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3. Medienbildung in der digitalen Jugendkultur am Beispiel des Sharings und des Social Networkings

Als exemplarische Felder, welche in der heutigen Jugendkultur mediale Erlebnisorientierung mit Prozessen der Gemeinschafts- und Identitätsbildung in besonderer Weise verbinden, thematisieren wir im Folgenden die verbreitete Praxis des Tauschens kultureller medialer Objekte, wie es auf Seiten wie flickr.com (Foto) und youTube.com (Video) stattfindet (3.1), sowie das Phänomen der sozialen Netzwerke, die in der digitalen Jugendkultur weithin verankert sind (3.2).

3.1 Sharing

Foto-Sharing besteht im Kern darin, die eigenen Fotos online zu stellen und sie dadurch Anderen verfügbar zu machen. Dieses geschieht in Online Foto-Galerien, Foto-Communitys oder auch in Foto-Blogs. Typisch für moderne FotoCommunitys wie beispielsweise flickr.com ist die Möglichkeit, Bilder zu kommentieren und sie zu verschlagworten (taggen). "Flickr hat nach eigenen Angaben ca. 5.000 Seitenzugriffe pro Minute und über sieben Millionen registrierte Benutzer. Laut der Suchmaschine Alexa gehört Flickr damit zu den tausend am stärksten frequentierten Seiten im Internet. Die Anzahl der eingestellten Fotos betrug am 24.08.2007 ca. 1,2 Milliarden" (de.wikipedia.org/wiki/Flickr [24.8.2007]). Die Erlaubnis zum Betrachten der Bilder kann auch auf eine Gruppe von flickr-Nutzern eingeschränkt werden. Damit besteht die Möglichkeit, Fotos in definierbaren Gruppen (z.B. der eigenen Familie) zu teilen. "82% der Nutzer stellen ihre Bilder aber jedermann zu Verfügung" (de.wikipedia. org/wiki/Flickr [24.8.2007]). Flickr ist mit seiner Struktur der differenzierten Vernetzung, Kommentierungsmöglichkeit und Gruppenbildung (Jörissen 2007) ein sehr heterogener Raum, in dem auf vielfältige Weise alltagskreativen Artikulationsformen Raum gegeben wird (Burgess 2007).

Diesem Phänomen "vernakulärer", also wenig reflexiver, beiläufiger Artikulation lassen sich auch viele Beiträge auf Video-Sharing-Plattformen wie You Tube.com zuordnen. Als bekanntester Vertreter des Videosharing ist – mit mehr als 260 Millionen täglicher Besucher und pro Minute 20 Stunden neu eingestellter Videos [1] – sicherlich die Plattform "YouTube" zu nennen, auf der seit Februar 2005 die Benutzer kostenlos Videoclips ansehen und hochladen können. Man findet dort Film- und Fernsehausschnitte, Musikvideos sowie selbst gedrehte Filme. Sogenannte "Videofeeds" können in Blogs oder auf Webseiten eingebunden werden; die eigene Videosammlung sowie die eigenen Favoriten können auf gestaltbaren Profilseiten präsentiert werden. Damit ist YouTube (a) zu einem nicht geringen Anteil im Kontext der Fankultur zu verorten – viele Nutzer stellen Clips von ihren Lieblingsbands, -serien, -comedians etc. ein. (b) Ein weiteres evidentes Phänomen sind selbst erstellte, zumeist kurze, häufig kuriose Videos aus dem privaten Raum, die über "virale" Ausbreitungsformen auf der Plattform teilweise Zuschauerzahlen in zweifacher Millionenhöhe erreichen [2]. (c) Ein weniger sichtbares, aber nicht weniger erwähnenswertes Phänomen sind schließlich audiovisuelle Selbstthematisierungen, die in dieser Weise vor Bestehen solcher Plattformen nicht existiert haben, mithin also völlig neue Formen von Selbstinszenierung und Biografisierung darstellen.

