Aktuelle Entwicklungen

DRS 20

Nach Ende der ersten Projektphase zur Überarbeitung der DRS zur Lageberichterstattung, die der Umsetzung des zeitkritischen Änderungsbedarfs diente, erfolgte im Rahmen der zweiten Phase eine Durchsicht der bestehenden Anforderungen an die Konzernlageberichterstattung, um in einer umfassenden Gesamtschau die gegenwärtig anzuwendenden DRS zu evaluieren und ggf. anzupassen. Damit sollte das Ziel verfolgt werden, die mit der Anwendung der DRS zur Konzernlageberichterstattung gesammelten praktischen Erfahrungen sowie aktuelle Entwicklungen, wie beispielsweise das vom IASB veröffentliche IFRS Practice Statement Management Commentary, aufzugreifen und in DRS 20 zu reflektieren.

So wurde im November 2011 der Beschluss zur Veröffentlichung des Standardentwurfs E-DRS 27 zu den neuen Berichtsanforderungen an die Konzernlageberichterstattung getroffen, worauf nach Beendigung der Neuorganisation des DRSC am 14.12.2011 die Veröffentlichung des E-DRS 27 folgte. Der finale Standard DRS 20 – Konzernlagebericht wurde am 14.09.2012 verabschiedet und seitens des BMJ am 04.12.2012 im Bundesanzeiger veröffentlicht. Im Vergleich zum Standardentwurf E-DRS 27 wurden keine wesentlichen Änderungen am endgültigen Standard DRS 20 vorgenommen. DRS 20 ist erstmals zu anzuwenden für nach dem 31. Dezember 2012 beginnende Geschäftsjahre.

Eine zentrale Neuerung des DRS 20 stellt die Zusammenfassung der historisch gewachsenen Mehrzahl an Rechnungslegungsstandards zur Konzernlageberichterstattung dar, wonach DRS 5 „Risikoberichterstattung“, die branchenspezifischen Standards DRS 5-10 „Risikoberichterstattung von Kredit- und Finanzdienstleistungsinstituten“ und DRS 5-20 „Risikoberichterstattung von Versiche-

rungsunternehmen“ sowie DRS 15 „Lageberichterstattung“ in einem Rechnungslegungsstandard unter Änderung des Titels in „Konzernlagebericht“ zusammengeführt werden. DRS 17 „Berichterstattung über die Vergütung der Organmitglieder“ wird hierbei nicht einbezogen, weil sich dieser sowohl auf Anhangangaben als auch auf Erfordernisse in Bezug auf den (Konzern-)Lagebericht bezieht und bleibt somit bestehen.

In DRS 20 wurde eine Differenzierung der Vorschriften für kapitalmarktorientierte und nicht kapitalmarktorientierte Unternehmen vorgenommen, wonach die von kapitalmarktorientierten Unternehmen anzuwendenden Vorschriften durch „K-Ziffern“ gekennzeichnet sind.

Daneben enthält DRS 20 anders als DRS 15 keine Empfehlungen zur inhaltlichen Ausgestaltung der Konzernlageberichterstattung, womit eine klarere Darstellung der Anforderungen angestrebt werden soll. DRS 20 fokussiert damit vielmehr auf die an einen Konzernlagebericht zu stellenden Mindestanforderungen.1062

Ferner werden die Grundsätze der Vollständigkeit, Verlässlichkeit und Ausgewogenheit, Klarheit und Übersichtlichkeit, Vermittlung aus Sicht der Konzernleitung in DRS 20 beibehalten. Der Grundsatz der Konzentration auf die nachhaltige Wertschaffung wurde hingegen nicht übernommen, weil nach Auffassung des DRSC die bisher unter diesem Grundsatz gefassten Textziffern kein standardübergreifendes Berichterstattungsprinzip darstellen. Die inhaltlichen Anforderungen in Bezug auf finanzielle und nichtfinanzielle Leistungsindikatoren wurden in die Regelungen zum Wirtschaftsbericht verlagert.

