Persönlicher Umgang

Eng verzahnt mit der Kategorie Konsultationspraktiken erscheint eine weitere Kategorie sozialer Praktiken zur Herstellung von Statusunterschieden, die in der Analyse deutlich wurde und hier als Praktiken des persönlichen Umgangs bezeichnet werden. Diese Kategorie bezieht sich vor allem auf die Interaktionsprozesse, das heißt auf Situationen, in denen die Akteure einander unmittelbar begegneten.

Die Reise der beiden Bundesminister nach Washington, um das Positionspapier der Bundesregierung zu erläutern, hatte zwar einen konsultativen Zweck, doch wurden auch im persönlichen Umgang der Akteure Statusasymmetrien in der sozialen Praxis hergestellt.

Die Abwesenheit Bushs, also die Verweigerung einer Interaktion während des Aufenthaltes der beiden Minister in Washington, obwohl dieser von Kohl angeblich darum gebeten wurde, die Minister zu empfangen, könnte als eine soziale Praxis interpretiert werden, durch die der Präsident seinen Statusunterschied gegenüber der Bundesregierung hervorhebt. Der Empfang von Staatsgästen ist stets eine institutionalisierte, protokollarisch geregelte Angelegenheit, wobei der vorliegende Fall nicht als ein Staatsbesuch, sondern eher als ein Arbeitsbesuch gelten kann. Insofern greifen die protokollarischen Regeln des Staatsempfangs in dieser Situation nicht. Die Statusfragen wurden folglich auf informeller Ebene des Empfangs geregelt.

Nur weil Kohl den U.S.-Präsidenten darum bittet, seine beiden Minister zu empfangen, sieht dieser sich nicht verpflichtet, dies auch zu tun. Auch die Begegnung der beiden Vertreter der Bundesregierung mit ihren U.S.amerikanischen Amtskollegen war sowohl nach der Schilderung Genschers als auch nach Berichten des Spiegel und Kiessler/Elbe von einer deutlichen Statusasymmetrie geprägt, die Genscher schließlich sogar dazu veranlasste, dies gegenüber Baker offen zu kommunizieren. Die sozialen Praktiken der U.S.Regierung zur Herstellung der Statusasymmetrie wurden somit selbst zum Gegenstand der Verhandlungen – was wiederum dafür spricht, dass die U.S.Regierung bestimmte informelle Regeln des persönlichen Umgangs verletzte, was die Vertreter der Bundesregierung nicht zu akzeptieren bereit waren. Einerseits wird durch die Praktiken der U.S.-Regierung (Nicht-Empfang durch den Präsidenten, Verlassen des Meetings etc.) deutlich, wie versucht wurde, den Statusunterschied auf sozialer Ebene herzustellen. Anderseits kann die ‚Problematisierung' dieser Vorgänge durch Genscher selbst wiederum als eine soziale Praktik angesehen werden, um die Statusasymmetrie zu verringern.

Die machtpolitische Bedeutung der Herstellung von Statusunterschieden zeigt sich besonders deutlich, wenn man die Transaktionsmuster zwischen Kohl und Bush, Thatcher und Bush sowie zwischen Thatcher und Kohl miteinander vergleicht, da hier doch erhebliche Unterschiede zu beobachten sind. So scheint insbesondere das Treffen zwischen Kohl und Thatcher in Deidesheim geradezu prototypisch für die Herstellung eines auf Gleichgewicht ausgerichteten Machtverhältnisses zu sein, obwohl Thatcher, wie die Wochenzeitung Die Zeit schreibt, in der Rolle der „Schulmeisterin“ in die Pfalz gekommen sei. Doch Kohl wollte sich keinen „Nachhilfeunterricht“ in Sachen NATO erteilen lassen, wie Thatcher in ihren Memoiren schreibt (Thatcher 1993a: 1090). Die Begegnung in Deidesheim zeigt, wie der Versuch, Statusunterschiede herzustellen, in der sozialen Praxis scheitert. Hier scheint sich eher eine Statusäquivalenz eingestellt zu haben, während beide Akteure wiederum die Statusunterschiede zu U.S.-Präsident Bush weitestgehend anerkannten und durch ihre Handlungen aktualisierten.

Die Herstellung von Statusunterschieden zeigt sich auch in kleineren Gesten des Umgangs, etwa in der Ausübung und Zuweisung von Sprecherpositionen,

d.h. in Bezug auf den konkreten Fall, wer im Namen der NATO sprechen durfte. Auffallend, aber sicherlich wenig überraschend war hierbei, dass der U.S.Präsident zu entscheiden vermochte, wer diese Sprecherrolle ausüben durfte. Dabei wies Bush sowohl Ansprüche der Bundesregierung, sich in Bezug auf die SNF-Debatte ohne vorherige Absprache zu Wort zu melden als auch Ansprüche der britischen Premierministerin zurück, die anbot, die Bundesregierung zu isolieren, indem sie die Haltung der USA und Großbritanniens als NATO-Position veröffentlichen wollte. Diese Zurückweisung wurde schließlich von beiden Regierungen ohne Widerspruch akzeptiert.

Hinsichtlich der Herstellung von Statusunterschieden erscheint bemerkenswert, dass Bush den traditionsbestimmten Status Thatchers quasi aufhob, die zumindest während der Präsidentschaft Reagans das symbolische Recht ausübte, auch für die U.S.-Regierung zu sprechen. Hier deutet sich eine Statusabwertung der britischen Regierung an, die sich in der sozialen Praxis des U.S.-Präsidenten zeigt, Thatcher in der Ausübung ihrer traditionellen Sprecherposition zu beschneiden.

Nicht unerheblich für die Artikulation von Statusansprüchen ist zudem der Verweis auf persönliche Erfahrungen, was insbesondere bei Genscher und Kohl deutlich wird. Beide Politiker heben ihre Rolle während des NATO-Doppelbeschlusses hervor, um Vorwürfe mangelnder Bündnistreue zu entkräften und ihr Recht auf Mitsprache in der SNF-Angelegenheit zu untermauern.

Verweis auf „materielle Fähigkeiten“

In den einzelnen Situationen lässt sich auch beobachten, wie Akteure immer wieder ihre Statusansprüche artikulieren und hierbei auf sehr unterschiedliche Grundlagen zurückgreifen, um ihren Anspruch zu rechtfertigen. Hierbei spielen militärische Fähigkeiten eine besondere Rolle. Dies zeigt sich insbesondere während des Besuchs von Genscher und Stoltenberg in Washington, jedoch auch im Genschers Gespräch mit Außenminister Baker am 12. Mai 1989 in Brüssel. Der Verweis auf die militärischen Lasten, die Deutschland im Vergleich zu den Briten trage, ist dabei eine soziale Praktik mit der Genscher den Status der Bundesregierung unterstreicht, in der SNF-Angelegenheit eine eigene Position vertreten zu dürfen, die auch mehr Gewicht habe als die der Briten. Auch in der Auseinandersetzung zwischen Kohl und Thatcher tauchen verweise auf die militärischen Lasten auf, um Statusfragen auszuhandeln, etwa indem Thatcher implizit den Abzug der britischen Rheinarmee androhte, sollten die SNF abgerüstet werden. Militärische Fähigkeiten spielen demnach in der Herstellung der transatlantischen Machtordnungen vor allem eine Rolle, da sie in der sozialen Praxis genutzt werden, um Statusfragen auszuhandeln und Ansprüche zu artikulieren.

 
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