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3. Beteiligungsungleichheiten

Ungleiche Nutzungsweisen bilden sich auch in unterschiedlichen Beteiligungsformen und -ausmaßen ab. Gerade Jugendliche werden vielfach als eine über das Netz aktivierbare Gruppe wahrgenommen – durch Votings, Befragungen, Beteiligungsaktionen, aber auch in Form der Produktion von Webcontent auf Internetseiten oder auch innerhalb sozialer Netzwerke. Dieser Wahrnehmung liegt jedoch die Annahme zugrunde, dass die Beteiligungsweisen, die bei der Mehrzahl der Angebote vorausgesetzt werden, denjenigen so genannter "Durchschnittsjugendlicher" entsprechen. Demgegenüber ist aus der Partizipationsforschung und auch aus vorliegenden Studien zu Beteiligung im Netz (vgl. Klein 2008; Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink 2009; Sutter 2010) hinreichend bekannt, dass sich an "für alle offenen Partizipationsmöglichkeiten" primär ein bestimmter Teil der Jugendlichen beteiligt, nämlich diejenigen, die weder innerhalb noch außerhalb des Netzes zu den Benachteiligten zu zählen sind. In diesem Zusammenhang wäre zu reflektieren, inwiefern die angebotenen Orte, Formen und Themen tatsächlich so voraussetzungslos sind, wie sie zunächst zu sein scheinen. Darüber hinaus finden viele Beteiligungsaktionen zu Themen statt, die in der Regel nicht alle Jugendlichen, sondern zumeist eher ressourcenprivilegierte Zielgruppen betreffen. Auch hier kann von einem sogenannten "cultural capital bias" gesprochen werden. So erfolgen beispielsweise bei Beteiligungsaktionen, die Jugendliche zu zivilgesellschaftlichem Engagement und zur diskursiven Auseinandersetzung mit dem Thema Demokratie aufrufen, tendenziell "bildungsbürgerliche" Problemthematisierungen, die mit den Alltagsproblemen und -relevanzen sozial benachteiligter Jugendlicher wenig zu tun haben (vgl. Bittlingmayer/Hurrelmann 2005).

Alexandra Klein hat herausgearbeitet, dass die Beteiligung Jugendlicher innerhalb virtueller Beratungsarrangements, d.h. die "Verfügbarkeit strategischer Fertigkeiten, die es den NutzerInnen erlauben, ihre eigenen Interessen innerhalb der entsprechenden virtuellen Felder zu verwirklichen […], an soziale Bedingungen geknüpft [ist], die sich zum einen aus ihrer Kapitalienausstattung und zum anderen aus der Verfasstheit des jeweiligen Arrangements – des jeweiligen

›sozialen Feldes‹ – ergeben, die auf die Verwertbarkeit der verschiedenen Kapitalien und Fertigkeiten verweisen" (Klein 2008: 516). Pippa Norris (2001), Alexandra Klein (2008), Christian Stegbauer und Alexander Rausch (2001) sowie Angela Tillmann (2008) haben darüber hinaus anhand empirischer Untersuchungen in unterschiedlichen Settings gezeigt, wie durch kommunikative Prozesse Ausdifferenzierung und Schließung sowie gleichzeitig die Formierung hegemonialer Strukturen im virtuellen Raum stattfindet.

Das vielfach euphorisch als demokratisierende Technikstruktur gefeierte Web 2.0 bedarf im Zusammenhang mit der Frage nach jugendkulturellen Konstitutionsbedingungen ebenfalls weitergehender Analysen. Die AutorInnen des Medienkonvergenz-Monitorings kommen zu dem Ergebnis, dass Jugendliche mit formal niedrigem Bildungshintergrund besonders an präsentativen Aktivitäten im Web 2.0 beteiligt sind, die sich auf die Bereiche Musik, Foto-Uploads und Videos beziehen bzw. insgesamt teilhabebezogen weniger wirkmächtige Praxen umfassen (vgl. Schorb et al. 2008; Kießling 2008: 21). Dies bestätigen auch die Befunde einer Reihe weiterer Studien (vgl. Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink 2009; Eggert/Gebel/Wagner 2008: 152 und 167; Brüggen/Wagner 2008: 229;

Wagner 2008: 215; Feierabend/Rathgeb 2008: 48).

Auch im Kontext zivilgesellschaftlichen Engagements zeigen sich im Internet unterschiedliche Beteiligungsformen, in denen sich zwar internetgestütztes Engagement abbildet, das innerhalb eines Spektrums verortet wird. Allerdings differiert dessen Intensität zwischen weitgehender Partizipativität und der Generierung weiterer Beteiligung einerseits und eher rezeptiven bzw. kaum bis nicht beteiligungsrelevanten Formen andererseits (vgl. DJI/TU Dortmund 2011: 5). So werden Beteiligungsweisen, die eine wirkmächtige Repräsentation eigener Interessen ermöglichen, vor allem durch wenige und ressourcenreichere NutzerInnen praktiziert, sodass sich auch hier die aus der klassischen Partizipationsforschung bekannte Differenz abbildet (vgl. DJI/TU Dortmund 2011: 61; Sutter 2010: 50; Großegger 2011; Busemann/Gscheidle 2011; Schorb et al. 2010). Dies zeigt sich auch hinsichtlich der Motivlagen für Beteiligung, die bei jungen Menschen mit hohem kulturellem Kapital eher themenorientiert und bei Jugendlichen mit niedrigerem kulturellem Kapital mehr beziehungsorientiert gelagert sind (vgl. DJI/TU Dortmund 2011: 64; Kutscher 2010: 157). Auf diese Weise führt Beteiligung im Netz für die einen stärker zu einer potenziellen Ressourcenerweiterung im Kontext des damit verfügbaren Brückenkapitals (vgl. Norris 2001), für die anderen zu einer Reproduktion von Bindungskapital, das tendenziell weniger neue Ressourcen zugänglich machen kann.

 
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