichen, wurde das Prinzip der ‚Nicht-Verhandelbarkeit' der LANCEModernisierung aufgeweicht. Die machtpolitische Bedeutung dieses Schrittes besteht darin, dass die U.S.-Regierung ihren Führungsanspruch zwar erhalten wollte, jedoch nicht um jeden Preis, da die Folgen einer Durchsetzung der LANCE-Modernisierung gegen den Willen der Bundesregierung unabsehbar gewesen wären.

Nachdem Thatcher im Vorfeld des Gipfels in mehrfacher Hinsicht brüskiert und übergangen wurde, galt es laut Baker den Briten eine Zustimmung zu SNFVerhandlungen auf dem Gipfeltreffen so leicht wie möglich zu machen. Thatchers Position, eine ‚dritte Nulllösung' auf jeden Fall zu verhindern, sollte unter allen Umständen besonders berücksichtigt werden, was sich schließlich in der symbolisch bedeutsamen, aber inhaltlich vollkommen bedeutungslosen Unterstreichung des Begriffs „partial“ manifestierte. Von Genscher wurde schließlich verlangt, dieser Lösung zuzustimmen, da sich die U.S.-Regierung im Vorfeld deutlich auf die Position der Bundesregierung zubewegt hatte.

Von entscheidender Bedeutung für die Konstitution des Machtverhältnis scheint jedoch die Zustimmung Thatchers zu dem ausgehandelten Kompromiss gewesen zu sein, obwohl sie über die veränderte Haltung der U.S.-Regierung nicht informiert worden war (“had we consulted the British, it would have been very awkward to proceed over their strong objections” Bush/Scowcroft 1998: 72). Diese soziale Praktik, die nicht gerade auf ein Machtverhältnis der liberalen Hegemonie hindeutet, wird insbesondere in der Begründung des Vorgehens offensichtlich, die Scowcroft anführt. Während Ikenberry in seinem Ansatz der liberalen Hegemonie davon ausgeht, dass ein liberaler Hegemon sogenannte voice opportunities gewährt, damit die Verbündeten ihre Interessen einbringen können, scheinen hier diese Mitsprachemöglichkeiten bewusst verhindert worden zu sein, um nicht in eine Situation zu geraten, in der die artikulierten Einwände und Interessen der Verbündeten öffentlich zurückgewiesen oder übergangen werden müssten. Insofern handelt es sich durch den präventiven Ausschluss einer Artikulationsmöglichkeit und die Vereinnahmung der britischen Regierung für eine Position, die diese inhaltlich nicht teilte, um eine soziale Praktik, die durchaus ein Zwangselement in sich trägt. Die von Scowcroft angedeutete Alternative wäre gewesen, Thatcher zu konsultieren, ihren offenen Widerspruch zu riskieren, um sich schließlich doch über ihre Position hinwegzusetzen, was letztlich jedoch einer öffentlichen Demütigung und somit eher der Konstitution eines Herrschaftsverhältnisses gleichgekommen wäre.

Bush räumt in seinen Erinnerungen an den Gipfel ein, dass er bis zuletzt nicht sicher gewesen sei, ob Thatcher den Kompromiss tatsächlich akzeptieren würde. Letztlich fügte sich die britische Regierung jedoch den Erwartungen aus Washington und der anderen Bündnispartner. Thatcher nutzte zwar die Gelegenheit in Brüssel, ihre skeptische Haltung gegenüber den SNF-Verhandlungen noch einmal zum Ausdruck zu bringen, vermied jedoch, den Gipfel scheitern zu lassen, schließlich sei „ein Kompromiss […] unter bestimmten Umständen eher eine moralische Pflicht als ein Zeichen der Schwäche“ (Thatcher 1993a: 1091).

In dieser Situation wird besonders deutlich, wie Führung und Gefolgschaft in der sozialen Praxis ausgeübt werden. Zwar könnte man argumentieren, Thatcher sei durch die U.S.-Regierung im Vorfeld des Gipfels auf eine Position festgelegt worden, die sie selbst nicht vertrat – sie wäre also rhetorisch gezwungen worden, den Kompromiss zu akzeptieren, weshalb hier von einer freiwilligen Anerkennung der Führung keine Rede sein könne. Dennoch lag die Entscheidung, dem ausgehandelten Kompromiss auch zuzustimmen, am Ende alleine bei ihr. Thatcher hätte sich in dieser konkreten Situation auch anders entscheiden können. Genscher schreibt zwar, er habe es für unwahrscheinlich gehalten, dass Thatcher interveniere und den Gipfel scheitern lasse, was jedoch nicht bedeutet, dass dies grundsätzlich ausgeschlossen gewesen wäre. Wohl hätte auch der amerikanische Präsident in dieser Situation einen anderen Ausgang des Gipfels nicht verhindern können, weshalb Thatchers Einlenken nicht als erzwungen, sondern als ein freiwilliger Akt der Gefolgschaft bezeichnet werden kann.

 
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