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1. YouTube-Research: Clipkategorien

Das Portal YouTube ist seit dem 15.12.2005 im Netz, seit 2006 ist Google der Eigentümer. Die Untersuchung von YouTube (wie auch der Fotoplattform flickr.com; siehe Richard/Grünwald/Ruhl 2008) macht es notwendig, eine für sozialästhetische Online-Phänomene angemessene Erhebungs-, Sortierungs- und Auswertungsmethode zu entwerfen[1]. Es gilt dabei, eine Typologie von eingeführten und gemeinschaftlich weiterentwickelten Darstellungsmustern herauszuarbeiten. Der doppelte Zugang ist erfolgversprechend: einmal über eine repräsentative Erhebung, die Auskunft über die Häufigkeit des Vorkommens bestimmter Videos/Fotos gibt, andererseits über eine qualitative Erhebung mittels ausgewählter Fallbeispiele. Die mediale Qualität des Bildes als "Shifting Image" wird berücksichtigt, das permanent neue Ordnungen im Universum der Bilder hervorbringt (siehe "Schlüsselbilder/Cluster" in Richard/Zaremba 2007). Eine solche medienstrukturell und ästhetisch kompetente YouTube- und flickr-Grundlagenforschung existiert auch 2012 so gut wie immer noch nicht, außer im von Lovink und Nieder herausgegebenen "VideoVortex Reader: Responses to YouTube"

aus dem Jahr 2008 (siehe auch Zusammenfassung der Einzelstudien Richard et al. 2010). Die im Rahmen der Frankfurter Studie entwickelten Clip-Kategorien (im weiteren Text kursiv markiert) sind fließend und enthalten viele Querverbindungen. Clips können meist mehreren Bereichen zugeordnet werden, da sie auf verschiedenen Ebenen liegen. Die übergeordnete neuartige Kategorie ist die des "response", der visuellen Antwort auf einen geposteten Clip. "Response" ist die bildliche Variante von synonymen Begriffen aus anderen Kontexten wie "Coverversion", "Remake", "Parodie", "Remix" (Erläuterungen siehe Richard 2008). Das so genannte "Re-enactment" (ursprünglich eine Bezeichnung für die Nachstellung historischer Ereignisse oder Lebenswelten) ist bei YouTube die Nachstellung von Film, Game-Szenen oder Performances aus der Kunst etc. ohne den Anspruch auf eine große Nähe zum Original.

Eine sehr große Gruppe stellen die mediaremix-Clips dar. Diese bewegen sich innerhalb des Mediums (inmedium) oder tragen die Inhalte durch reenactment in einen anderen Kontext, z.B. von TV-Shows in den Alltag. Hier wird mit "Found Footage" gearbeitet. Diese stammt aus den Bereichen TV, Film[2], Games, Cartoons und Werbung in Clipform (virales Marketing, wie bei

"Damen aufgepasst"). Hierzu gehört auch die Kategorie Musikvideo, die einen sehr großen Anteil an den mediaremix-Clips hat.

Sehr wichtig ist auch die Gruppe der Games: Hier gilt es, viele Unterkategorien zu unterscheiden, z.B. ingame/outgame, Human Games als Re-enactment (Mega64) oder visueller Teamspeak und Gamesounds als neue Kategorien.

