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Digitale Jugendkulturen – ein Raum der Anerkennung

Wahrnehmung und Anerkennung am Beispiel der Manga- und AniméSzene

1. Einleitung

Bereits vorhandene Jugendkulturen werden im digitalen Raum modifiziert, und jugendkulturelle Gemeinschaften vernetzen sich hier, ordnen und strukturieren sich neu. Obgleich es noch kulturelle Unterschiede zwischen analogen und digitalen Vergemeinschaftungen und Szenen Jugendlicher gibt, sind Tendenzen der Pluralisierung in der Hegemonialkultur, der Enthierarchisierung verschiedener Kulturen und der Gleichberechtigung unterschiedlicher Geschmackskulturen, Verhaltensstandards und Lebensstile zu erkennen. Massen(konsum)kultur und Populärkultur führen milieu- und szenespezifisch zu kollektiven Standards bis hin zu einer Homogenisierung. Jugendliche müssen den normativen Ansprüchen und Erwartungen der Jugendkulturen entsprechen, um ihrer eigenen Ausgrenzung zu entgehen. Zugleich scheint aber alles auch individueller, pluraler, differenzierter und entgrenzter zu sein (Ferchhoff 2011: 378). Dieser paradoxe Umstand erschwert es den einzelnen Jugendlichen, in einer Masse individueller, aber doch zugleich pluralisierter Jugendlicher als einzigartig, zugleich aber auch zugehörig wahrgenommen und anerkannt zu werden. Wie sich Jugendliche – komplementierend oder kompensierend zu ihrem Alltag – digitale Jugendkulturen und Vergemeinschaftungen zu Nutze machen, um sich gegenseitig das Grundbedürfnis (Taylor 1997:

15) von Zugehörigkeit und Anerkennung zu erfüllen, soll im Folgenden gezeigt werden.

Der vorliegende Beitrag soll kurz die Terminologie und die sozialwissenschaftlichen Diskurse von Anerkennung vorstellen und auf die Forschungsergebnisse zu allgemein digitalen Jugendkulturen und Vergemeinschaftungen übertragen. Beispielhaft soll gezeigt werden, wie jugendliche Manga- und Animéfans in ihrer Szene individuell ihr Bedürfnis nach Achtung, Toleranz sowie Akzeptanz und schließlich Anerkennung mittels ihrer online gestellten selbst produzierten Mangabilder und FanArts befriedigen.

2. Was ist Anerkennung?

Was ist Anerkennung? Etymologisch bildete sich im 16. Jahrhundert ›anerkennen‹ aus dem Wort ›erkennen‹. Etymologen und Sprachwissenschaftler vermuten, dass die Wörter ›erkennen‹ und ›anerkennen‹ vom lateinischen Verb

›agnoscere‹ und dem daraus abgeleiteten ›recognoscere‹ über den französischen Begriff ›reconnaître‹ stammen. Der französische Philosoph Paul Ricœur identifiziert in seiner Phänomenologie Wege der Anerkennung – Erkennen, Wiedererkennen, Anerkanntsein (Ricœur 2006) 23 Bedeutungsnuancen und klassifiziert sie in drei Hauptklassen: (1) Kognitives und erkenntnistheoretisches Identifizieren, (2) "sich selbst erkennen" und (3) die Semantik einer wechselseitigen Anerkennung.

Erste vereinzelte philosophische Überlegungen zum Begriff ›Anerkennung‹ lassen sich im westlichen Kulturraum zwar schon auf Rousseau und Kant zurückführen, jedoch setzte sich erstmals Johann Gottlieb Fichte (1796) systematisch mit dem Anerkennungsbegriff auseinander. Georg Wilhelm Friedrich Hegel entwickelte (1807) den Begriff von Anerkennung in seiner Phänomenologie des Geistes weiter, indem er den Fokus primär auf die Anerkennung des Einzelnen als (Mit-)Glied eines Volkes (vgl. hierzu Siep 1992: 181) setzte. Damit legte er nicht nur das Fundament der heutigen Rechtsphilosophie, sondern gilt heute auch als der klassische Philosoph der Anerkennung (vgl. Honneth 1992). Auch George Herbert Mead (1934) und Jessica Benjamin (1988, 1995, 1997) – im Anschluss an Donald W. Winnicott (1951) – zählen zu den Impulsgebern der subjektivierenden Anerkennungstheorie, der Bildung des Bewusstseins des Selbst in der sozialen und persönlichen Identitätsentwicklung (vgl. hierzu Bedorf 2010). Charles Taylor (1992, 1997) hingegen thematisiert Anerkennung interkulturell und postuliert die Herstellung und Bewahrung der kulturellen und sozial geprägten Identitäten von Minderheiten, Gruppen und Kulturen im gegenwärtigen Multikulturalismus. Besonders starken Einfluss – auch in den Erziehungswissenschaften (vgl. Prengel 2006) – hat das Anerkennungskonzept des Sozialphilosophen Axel Honneth (1992) auf den gegenwärtigen Diskurs um die Anerkennung genommen (vgl. Butler 2001; Fraser 2003). Honneths intersubjektives Konzept (vgl. Honneth 1992, 2010), basierend auf Hegels Idee eines (reziproken) Kampfes um Anerkennung der Subjekte um ihre Identität, Meads soziologische und Benjamins psychoanalytische Überlegungen konzipieren die unterschiedlichen Arten von Anerkennung nicht als Gegenbegriff zu Missachtung. Honneth geht in seinem Konzept von vier Prämissen der Anerkennung aus: Erstens ist Anerkennung eine Bejahung und Bekräftigung "von positiven Eigenschaften menschlicher Subjekte oder Gruppen" (Honneth 2010: 318). Zweitens enthält der Akt der Anerkennung über bloße Worte und symbolische Äußerungen hinaus eine normative Bedeutung, die eine bestimmte Haltung (attitude) impliziert (vgl. ebd.: 319). Drittens stellen Akte der Anerkennung ein "distinktives Phänomen" dar,