Neu aufgenommen wurde der Grundsatz der Wesentlichkeit, wonach sich der Konzernlagebericht gemäß DRS 20.32 auf wesentliche Informationen konzentrieren muss. Nach DRS 20.33 verlangt dieser Grundsatz z.B. nur insofern über das Konzernumfeld zu berichten, als dies zum Verständnis des Geschäftsverlaufs, der Lage und der voraussichtlichen Entwicklung des Konzerns erforderlich ist. „Durch Konzentration auf die Sachverhalte, die für den verständigen Adressaten wesentlich sind, um sich ein zutreffendes Bild vom Geschäftsverlauf, der Lage und der voraussichtlichen Entwicklung des Unternehmens bzw.

des Konzerns sowie von den mit dieser Entwicklung einhergehenden Chancen und Risiken zu machen, soll ein information overload vermieden werden.“ Ferner wurden die Grundsätze um den Grundsatz der Informationsabstufung erweitert, wonach gemäß DRS 20.34 die Ausführlichkeit und der Detaillierungsgrad der Ausführungen von den spezifischen Gegebenheiten des Konzerns, wie insbesondere von der Art seiner Geschäftstätigkeit, seiner Größe und der Inan-

spruchnahme des Kapitalmarktes abhängen. „Somit haben diversifizierte, große oder kapitalmarktorientierte Unternehmen ausführlicher und detaillierter im Lagebericht zu berichten als nicht diversifizierte, kleine oder nicht kapitalmarktorientierte Unternehmen.“ Allerdings stellt DRS 20.35 ausdrücklich klar, dass dieser Grundsatz ein vollständiges Unterlassen der Berichterstattung einzelner Berichtsinhalte nicht rechtfertigt, sondern dass vielmehr unterschiedlich hohe Anforderungen an Ausführlichkeit und Detaillierung in Abhängigkeit von den

spezifischen Gegebenheiten, wie Art der Geschäftstätigkeit, die Konzerngröße und die Inanspruchnahme des Kapitalmarktes, zu stellen sind. Dementsprechend wird das Selbstschutzinteresse von wenig diversifizierten, kleineren oder nicht kapitalmarktorientierten Mutterunternehmen gewürdigt, „welche bei einem einheitlichen Umfang an Informationen ausführlicher und detaillierter Bericht erstatten müssen und dabei ggf. relativ mehr schutzwürdige interne Unternehmensinformationen offenlegen müssten.“ Unklar bleibt allerdings im Zusammenhang mit den höheren Anforderungen für diversifizierte, große oder kapitalmarktorientierte Unternehmen, „ob die Berichtsanforderungen eher als Maximaloder Minimalanforderungen gesehen werden können.“

Das Gliederungsschema des DRS 20 wurde hinsichtlich der Teilberichte „Geschäft und Rahmenbedingungen“ und „Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage“ verändert, ansonsten jedoch beibehalten. Nachfolgende Abbildung zeigt den neuen Aufbau der Standardabschnitte des DRS 20:

Abbildung 5: Änderung der Standardabschnitte nach DRS 20

Quelle: Barth (2012), S. 9.

In DRS 20 wird die Berichterstattung über Geschäftsverlauf und Rahmenbedingungen nunmehr zusammen mit der Berichterstattung über die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage unter dem Abschnitt „Wirtschaftsbericht“ geführt. Innerhalb des Abschnitts „Grundlagen des Konzerns“ werden Angaben zum Geschäftsmodell des Konzerns, zum Steuerungssystem (für kapitalmarktorientierte Unternehmen) und zur Forschung und Entwicklung gefordert. Neu aufgenommen wurde eine freiwillige Berichterstattung über die Ziele und Strategien.

Der Aufnahme einer freiwilligen Berichterstattung über Ziele und Strategien in DRS 20.39-44 ging eine intensive Diskussion innerhalb des DRSC voraus, da sich der Gesetzgeber letztlich gegen die Aufnahme einer verpflichtenden Berichterstattung ausgesprochen hat. Wie in obigen Ausführungen dargestellt, sah der Gesetzesentwurf des BilReG eine Berichtspflicht hinsichtlich der wesentlichen Ziele und Strategien im Lagebericht noch vor, die allerdings nicht in die endgültige Fassung des BilReG übernommen wurde. Der E-DRS 27 enthielt hingegen noch eine verpflichtende Berichterstattung über die Ziele und Strategien, die der DSR mit der Informationsfunktion der Konzernlageberichterstattung und der Entscheidungsrelevanz strategieorientierter Berichtselemente begründete. Daneben wird in der Begründung zum E-DRS 27 auf die gegenwärtige Berichtspraxis und dazu vorliegenden empirischen Befunde Bezug genommen, wonach trotz keiner gesetzlichen Verpflichtung viele Unternehmen dennoch im Lagebericht strategieorientierte Angaben veröffentlichen. Weiterhin sei auf die Bedeutung der Strategieberichterstattung für kapitalmarktorientierte Unternehmen hingewiesen, die sich ferner in internationalen und nationalen Verlautbarungen anderer Staaten widerspiegelt, wie im IFRS PS MC sowie der britischen Operating and Financial Review (OFR) und der kanadischen Management's Discussion and Analysis (MD&A).