Die überwiegende Anzahl der auffindbaren Clips ist der inhaltlichen Kategorie des egoclips zuzuordnen, die im Dienste der exzessiven narzisstischen Selbstdarstellung stehen (Richard et al. 2010). In dieser Kategorie lässt sich eine große Bandbreite an verschiedenen Clip-Sorten beobachten, von schüchternen Talks bis hin zur visuellen Prostitution. Durch die Vielfalt der visuellen Selbstinszenierungen bilden sich ständig neue Unterkategorien wie beispielsweise Dance, Karaoke, Sports, Vlog (Videoweblog bzw. Videotagebuch) oder auch Egotrip (das berauschte Selbst). Diese Mainstream-Formen der Selbstdarstellung haben ihren Ursprung in medialen TV-Formaten (z.B. Casting Shows) und deren spezifischen Ausdrucksformen (bspw. Singen und Tanzen). Eine Sonderform ist die Clipsorte animal ego, in der Tiere als Extension des medialen "Selbst" Kunststückchen vorführen. Die Unterkategorie sports zeichnet sich vor allem durch die visuelle Inszenierung von Moves und Performances (bspw. Fixies, Bike Trial, Ninja-Moves) im öffentlichen Raum aus, der Typus des freakout visualisiert den inszenierten oder unkontrolliert-spontanen Wutausbruch. Die Kategorie dance erfasst alle Videos, die inhaltlich auf Tanz und rhythmische Bewegung fokussieren. Hierbei reicht das Spektrum von homedance, dem Tanzen vor der Webcam in den eigenen vier Wänden, indoor Tanz in Interieurs oder auf einer Bühne im geschlossenen Innenraum – bis hin zu Tänzen im öffentlichen Raum, im Garten (z.B. Jumpstyle-Videos) oder im Wald (outdoor). Des Weiteren existiert der Typus des institutional dance. Dieser hat mehrere Dimensionen: Ganz allgemein geht es um das Tanzen in Institutionen und Firmen, speziell aber um das Tanzen in Banken als politischer Kommentar oder tänzerische Choreografie als Repräsentation von Institutionen wie z.B. AIESECs Tänze zu TunakTunak[3]. Bei me and my friends wird die Selbstdarstellung eingebunden in den Freundeskreis. Das Verhältnis zu den FreundInnen wird hierbei insbesondere durch die Relation der Körper zueinander bzw. die Körperhaltungen verdeutlicht: Body touch bezeichnet hierbei die Berührung bzw. das Aneinander-lehnen der Körper, die manchmal der Beschränkung des Bildausschnittes geschuldet, manchmal jedoch durchaus beabsichtigte, liebevoll umfassende Berührungen sind. Dazu gehört die Umarmung bzw. das Umfangen mit beiden Armen im sogenannten hug. Mit kiss sind alle Varianten des Kusses gemeint: Über die Hand hingehauchte Küsse, Küsse auf den Mund oder aber endlose french kisses (z.B. bei den Emokisses). Als digitale Form des Blindfotos mit Selbstauslöser gibt die one arm length cam

hierbei das Arrangement vor, da sich die Freunde aneinander kuscheln und formieren müssen, um alle auf der Aufnahme Platz zu finden. Die Unterkategorie confession kann Beichte und/oder Anklage beinhalten: Dieser Cliptypus enthält ein eigenes Genre von Videos, in den eine Tat zugegeben bzw. gebeichtet und gleichzeitig eine Anklage Anderer erhoben wird. Eine besondere Stellung nimmt bei den egoclips das Außer-sich-Sein des Selbst ein: Die Kategorie egotrip zeigt das Ich im berauschten Zustand.

Fanclips, als Sonderform von Fanart, zeigen dagegen die Begeisterung der User für einen bestimmten Star einer Band. Sie verbreiten Lobeshymnen und huldigen ihren Angebeteten (z.B. Britney Spears). Eng daran angelehnt sind Haterclips von denjenigen, die eine Band oder einen Star hassen (z.B. Amy Winehouse, Tokio Hotel oder Emos, u.a. aufgrund ihrer Abweichungen von Genderstereotypen). Diss/flamewar-Clips sind "response Clips". Sie dienen der massiven Beleidigung von Anderen [4] z.B. aufgrund ihres Videos. Der dokuclip/event Clip zeigt zum einen Ereignisse und Unfälle wie z.B. sinkende Fähren (vor der Insel Santorin 2007). Damit gehören diese auch zu den Zufallsclips. Zu den Dokuclip/event Clips zählen darüber hinaus Aufnahmen von Veranstaltungen, persönliche Highlights wie Konzertbesuche oder Festivals. Hierbei steht die Aufzeichnung und Verbreitung des universell wichtigen oder des persönlichen Ereignisses aus der Perspektive des Augenzeugen im Vordergrund. Die Funclips sind eine quer liegende Kategorie mit Missgeschicken Anderer. Generell wird eine große Anzahl Clips eingestellt, um andere Nutzer zum Lachen zu bringen. Eine Sonderform ist der sogenannte "mockumentary" Clip, der mit seriösem Anspruch inszeniert und glaubwürdig erscheinen will, dann aber deutlich macht, dass es sich um eine Parodie handelt. Eine Unterform sind die Anleitungs- und Lehrvideos (z.B. die Reihe … in plain english), wobei diese tutorial Clips mit der Sprödigkeit des Schulfernsehens inszeniert werden, aufgrund der übertriebenen Ernsthaftigkeit aber eine lustige Wirkung zeigen. Eine andere Sparte stellt sich im experiment/transform-Clip dar: Die Nutzer zeigen ihren ungewöhnlichen und experimentellen Umgang mit Alltagsgegenständen. Sie bauen Dinge wie Laserpointer zu Waffen um, bringen Mentos und Cola Light zur Explosion, führen ihre Hacks am iPhone (Jailbreaking) vor oder ihre Skills beim Lockpicking (Schloss aufbrechen) – die letztgenannte Art von Clip wird von den Nutzern selbst auch als "MacGywer"-Clip bezeichnet. Hier gibt es die ganze Bandbreite von harmloser Manipulation bis hin zu illegalen Operationen. Die Unterkategorie der so genannten lowtech/minimalsoftware Clips zeigt Fähigkeiten im Umgang mit einfachen Maloder Kompositionsprogrammen (z.B. MacPaint oder SuperMarioMusic), die zweckentfremdet werden. Die Skillzclips ermöglichen es den NutzerInnen, individuelle Fähigkeiten zu demonstrieren, für die es normalerweise kein Publikum und auch keine Wettbewerbe gibt. Sie headbangen, sind human Beatboxes, schnipsen virtuos mit den Fingern – jedes persönliche Talent kann hier dargestellt werden. Die Skillzclips sind eine Form von egoclip, da hier die Selbstdarstellung im Vordergrund steht. Sie benötigen aber eine eigene Kategorie, da sie außergewöhnliche Begabungen und Talente zeigen, die nicht als kunstvoll gelten, damit auch kein artoder artyclip sein können.

