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6.3.2 Die ‚Schaffung von Tatsachen' (fait accompli)

Eine weitere soziale Praktik, mit der Machtpositionen durchgesetzt wurden, besteht in der „Schaffung von Tatsachen“. Wie beschrieben, wurde der Kompromiss im LANCE-Streit diplomatisch vorbereitet, wobei die britische Premierministerin zunächst eine gewisse Kompromisslosigkeit offenbarte, weshalb sie schließlich diplomatisch durch die Schaffung von Tatsachen ‚überrumpelt' wurde. Die Begründung Scowcrofts ist in diesem Falle bemerkenswert:

“We believed we had to make this gesture to the Germans, that it did far more good than harm, and, had we consulted the British, it would have been very awkward to proceed over their strong objections” (Bush/Scowcroft 1998 a.a.O.)

Die soziale Praxis, Thatcher nicht zu konsultieren und somit genau das Verhaltensmuster zu reproduzieren, das man der Kohl Regierung hinsichtlich der Veröffentlichung des Positionspapiers zum Vorwurf machte (Bush: „no fait accompli“), deutet wiederum auf die Sonderrolle der U.S.-Regierung hin.

6.3.3 Die ‚Drohung'

Schließlich wurde noch eine weitere soziale Praxis in der Durchsetzung von Machtpositionen beobachtet. Bereits in der Auseinandersetzung zwischen Kohl und Thatcher deutete sich an, dass Thatcher versucht hatte, ihre Position durch Androhung des Abzugs der britischen Rheinarmee durchzusetzen. Obwohl diese Drohung offenbar nicht ernst genommen und auch nicht verwirklich wurde, erscheint dieser Vorgang als soziale Praxis bemerkenswert. Weitaus eindringlicher ist hingegen die Drohung Gorbatschows, die Differenzen zwischen der Regierung in Moskau und der Bundesregierung zu veröffentlichen, sollte die Bundesregierung nicht zur „Vernunft“ kommen. Diese Drohung wurde von Genscher offenbar sehr ernst genommen, da deren Verwirklichung mit unabsehbaren Folgen verbunden gewesen wäre.

Eine dritte Situation, in der eine Drohung in der sozialen Praxis beobachtet werden konnte, fand offenbar kurz nach der Sitzung des Alliierten Kontrollrates in Berlin statt und wurde von Hans-Dietrich Genscher gegenüber den westlichen Verbündeten kommuniziert. Schließlich warnte Genscher seine NATOKollegen, sie müssten sich zwischen einer Kooperation mit der Bundesrepublik oder der Sowjetunion entscheiden. Diese Drohung des Außenministers scheint ihre Wirkung nicht gänzlich verfehlt zu haben, denn trotz weiterer Versuche der Sowjets, die deutsche Frage auf Ebene der „Vier Mächte“ zu verhandeln, fand kein weiteres Treffen dieser Art mehr statt.

Nun sollen die Kategorien sozialer Praktiken, die durch die rekonstruktive Analyse identifiziert werden konnten, in eine schematische Forschungsheuristik übertragen werden. Hierzu sei jedoch bemerkt, dass jede Form der grafischen Darstellung mit Mängeln verbunden ist, da der Eindruck erweckt wird, als ob die Kategorien trennscharf oder jeweils ausschließlich einer Analyseebene zugeordnet werden könnten. Dies ist sicherlich nicht der Fall.

Abbildung 2: soziale Praktiken der Macht

Diese Heuristik zeigt die wichtigsten sozialen Praktiken der Macht, die während der empirischen Analyse aus dem Untersuchungsmaterial rekonstruiert werden konnten. Nun sollen die gefundenen Ergebnisse weiter theoretisiert und hinsichtlich ihrer machtpolitischen Bedeutung interpretiert werden.

 
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