Als Beispiel für diese dritte Kategorie stellen wir das Video eines jungen Mannes vor. "NK5000", so der Mitgliedsname, hat über zweitausend Selbstporträts, die im Zeitraum vom 11. Januar 2000 bis zum 31. Juli 2006 aufgenommen wurden – eines pro Tag – zu einem über fünfminütigen Film montiert, der mittlerweile über 12 Millionen mal aufgerufen wurde[3]. Das Prinzip des Videos ist einfach: NK5000 ist jeweils von den Schultern an in der Bildmitte platziert, Augen und Gesicht der Kamera zugewandt, immer mit einem neutralen Gesichtsausdruck und mit sehr ähnlicher Kadrierung (sodass der Kopf immer etwa gleich groß erscheint). Das Video entfaltet seinen Reiz durch das stetige Spiel von Ähnlichkeit und Veränderung – ähnlich bleibt sich das Gesicht; die im Hintergrund zu sehenden Räumlichkeiten bleiben einige Sekunden gleich, verändern sich dann rapide, kehren wieder, einzelne Nachtaufnahmen stechen visuell für den Bruchteil einer Sekunde heraus, dann wieder sind in den bereits bekannten Räumlichkeiten Personen zu sehen, die im nächsten Augenblick wieder verschwinden. Ohne dass wir an dieser Stelle eine formale Analyse des Videos vornehmen, können wir festhalten, dass der visuelle Gesamteindruck von zwei Momenten dominiert wird: Einerseits fasziniert der sehr langsam ablaufende Prozess des Älterwerdens von NK5000. Was hier visuell erfassbar wird, ist ein Modell von Identität, das in der Identitätstheorie zuerst in Leibniz' Monadologie erwähnt ist: Identität erscheint nicht als monolithischer "Block", sondern besteht jeweils im sozusagen mikrologischen Übergang von einem biografischen Augenblick zum nächsten (vgl. Jörissen 2000: 47ff.). Der zweite faszinierende Aspekt liegt in der unregelmäßigen Abfolge von Gleichheiten und Veränderungen des Hintergrundes. In der Geschwindigkeit des Wechsels tauchen Fragen auf: Wer sind die Personen, die aufblitzen und ebenso schnell wieder verschwinden? Aber auch die visuelle Einsicht in die Konstanz von (Wohn-)Verhältnissen inmitten des Wechsels wird im Zeitraffer erfahrbar. Der visuelle Biografisierungsversuch von NK5000 hat auf YouTube viele Nachahmer hervorgerufen, die sich auf ihre Weise der Idee einer visuellen Autobiografie annehmen.

In ähnlicher Weise könnten hier noch vielfältige andere Beispiele aufgeführt werden; so etwa Musiksharingdienste wie last.fm oder blip.fm, die im popkulturellen Kontext naturgemäß eine besondere Rolle spielen, und in denen es in ähnlicher Weise um eine Mischung von Inszenierung von Identität oder Habitus (Musikgeschmack), Vernetzung und Exploration (neuer Bands und Songs) geht. Die meisten dieser Dienste bilden mittlerweile ein dichtes Netz an dynamisch aufeinander zugreifenden Inhalten, eine gigantische Tauschplattform, sodass sich die oben schon aufgeworfene Frage aufdrängt, warum so viele Menschen kulturelle Werte in dem genannten Sinne öffentlich anderen zur Verfügung stellen. Referenzen zur anthropologischen Theorie des Tausches (Mauss 1990/1923) und zur Frage der Bedeutung ritualisierter Handlungspraxen im Kontext Neuer Medien bieten sich an, können aber hier nicht weiter verfolgt werden.

  • [1] wolframalpha.com/input/?i=youtube [25.6.2009]; tinyurl.com/youtube20h [25.6.2009]
  • [2] Wir können dieses interessante Phänomen an dieser Stelle nicht weiter ausführen und verweisen daher auf unser Medienbildungs-Wiki: wiki.strukturale-medienbildung.de/doku. php/viral [25.6.2009]
  • [3] tinyurl.com/NK5000 [25.6.2009]
 
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