Durchsetzung von Machtpositionen

Wie bereits beschrieben, lassen sich die drei Kategorien der Herstellung von Statusunterschieden, die Aushandlung von Deutungsansprüchen sowie die Durchsetzung von Machtpositionen nicht trennscharf voneinander betrachten. Die Durchsetzung von Machtpositionen korrespondiert dabei mit Webers Machtdefinition:

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber a.a.O., Herv. AH)

Entsprechend geht es hier um die Mittel, mit denen die Akteure ihre Deutungsansprüche durchgesetzt und somit in eine Machtposition überführt haben. Ein klassisches Mittel zur Durchsetzung einer Machtposition in der internationalen Politik ist auch heute noch die militärische Gewalt – die jedoch zumindest innerhalb der transatlantischen Beziehungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges als Option nicht mehr zur Verfügung steht. Insofern müssen Machtpositionen auf diplomatischem Wege durchgesetzt werden. Wie bereits angedeutet, enthält die Artikulation eines Deutungsanspruches eine machtpolitische Komponente, da es unweigerlich darum geht, den Deutungsanspruch innerhalb eines Diskurses durchzusetzen oder die Durchsetzung eines konkurrierenden Deutungsanspruches zu verhindern.

Der ‚Kompromiss'

Macht zeigt sich nicht nur in der Fähigkeit, den eigenen Willen gegen Widerstand durchzusetzen, sondern auch in der Möglichkeit, konkurrierende Deutungsansprüche auszugleichen und zu einem Kompromiss zusammenzuführen. Sowohl auf den NATO-Gipfel im Mai 1989 als auch im Dezember 1989 schien die U.S.-Regierung in der Lage, die teilweise äußerst kontroversen Positionen

‚zu übersetzen' und eine Kompromissformel zu erstellen. Bakers Verhandlungsstrategie, die schließlich zu einer Lösung des LANCE-Streits führte, weist eine Reihe sozialer Praktiken auf, wodurch der Kompromiss ermöglicht wurde. Einerseits wurde auf den Kompromiss im Vorfeld diplomatisch hingearbeitet, andererseits bargen die Gipfelverhandlungen selbst stets ein Moment der Kontingenz. Niemand konnte wissen, wie Thatcher auf die gefundene Lösung reagierte, die in recht grundsätzlicher Weise dem widersprach, was sie eigentlich gefordert hatte.

Durch die empirische Rekonstruktion lässt sich auch zeigen, dass nach Veröffentlichung des Positionspapiers zwar kein direkter Zwang auf die Bundesregierung ausgeübt wurde, angesichts der Interaktionen jedoch durchaus eine Form des ‚sozialen Drucks' entstanden sein könnte. Die ‚Behandlung' der beiden Minister in Washington hatte, wie gezeigt, sicherlich eine Statusdimension, kann jedoch auch vor dem Hintergrund der Frage betrachtet werden, inwiefern hier versucht wurde, durch den Aufbau ‚sozialen Drucks' ein höheres Maß an Kompromissbereitschaft auf Seiten der Bundesregierung zu erzielen.

 
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