Einleitung

Problemstellung

Der Lagebericht stellt einen wesentlichen Bestandteil der Rechenschaftslegung im Rahmen der nach außen gerichteten Informationspflichten eines Unternehmens dar. Als rechtlich und funktional eigenständiges Rechnungslegungsinstrument dient er der Vermittlung ergänzender Informationen, die sich nicht

aus Bilanz, GuV und Anhang erkennen lassen. Da der Jahresabschluss aufgrund abbildungsverzerrender Konventionen in den Rechnungslegungsnormen und von Abbildungsspielräumen nur in begrenztem Umfang aussagefähig ist, soll der Lagebericht Entscheidungshilfen für die Adressaten hinsichtlich der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage und der Entwicklung des Unternehmens geben. Der Lagebericht enthält neben der Rechenschaft über vergangene Sachverhalte ebenso Informationen über die Zukunftsaussichten mitsamt der Risiken und Chancen. Der daraus abgeleitete Lageberichtszweck der Informationsvermittlung wird insbesondere dadurch erreicht, dass die Aufstellung des Lageberichts im Gegensatz zum Jahresabschluss unabhängig von den informationshemmend wirkenden Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung erfolgt.

Die Eignung des Lageberichts als Informationsinstrument ist hingegen u.a. von der Eindeutigkeit der gesetzlichen Anforderungen des § 289 HGB abhängig und davon, inwieweit Ermessensspielräume durch die Kommentierung beseitigt werden sowie den Anstrengungen der Unternehmen, die Gesetze zu erfüllen oder sogar darüber hinauszugehen. Informationen sind grundsätzlich ökonomisch nur dann brauchbar, wenn sie sich als Entscheidungshilfe eignen, d.h. wenn eine Entscheidung mit diesen Informationen besser getroffen werden kann, als dies ohne sie der Fall wäre. Dementsprechend gilt für ein Rechnungslegungsinstrument, dass es zureichende Informationen für den Entscheidungsprozess liefern muss, um als ökonomisch brauchbar gelten zu können. Als Konsequenz muss die Lageberichterstattung ihren Adressaten zwingend entscheidungsrelevante Informationen zur Verfügung stellen.

Dem Lagebericht wurde über eine lange Zeitspanne hinweg eine untergeordnete Stellung in Literatur und Praxis zuteil. Erst vor dem Hintergrund einer zunehmenden Kapitalmarktorientierung deutscher Unternehmen und aufgrund des damit verbundenen Interesses der Stakeholder an zukunftsorientierten Informationen über die Unternehmenslage wurde ein Bedeutungszuwachs des Lageberichts erkennbar und dieser als Gegenstand des bilanzrechtlichen und öffentlichen Interesses wahrnehmbar. So fokussieren erst die jüngeren Diskussionen innerhalb der normsetzenden Institutionen, der Wissenschaft und Praxis verstärkt auch auf die Lageberichterstattung, was insbesondere durch eine Reihe von Änderungen der relevanten Normen zum Ausdruck kommt. Die gesetzlichen Anforderungen an die Lageberichterstattung wurden seit Einführung des Gesetzes zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) im Jahr 1998 in zunehmend kürzer werdenden Abständen verschärft und konkretisiert, wobei mit dem Bilanzrechtsreformgesetz (BilReG) im Jahr 2004 besonders weitreichende Änderungen der entsprechenden Rechtsgrundlagen vorgenommen wurden. Vor allem die Berichterstattung über die voraussichtliche Entwicklung des Unternehmens bildete einen Schwerpunkt dieser Reformbewegungen und wurde mehrfach konkretisiert. In der Gesetzesbegründung zum BilReG wird mit dem Deutschen Rechnungslegungs Standard (DRS) 15 erstmalig auf einen DRS explizit hingewiesen. DRS 15 dient der Konkretisierung der Anforderungen an die Lageberichterstattung von Konzernen, um die großen Unterschiede im Umfang, Inhalt und Struktur der Lageberichterstattung der deutschen Unternehmen zu reduzieren und die Aussagekraft anzuheben. Das Ziel der vergangenen Reformen bestand insbesondere darin, den Informationsgehalt der Lageberichterstattung in Summe zu erhöhen, indem neben dem Ausbau der Berichtsinhalte in Form von einer zusätzlichen Berichterstattung über entscheidungsrelevante Angaben auch eine Erhöhung des Präzisionsgrades der bisherigen Lageberichterstattung vorgenommen wurde.

