Ausblick

In der vorliegenden Arbeit richtet sich der Fokus auf die ‚praktische' Ebene internationaler Politik, um zu zeigen, wie Machtverhältnisse in der Praxis herausgebildet werden. Während klassische theoretische Ansätze den Blick auf die Verteilung materieller Ressourcen werfen, wird hier gezeigt, wie Machtverhältnisse in der sozialen Praxis ausgehandelt und hergestellt werden. Somit leistet diese Studie auch einen empirischen Beitrag zu neueren Theoriedebatten in den Internationalen Beziehungen, die sich um den sogenannten practice turn entwickelt haben (Büger/Gadinger 2014, 2015, Adler-Nissen/Pouliot 2014). Zum Abschluss stellt sich die Frage, wie das hier entworfene Forschungsdesign allgemein genutzt werden kann, um die sozialen Praktiken in der Herausbildung von Machtbeziehungen zu untersuchen. Ein Blick auf die gegenwärtigen Konflikte in der internationalen Politik liefert zahlreiche Anknüpfungspunkte, um das Konzept nicht nur bezüglich der transatlantischen Beziehungen anzuwenden, in dem etwa die NSA-Affäre näher untersucht werden könnte, sondern auch die Eskalation zwischen dem „Westen“ und Russland bezüglich der Krim und der Entwicklung in der Ukraine. Während in den Medien und politischen Analysen meist die territorialen, geostrategischen und wirtschaftlichen Aspekte herangezogen werden, um die Entscheidungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu rationalisieren, könnte die entworfene Machtanalytik genutzt werden, um die Neuaushandlung der Machtbeziehungen zwischen Russland und den NATOStaaten zu untersuchen. Die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation wurde von sozialen Praktiken begleitet, die auf eine machtpolitische Neujustierung der Ost-West Beziehungen hindeuten. Die sogenannte Krim Krise ließe sich, ähnlich wie der Streit über die LANCE-Raketen, in unterschiedliche Situationen „zerlegen“, die als krisenhafte Momente wahrgenommen werden. Die erste krisenhafte Situation wäre in diesem Zusammenhang sicherlich der Streit über das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine. Diese Situation beinhaltet sowohl artikulative, kommunikative und interaktive Elemente, in denen Status-, Deutungs- und Machtansprüche zwischen den Akteuren verhandelt werden. Insbesondere die Einflussnahme Moskaus auf die Entscheidung der Regierung in der Ukraine, die dazu führte, dass Janukowitsch das Abkommen mit der EU nicht unterzeichnete, kann vor dem Hintergrund der Heuristik als eine soziale Praxis gedeutet werden, durch die ein Machtanspruch Moskaus artikuliert wurde. Empirisch wären hier die Gespräche und Konsultationen zwischen der Regierung in Moskau und Kiew interessant, um zu rekonstruieren, wie Putin gegenüber dem Präsidenten der Ukraine aufgetreten und diesen Machtanspruch in der sozialen Praxis durchgesetzt hat. Durch eine Auswertung dieser Mikroanalyse könnte dann das Machtverhältnis näher bestimmt werden. Zudem wären die kommunikative und interaktive Praxis zwischen den EURepräsentanten und der Ukrainischen Delegation zu betrachten, um die Aushandlung des Machtverhältnisses zwischen der EU und der Ukraine zu bestimmen. Ebenso könnte untersucht werden, ob und inwiefern Konsultationen zwischen Russland und der EU bezüglich des Assoziierungsabkommen stattgefunden haben.

Eine zweite kritische Situation ist sicherlich die Reise der westlichen Außenminister nach Kiew, um vor Ort mit den politischen Autoritäten über eine Deeskalation der Lage zu verhandeln, da nur wenige Tage nach diesen Verhandlungen der ukrainische Präsident flüchtete. Hier wäre nicht nur der Verhandlungskontext im engeren Sinne zu berücksichtigen, sondern auch, ob und inwiefern die Regierung in Moskau in diese Prozesse eingebunden war.

Eine dritte kritische Situation stellt die Rede Putins dar, in der er die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation rechtfertigt und sein Vorgehen begründet. Dieser artikulative Akt sowie die Reaktionen westlichen Reaktionen hierauf, wären somit Gegenstand einer dritten Mikroanalyse. Die von der EU erlassenen Sanktionen stellen hierbei nur ein Mittel dar, um die Machtansprüche Russlands zu kontern. Bezüglich der Aushandlung von Statusansprüchen dürfte jedoch der Ausschluss aus der G8 ebenfalls von Bedeutung sein. Eine vierte Situation wäre sicherlich das Treffen in Minsk, auf dem ein vorläufiger Waffenstillstand vereinbart wurde oder die Feiern zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges.

Die hier grob skizzierte Anwendung des Konzepts soll zeigen, dass die Heuristik, die aus der vorgelegten Studie entwickelt wurde, nicht nur für eine Analyse der transatlantischen Machtbeziehungen taugen könnte, sondern eine allgemeine Anwendbarkeit besteht.

 
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