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Bildhandeln und Bildkommunikation in Social Network Sites

Reflexionen zum Wandel jugendkultureller Vergemeinschaftung

1. Neue bunte Bilderwelten?

Jugendszenen werden gemeinhin als Prototypen "posttraditionaler" (Hitzler/ Bucher/Niederbacher 2005: 19-30) und "deterritorialer" Vergemeinschaftung (Hepp 2008) behandelt. Sie kennzeichnet, dass sie nicht verpflichtend, sondern wählbar sind, sich um einen thematischen Kern kristallisieren, auf relativ fluiden, (auch) translokalen Beziehungsnetzwerken gründen und wieder verlassen werden können. Wenn mit der Durchdringung jugendlichen Alltags mit digitalen Medien, darunter Kameras, bildfähige, mobile Kleincomputer (Mobiltelefon, Smartphone), diverse Speicher- und Übertragungsmedien, und Kommunikationsumgebungen wie Social Network Sites (= SNS, z.B. Facebook, schülerVZ) als Ausspiel-, Interaktions- und Verhandlungsorte eine Bedeutungszunahme des Handelns und Kommunizierens mit Bildern festgestellt wird, liegt die Vermutung nahe, dass sich damit auch die Bedingungen für jugendkulturelle Vergemeinschaftung verändern. Hierbei greifen zwei Entwicklungen ineinander, die nicht mit dem sogenannten "Social Web" begonnen haben, aber mit diesem eine Verdichtung erfahren.

Zum einen wandeln sich Erlebnis- und Sozialräume (a) durch die sukzessive Durchdringung des physischen Raums mit (digitalen) Medien und Medienkommunikation sowie (b) dem selbstverständlichen Leben nicht nur mit (Massen-) Medien, sondern in medialen Umgebungen.

Zum anderen wandeln sich die kommunikativen Ressourcen, weil unter den Bedingungen mediatisierter Kommunikation u.a. Bilder (a) alltägliche Ausdrucksmittel geworden sind, die die Alltagskommunikation im Einzelfall nahezu instantan begleiten, und (b) digitale Bilder vielfältig in andere mediale Umgebungen implementierbar sowie transportier-, kopier-, gestalt-, veränder-, vernetz- und speicherbar sind.

Als Ergebnis drängen sich dem Beobachter vielgestaltige, netzbasierte Bilderwelten auf, die von vielen Einzelnen, die vor allem in SNS zusammenkommen und individuelle Öffentlichkeiten knüpfen, kollektiv produziert, angeeignet und verbreitet werden (vgl. zum Konzept der "networked publics" boyd 2010). Ihnen zugrunde liegen als basale Praktiken des Bildhandelns und der Bildkommunikation in SNS:

• das Einstellen von Profil- und Anzeigebildern, die stellvertretend für die eigene Person stehen (diese aber nicht abbilden müssen);

• das Anlegen von Bildalben mit thematisch sehr unterschiedlichen Bezugspunkten in den Bereichen Körper/Stil, Ereignis/Erlebnis, Freund-/Partnerschaft, Präferenzen/Interessen/Marken, Jugendkultur, Mode;

• das Verlinken von Bildern als Verknüpfung mit dem Profil (anderer User), das zur Identifizierung und Vernetzung sowie als Widmung und Schenkungsakt gebraucht wird (vgl. auch Reißmann 2010);

• das Visualisieren medialer und außermedialer Interessen und Präferenzen

z.B. durch "Gefällt-mir-Angaben";

• das "Posten" und "Sharing" von selbst produzierten Bildern oder von Fundstücken als zeigenswerte (Kunst-)Werke, sowie als an den (erweiterten) Freundes- und Bekanntenkreis bzw. ausgewählte Akteure adressierte Bild(Text)Nachrichten (inkl. ihrer Weiterverbreitung durch Dritte);

• das schriftliche Kommentieren, Raten und "Liken" von Bildern als Formen qualitativen und quantitativen Feedbacks.

Weitere, sich derzeit über die Verbreitung mobiler und internetfähiger Mediengeräte (v.a. Smartphone) etablierende Praktiken betreffen die Verknüpfung von Bildern mit Geodaten, d.h. Ortsmarkierungen.