Der Lagebericht ist Gegenstand einer Vielzahl empirischer Studien, die sich mit der Berichtspraxis vor dem Hintergrund des jeweils gültigen regulatorischen Umfeldes beschäftigen. Die Untersuchungsziele der Studien liegen regelmäßig explizit oder implizit in der Feststellung des Informationsgehaltes, die die Fragestellung umfasst, inwiefern entscheidungsnützliche Informationen vermittelt werden. Da der Lagebericht den Zweck der Informationsvermittlung erfüllen soll, lässt sich die Qualität der Berichterstattung zweckmäßig als Grad der Zweckerfüllung auffassen.

Die Befunde belegen regelmäßig, dass Lageberichte überwiegend vage und wenig aussagekräftige Informationen enthalten und ein deutliches Verbesserungspotential bieten. Auch wenn sich tendenziell insgesamt eine Verbesserung der Berichtsqualität im Zeitablauf nach Inkrafttreten der letzten tiefgreifenden Reform der Lageberichtsvorschriften durch das BilReG sowie der Veröffentlichung des DRS 15 feststellen lässt, bestehen allerdings nach wie vor teilweise erhebliche Defizite in der Berichterstattung.

Der Schwerpunkt der Untersuchungen liegt in den letzten Jahren deutlich auf der zukunftsorientierten Berichterstattung in Form des Prognose-, Chancen- und Risikoberichts. Insbesondere die Neuregelungen im Hinblick auf prospektive Angabepflichten und die darauffolgenden Auslegungen der Vorschriften in der Kommentarliteratur sowie den Konkretisierungsbestrebungen seitens des Deutschen Standardisierungsrates (DSR) zogen ein deutliches Interesse an der Beurteilung der Umsetzung der Neuerungen in der Berichtspraxis nach sich. Dieses Interesse scheint insofern angemessen, als die Studien mehrheitlich belegten, dass die Berichterstattung im Zusammenhang mit zukunftsorientierten Angaben regelmäßig und in besonders gravierendem Ausmaß hinter den im Zeitablauf gestiegenen Anforderungen zurückblieb.

Die Berichterstattung im sogenannten Wirtschaftsbericht dient nach § 289 Abs.

1 Satz 1 HGB der Darstellung von Geschäftsverlauf einschließlich des Geschäftsergebnisses und der Lage der Kapitalgesellschaft, dass ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild vermittelt wird. Ferner sind Geschäftsverlauf und Lage unter Einbeziehung finanzieller (sowie nicht finanzieller) Leistungsindikatoren zu analysieren (§ 289 Abs. 1 und Abs. 3 HGB). Das Gliederungsschema des DRS 15 differenziert bezüglich der mit dem Wirtschaftsbericht korrespondierenden Inhalte in die Teilberichte „Geschäft und

Rahmenbedingungen“ sowie „Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage“.

Im Rahmen empirischer Untersuchungen wird der Wirtschaftsbericht (bzw. die Teilbereiche „Geschäft und Rahmenbedingungen“ sowie „Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage“) regelmäßig als Teil einer Gesamtbeurteilung der Lageberichtsqualität berücksichtigt. Die Anzahl dieser Gesamtanalysen liegt aufgrund der oben beschriebenen Fokussierung auf die zukunftsorientierte Berichterstattung deutlich hinter der Anzahl der Partialanalysen zur Prognose, Risiko- und Chancenberichterstattung zurück. Vor dem Hintergrund, dass der Wirtschaftsbericht als Teil einer Gesamtanalyse nicht im alleinigen Forschungsinteresse steht, liegen die empirischen Befunde regelmäßig nicht in solch detaillierter Form vor wie bei den teilweise sehr ausführlichen und umfangreichen Partialanalysen in Bezug auf die zukunftsorientierten Lageberichtsteile. Vielmehr wer-

den die Untersuchungsergebnisse zur Berichtsqualität des Wirtschaftsberichts oftmals in relativ aggregierter Form veröffentlicht. Studien, bei denen ausschließlich die Berichterstattungsqualität des Wirtschaftsberichts Gegenstand des Forschungsinteresses bildet, liegen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht vor.