"Schließlich gibt es, drittens, all die Künste, in denen jemand etwas vorführt, weil er es so gut kann: Virtuosität, Akrobatik, Selbstbeherrschung" (Diederichsen 2007: 260).

Dies ist am besten in der Kategorie artyclip beschrieben. Diese kennzeichnet Clips, die artistischen Charakter haben, damit also besondere kunsthandwerkliche Fähigkeiten zeigen. Sie enthält die Kategorie artresponse, bei der User Kunstwerke von etablierten Künstlern wie z.B. Erwin Wurm zum Vorbild nehmen (hier ist es auch re-enactment). Zu der Kategorie arty-/artresponse gehören auch mitgefilmte Performances (damit auch der Kategorie mediaremix zuzuordnen) sowie Fanart und das Filmen einer Ausstellung oder die Dokumentation von KünstlerInnen und Werken als "Found Footage". Zu guter Letzt werden als artclip diejenigen Clips bezeichnet, die eine neue medienadäquate Darstellungs- und Kunstform auf der Plattform etablieren, die dann auch als originäre Kunst auftauchen könnten.

Um eine neue virtuose Kunstform mit eingeschränkter Verbreitung in den auf Musikkultur bezogenen Clips handelt es sich bei den "misheard lyrics" (z.B.

"Wishmaster" von Nightwish). Hier entwickelt sich ein "Manko" aus dem Alltagsleben, nämlich das Missverstehen von fremdsprachigen Texten, zu einer neuen Kunstform. Das Missverstehen zeigt sich in Worten und Bildern, die dann in Form einer simplen Collage zusammengeführt werden. Diese Kategorie verlangt großes Gespür für die Musik, den Klang des Textes und die Bildauswahl. Die "misheard lyrics" gibt es schon in der ersten Phase des Internets in Textform (davor existieren schon Textbücher). Auch das sogenannte "shred"-Genre[5], eine neue audiovisuelle Form, bei der das Bild die Zeugenschaft für das entgleiste Solo der Virtuosen übernimmt. Brutal ist eine Form von Clip, die kindliche Bilder, bevorzugt aus TV Kindersendungen, nimmt und den reizenden Bildern den Sound von Death Metal-Stücken unterlegt. Als jüngere ästhetische Innovation und neuere Form des "artclip" ist glitch zu nennen, die Segmentierung und Zerstörung und Streckung von audiovisuellem Material oder im Bereich der Games, das Unterwandern von Grenzen von Räumen und Levels durch das Eindringen in die Pixelstruktur.

Zentral für die Suche und Analyse jugendlicher Selbstdarstellungen im Bild erscheinen also bei YouTube die übergeordnete Kategorie egoclip, darunter dance, karaoke, sports und vlog, die Kategorie skillzclip und auch fan- und haterclips sowie generell das re-enactment über Body doubles, d.h. die Darstellung der Spielfiguren/Stars.

  • [1] Zum Stufenmodell für die Analyse der Bildwelten des Web 2.0 und zur genaueren Charakterisierung der Plattform siehe Richard 2008. Zu mimetisch-ethnografischen Forschungsmethoden siehe Amann/Hirschauer 1997: 20
  • [2] Hier gilt es, als besondere Form die 5secondmovies und das drama zu beachten, in denen ein Spielfilm oder ein Game in 5 Sekunden auf eine sehr persönliche Essenz eingedampft wird, alternativ, die längere Form SAW in 60 Sekunden
  • [3] Vgl. bspw. das Video Tunak Tunak AIESEC Concepion (youtube.com/watch? v=15zQBnudRxk)
  • [4] Hier finden sich auch die homophob motivierten Clips gegen den Gorgoroth-Sänger Gaahl.
  • [5] Ein finnischer Gitarrist unterlegt Gitarrensoli von Stars mit schlecht gespielten Soli (Lischka 2008)
 
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