"welches dementsprechend nicht als Nebenprodukt einer andersgerichteten Handlung zu verstehen ist, sondern sich als Ausdruck einer eigenständigen Absicht begreifen lassen muss […], wenn ihr primärer Zweck in irgendeiner Weise affirmativ auf die Existenz der anderen Person oder Gruppe gerichtet ist" (ebd.). Viertens ist Anerkennung ein Überbegriff, der genau die drei Subdimensionen bzw. Haltungen (a) "Liebe", (b) "rechtlicher Respekt" und (c) "soziale Wertschätzung" umspannt, die lediglich die Arten von Anerkennung auf unterschiedlichen systemischen Ebenen bezeichnen. Honneth arbeitet in seinem Anerkennungskonzept unter anderem auch die Bedeutsamkeit von Anerkennung für das Selbstbild eines Menschen heraus und beschreibt, wie durch Kämpfe um Anerkennung gesellschaftliche Anerkennungsverhältnisse erweitert werden. Diese Aspekte sind anschlussfähig an Themen der aktuellen Jugendforschung im deutschsprachigen Raum wie Identitätssuche und -bildung (vgl. vor allem Keupp et al. 1999), Jugendkulturen und jugendkulturelle Vergemeinschaftung (vgl. vor allem Gebhardt/Hitzler 2006; Hitzler/Niederbacher 2010; Ferchhoff 2011), Schul- und Bildungsforschung (bspw. Helsper et al. 2006), aber auch an entwicklungsdefizitäre Themen wie Desintegration, Jugendgewalt und Menschenfeindlichkeit (vgl. bspw. Heitmeyer 2002; Kaletta 2008; Sitzer 2009). In der Jugendmedienforschung und speziell in der Erforschung digitaler Jugendkultur(en) wurde bisher die Anerkennungstheorie von Hugger (2009) lediglich auf junge Migranten und ihre intraethnischen Communitys präzisiert, nicht aber universell auf digitale Jugendkulturen bezogen.

Dennoch ist die theoretische Anerkennungsperspektive über die Jugendmedienforschung hinaus empirisch nützlich. So kann ermittelt werden, welche Attribute und sozialen Handlungen zur Wahrnehmung eines einzelnen Users notwendig sind. Im Offline-Kontext wird die subjektivierende Anerkennung durch die körperliche Anwesenheit sichergestellt. Aber welche jugend- und jugendkulturell-spezifischen Attribute muss der juvenile User besitzen und welche jugendkulturellen sozialen Handlungen muss er ausführen, um in digitalen Jugendkulturen wahrgenommen zu werden? Darauf aufbauend stellt sich die Frage, auf welche Art und Weise und wofür Jugendliche in ihren jugendkulturellen Vergemeinschaftungen Anerkennung – oder Missachtung – erfahren, und letztlich, welche Bedeutung Jugendliche diesen digitalen Anerkennungsoder gar Missachtungsräumen zuschreiben und in welcher Beziehung die Erfahrungen von Anerkennung oder Missachtung in ihren digitalen Jugendkulturen zu ihren Erfahrungen im Alltag und vorwiegend offline-Kontext stehen.

Nichtsdestotrotz lässt sich Honneths Ansatz keinesfalls ohne Anpassungsleistungen auf die Erforschung von Anerkennungsprozessen digitaler Jugendkulturen und jugendkultureller Vergemeinschaftungen anwenden. Vielmehr bedarf es einer Präzisierung und Erweiterung des Ansatzes (vgl. hierzu auch Kaletta 2008). So setzt beispielsweise Honneth eine subjektivierende Anerkennung, also die Wahrnehmung und Erkennung eines Gegenübers, voraus. Auch existieren bei Honneth nur die beiden Pole Anerkennung und Missachtung. Den Aspekt der Kritik, der individuell sowohl positiv als Hilfestellung des Kritikers, aber auch negativ als Missachtung interpretiert werden kann, zieht Honneth in seinem Konzept gar nicht in Betracht. Auch muss überprüft werden, ob die Anerkennungsinstanzen der Subdimensionen gleichartig und schematisch auf die Struktur einer jugendkulturellen Vergemeinschaftung übertragen werden können. Beispielsweise erfährt ein Individuum im realen Leben Recht vermittels der Staatsgewalt und ihrer einzelnen Staatsorgane, die nach dem Prinzip der Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative geschieden sind. Wer aber sichert in digitalen jugendkulturellen Vergemeinschaftungen das Recht eines Users?

Die Manga- und Animé(fan)szene ist noch eine recht genuine, nicht allzu stark kommerzialisierte oder von Erwachsenen beeinflusste digitale jugendkulturelle Vergemeinschaftung, deren soziale Handlungen (Organisation, Mitgliedschaft, Austausch von Informationen, Vernetzung, etc.) neben Conventions und Zeichnertreffen im offline-Kontext freilich hauptsächlich im Online-Kontext stattfinden. Daher sollen im Folgenden beispielhaft Prozesse von Anerkennung zwischen engagierten Mangabildzeichnern sowie Manga- und Animéfans vorgestellt werden[1].

  • [1] Die Daten beruhen auf einer teilnehmenden Beobachtung, auf Literatur- und Internetrecherchen sowie auf leitfadengestützten qualitativen Interviews im Rahmen meines Dissertationsvorhabens an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.
 
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