Die vorliegenden Befunde zur Qualität des Wirtschaftsberichts verdeutlichen jedoch mehrheitlich, dass die Publizität dieses Teilberichts regelmäßig Defizite aufweist und Verbesserungspotential bietet. Auch aktuellere Studien, die die Umsetzung der Konkretisierungen des DRS 15 untersuchen, belegen, dass die Berichterstattung der Teilberichte „Geschäft und Rahmenbedingungen“ und „Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage“ in vielerlei Hinsicht unzureichend erfolgt und hinter den Anforderungen des DRS 15 zurückbleibt.

Besonders bedenklich sind diese Befunde vor dem Hintergrund, dass den entsprechenden Informationen aus Adressatensicht hingegen eine hohe Bedeutung zukommt. So liegen empirische Befragungen im Zeitablauf vor, wonach die Lageberichtsadressaten den Wirtschaftsbericht und, nach Einführung des DRS 15, insbesondere den Teilbericht „Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage als besonders bedeutend einschätzen. Demzufolge ergibt sich eine Diskrepanz zwischen der Bedeutung des Wirtschaftsberichts aus Adressatensicht einerseits sowie der vorliegenden Befunde in der Berichtspraxis und der Wahrnehmung in der Literatur andererseits.

Diese Diskrepanz bildet den Ausgangspunkt für die empirische Untersuchung im Rahmen dieser Arbeit. Angesichts der hohen Bedeutung, die dem Teilbericht der ErtragsFinanz- und Vermögenslage aus Adressatensicht zukommt, soll dieser Teilbericht in der vorliegenden Arbeit auf seine Publizitätsqualität untersucht werden. Damit soll die vorhandene Lücke in der Literatur geschlossen werden und detaillierte und umfangreiche Aussagen über das Qualitätsniveau der Berichterstattung über die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage getroffen werden.

Hinsichtlich der Abgrenzung des Untersuchungsumfangs wird auf das Marktsegment, in dem die zu untersuchenden Unternehmen gelistet sind, Bezug genommen. So belegen die durchgeführten Lageberichtsstudien regelmäßig und teilberichtsunabhängig, dass sich Qualitätsunterschiede in der Berichterstattung hinsichtlich des Marktsegments feststellen lassen. So weisen die DAX30 Unter-

nehmen regelmäßig bessere Werte auf als die Unternehmen nachgelagerter Indizes. Insbesondere die Berichtsqualität der TecDAX Unternehmen liegt mehrheitlich in erheblichem Ausmaß hinter der Berichterstattung von DAX30 oder MDAX Unternehmen zurück. In Bezug auf die Berichterstattung zur Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage zeigt die Untersuchung von Dietsche/Fink, dass die TecDAX Unternehmen teilweise mit deutlichem Abstand die schlechtesten Qualitätswerte aufweisen.

Diese Befunde geben Anlass, im Rahmen dieser Arbeit gezielt die Berichterstattung der TecDAX Unternehmen zu analysieren. Trotz der festgestellten defizitären Berichterstattung der TecDAX Unternehmen stehen diese Unternehmen regelmäßig nicht im alleinigen Forschungsinteresse, sondern werden vielmehr als Teil von umfassenden Untersuchungen verschiedener Marktsegmente einbezogen. Somit dient diese Arbeit dazu, umfassende Befunde zur Berichtsqualität der TecDAX Unternehmen zu liefern. Im Zusammenhang mit der Analyse der Berichterstattung zur Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage soll dazu beigetragen werden, die bestehende Lücke in der Literatur auf diesem Gebiet zu schließen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >