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3 Unterrichten und Film-Schauen

Zunächst ist die allen Unterrichtsforschern gestellte Frage „Was ist Unterricht?“ an dieses Setting heranzutragen. Sie ist sokratisch erst einmal selbst am Fall zu problematisieren. Wenn wir nicht von der nichts erklärenden Allaussage ausgehen wollen, dass überall dort, wo Unterricht drauf steht, auch Unterricht stattfindet, müssen wir klären, inwiefern wir es hier überhaupt mit Unterricht zu tun haben. Das meint nicht die Messung des Geschehens an einem normativen Begriff von der Sache, sondern die nähere Bestimmung der Momente, die das Geschehen zu einem machen, das wir Unterricht nennen mögen, ja müssen.

Gezeigt wird der Film in der Schule während einer Unterrichtstunde. Das prägt ihm die Verwertungslogik des Unterrichts bereits auf. Die Schüler sind nicht eingeladen, zum Besuch eines Kinos, etwa als Abschluss-Aktivität der Klasse mit der Lehrerin – so wie jene Theater-Besuche, an die der Autor sich aus seiner Schulzeit erinnert. Auch haben wir es nicht mit Jugendlichen zu tun, die aus eigenem Antrieb, „Swing Kids“ im Kino sehen wollen. Der Film findet im Rahmen einer Unterrichtsreihe zur Geschichte und Politik seinen Platz. Die Lehrerin zeigt ihn als ein Material zur Unterrichtsreihe. Der Film steht nicht für sich, er dient im doppelten Sinne als Mittel zum unterrichtlichen Zweck, als didaktische Repräsentation eines Inhalts des Curriculums wie auch methodisch als Arbeitsmaterial. Damit ist mit ihm nicht so zu verfahren, wie es heute in Schulen üblich geworden ist, wenn nach dem Programm und den Noten die Zeit bis zu den Ferien mit Filmeschauen totgeschlagen wird.

„Swing Kids“ muss in den Augen der Lehrerin als besonders geeignet erschienen sein, den Schülern der Klasse einen prägnanten Eindruck vom Leben der Jugendlichen in der Zeit des NS-Faschismus zu liefern. Mit dem Mittel der Filmerzählung sollen sie sowohl für die Probleme dieser Jugendlichen-Generation als auch gleichzeitig für die besonderen Zeitumstände aufgeschlossen werden. Damit befolgt die Lehrerin die didaktische Doktrin des heutigen Geschichtsunterrichts, Geschichte durch aktualisierbare Narration den Schülern nahe zu bringen. Gezeigt wird nicht

„Stauffenberg“, „Geschwister Scholl“ oder gegenläufig dazu „Hilterjunge Flex“, auch nicht „Die Brücke“ oder „Shoah“ oder „So weit die Füße tragen“. Damit wird weder der Widerstand später Helden oder mutiger Studenten gezeigt, nicht die Propaganda der Nazis oder das Drama des letzten Kanonenfutters oder dokumentarisch die Judenverfolgung oder das Schicksal der Soldaten-Großväter.

„Swing Kids“ thematisiert und verbindet zwanglos Widerstand und Anpassung, er zeigt die Agenten der Diktatur: vom brutalen Blockwart über den Mitläufer zum gerissenen Gestapo-Mann, sowie den kommenden Krieg, die Brutalität des Regimes, seine Opfer. Aber in der Mitte des Films steht exponiertes Peergroup-Verhalten und der zerbrechliche Verhaltenskodex von Freundschaften. Die Lehrerin könnte nun (1) davon ausgehen, dass die Geschichte, wie sie filmisch entwickelt wird, ein Selbstläufer ist. Als möglicherweise großes Kunstwerk oder als suggestives Produkt der Filmindustrie löse es beim Zuschauer die gewünschten Reaktionen aus. Deswegen könne sie dem Material vertrauen und sich als Unterrichtende ganz zurücknehmen.

Sie könnte sodann (2) davon ausgehen, dass die durch das ästhetische Erleben ausgelöste emotionale Verarbeitung des Geschehens im besten Fall Gegenstand eines zwanglosen Austausches werden sollte, der vom problematisierungsfreien Respekt gegenüber den ausgelösten Empfindungen ausgeht.

Und schließlich könnte sie (3) hypothetisch für sich das in Anspruch nehmen, was sie auch den Schülern als Haltung gegenüber dem Gesehenen anempfehlen möchte, sich nämlich nach dem Erleben der erschließenden ästhetischen Erfahrung zu öffnen. Dann wäre der Film nicht mehr Mittel zu einem anderen Zweck.

Er würde zum einem Gegenstand sui generis erhoben und wäre als Spielfilm auf seinen Werkcharakter hin gemeinsam zu untersuchen.

Während nun im ersten Fall Unterrichten in ästhetische Verführung münden und sich als Erleben erfüllen würde und somit die Überwältigung die für Unterricht vorauszusetzende kognitive Distanzierung ersetzen würde, und während im zweiten Fall Unterricht ausfallen würde, obwohl im Unterricht der Film gezeigt wird, weil dem Unterricht der zielbezogene Gegenstand einer Vermittlung mit der rein subjektiven Resonanz des Erlebens abhandengekommen wäre, würde schließlich im dritten Fall Unterricht aufgehoben durch die letztlich nur noch von der Lehrerin angestiftete, ggf. methodisch inspirierte Analyse des Materials. Dann würde nichts mehr gelehrt, sondern allein gemeinsam etwas mit offenem Ende untersucht. Mit allen drei Varianten würden die Grenzen des Unterrichts berührt, ggf. sogar überschritten.

Keine der drei Varianten wird für diesen Unterricht bestimmend. Stattdessen wird das Zeigen des Filmes durch Schularbeit gerahmt und angeleitet.

 
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