Die Tatsache, dass sich Erlebnis- und Sozialräume, Vernetzungsstrukturen und Ausdrucksressourcen verändern, sollte allerdings nicht vergessen machen, dass viele der Merkmale, die heute digitalen Medienumgebungen und SNS zugeschrieben werden – die Stärke der "weak ties", die Option zu translokaler Vernetzung, der multimodale Selbstausdruck – schon in der Vergangenheit mit Jugendszenen als "imagined communities" in Verbindung gebracht wurden. Im Gegenteil waren es ja gerade Jugendszenen, die als Exempel sozialer Beweglichkeit, Mobilität und Fluidität galten (Bennett 1999; "Proto-Gemeinschaften" bei Willis 1991: 174-179); und die schon früh für das "Netzwerk" als einer aktuell prägenden wissenschaftlichen Sozial- und Denkfigur standen. Vergleichbares gilt für das Verhältnis von körperlicher Selbststilisierung und Online-Bildhandeln, das (im Verbund mit dem Videoclip) gegenwärtig die ehemals textdominierte Netzkommunikation zu überformen scheint.

Vor diesem Hintergrund versteht sich dieser Beitrag als eine Reflexion jugendlichen Bildhandelns in SNS aus mediatisierungstheoretischer Perspektive (Krotz 2007). Annahme ist, dass sich mit veränderten Kommunikations- und Interaktionsbedingungen auch Formen der jugendkulturellen Vergemeinschaftung wandeln. Zugleich bewegt sich diese aber zwischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten, zwischen neuen Phänomenen und der Re-Integration gewachsener Traditionen des Kommunizierens und Miteinanderhandelns.

Zuerst wird deshalb auf die innere Verwandtschaft von jugendkultureller Selbststilisierung des Körpers ("gestern") und Online-Bildhandeln in SNS ("heute") hingewiesen (Kap. 2). Darauf aufbauend geht es in drei weiteren Argumentationsschritten um eine Beschreibung von Veränderungen jugendkultureller Vergemeinschaftung, die im engeren Sinn mit dem Bildhandeln in SNS zu tun haben. Der Fokus liegt hierbei auf eher grundlegenden Bedingungen des Selbstausdrucks und der Interaktion. Den vielen einzelnen Szenen und Jugendkulturen, die sich (auch) über SNS konstituieren und jeweils eigene Sinnhorizonte verfolgen, Ausdrucks- und Interaktionsrituale entfalten, wird die Analyse so freilich nicht gerecht. Eine Diskussion entlang der kommunikativen Basis ist, so die Hoffnung, trotzdem hilfreich, um Tendenzen und partielle Verschiebungen in Vergemeinschaftungsprozessen sichtbar zu machen. In einem ersten Schritt wird hierzu auf die Plastizität des digitalen Bilds eingegangen, das neue Potenziale des Selbstausdrucks in sich birgt, gerade auch, so die These, wenn parallel dazu die alltäglichen Interaktionsumgebungen zunehmend medial getragen sind (Kap. 3). Zweitens werden SNS als vernetzte, "gläserne" (Bild-)Archive gedeutet (Kap. 4), die dadurch nicht nur, aber auch jugendkulturell engagierten Jugendlichen drittens eine multilokale Präsenz ermöglichen und ihr Blick- und Aktionsfeld erweitern (Kap. 5). Schließlich werden viertens Bilder und Bildproduktion als vergleichsweise neue und an Bedeutung gewinnende thematische Kristallisationspunkte jugendkultureller Vergemeinschaftung vorgestellt (Kap. 6).

Hintergrund dieser Reflexion ist die Beschäftigung des Autors mit Bildhandeln und Bildkommunikation Jugendlicher in SNS im Rahmen eines Forschungs- und Dissertationsprojekts. Vereinzelt wird auf Ergebnisse der in diesem Zusammenhang erhobenen qualitativen Daten verwiesen. Da die Auseinandersetzung mit einzelnen Szenen nicht im Vordergrund stand, bezieht sich das Gros der präsentierten Überlegungen indes auf allgemeine Ableitungen zu jugendlichem Bildhandeln aus diesem Forschungsprojekt wie auch auf die Arbeiten anderer Forscher/-innen.

 
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