Allerdings wurde die verpflichtende Berichterstattung über Ziele und Strategien im Rahmen des Konsultationsprozesses häufig kritisiert, da die Anforderungen über das Gesetz hinaus gingen und sich der Gesetzgeber bewusst gegen eine Berichterstattungspflicht entschieden habe.

Der HGB-FA folgte diesem Einwand, worauf in der Fassung des DRS 20 anstelle einer Berichtspflicht eine freiwillige Berichterstattung über die strategi-

schen Ziele und die zu ihrer Erreichung verfolgten Strategien tritt. Die in den DRS 20 aufgenommenen Regelungen sollen als Leitlinien und Orientierungshilfe dienen. Als Ziele sollen in diesem Zusammenhang primär strategische Ziele verstanden werden, wie die Steigerung des Unternehmenswertes, der Marktführerschaft und des Marktanteiles, wohingegen operative Ziele, wie Umsatz-, EBIToder Kapitalrenditeziele, oft mit Prognosen zusammenfallen und daher in den Berichtsbestandteil Prognosebericht aufzunehmen sind.

Wesentliche Neuerungen im Wirtschaftsbericht liegen v.a. darin, dass in der Vorperiode berichtete Prognosen mit der tatsächlichen Entwicklung zu vergleichen sind (DRS 20.57), Angaben von Segmentinformationen zur Ertragslage (DRS 20.77) und zu den Investitionen (DRS 20.91) konkretisiert wurden und dass erstmalig die Möglichkeit zu einer Berichterstattung über Nachhaltigkeit

besteht (DRS 20.110-112). So wurde im Zuge der Abschaffung des Grund-

satzes „Konzentration auf die nachhaltige Wertschaffung“ und der Verlagerung der Regelungen zu den finanziellen und nichtfinanziellen Leistungsindikatoren in den Wirtschaftsbericht die Regelung geschaffen, dass bei finanziellen und nichtfinanziellen Leistungsindikatoren, die intern unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit verwendet werden, eben dieser Zusammenhang darzustellen ist.

Mit der parallelen Gestaltung der Berichtsanforderungen an finanzielle und nichtfinanzielle Leistungsindikatoren, die den Gesetzesaufbau abbildet, soll ferner der Wertigkeit der nichtfinanziellen Berichterstattung Rechnung getragen werden.

Innerhalb des Prognoseberichts liegt eine wesentliche Veränderung in der Verkürzung des Prognosezeitraums von mindestens zwei Jahren auf mindestens

ein Jahr, wobei allerdings absehbare Sondereinflüsse auf die wirtschaftliche Lage des Konzerns nach dem Prognosezeitraum darzustellen und zu analysieren sind (DRS 20.127). Zu kritisieren ist hier allerdings, dass bei einem einjährigen Prognosezeitraum im Extremfall de facto keine Prognoseinformationen vermittelt werden, wenn die zwölfmonatige Frist zur Offenlegung (§ 325 Abs. 1 i.V.m. Abs. 3 HGB) komplett ausgenutzt wird.

Ferner wurde gleichzeitig die Prognosegenauigkeit erhöht: Während nach DRS 15.88 Prognosen mindestens als positiver oder negativer Trend zu beschreiben waren, müssen die Aussagen gemäß DRS 20.128 (Aussagen zur erwarteten Veränderung der prognostizierten Werte gegenüber dem entsprechenden Istwert des Berichtsjahres) mindestens Richtung (steigen, fallen) und Intensität (stark, erheblich, geringfügig, leicht) angeben. Zulässige Prognosen sind gemäß DRS 20.130 Punktprognosen, Intervallprognosen, qualifiziertkomparative Prognosen. Rein komparative und qualitative Prognosen erfüllen die Anforderungen nicht (DRS 20.130), da sich in diesen Fällen dem Adressaten die Intensität der Entwicklung nicht erschließt. Ergün/Juchler/Müller sehen in dem expliziten Verbot rein qualitativer oder komparativer Prognosen die Möglichkeit einer Qualitätsverbesserung der Prognosen. Allerdings bleibt offen, ob hierbei tatsächlich entscheidungsnützliche Informationen erwartet werden können oder durch die erhöhten Berichtsanforderungen vielmehr eher eine Scheingenauigkeit bewirkt wird.

Prognosen sind hierbei gemäß DRS 20.126 zu den bedeutendsten finanziellen und nichtfinanziellen Leistungsindikatoren abzugeben, wobei die Prognose- und Istwerte für den gleichen Berichtszeitraum vergleichbar sein müssen. Ferner dürfen nach DRS 20.124 öffentlich verfügbare Prognosen zur Entwicklung der Gesamtwirtschaft und der Branche nur in dem Maße dargestellt werden, wie dies für das Verständnis der Aussagen zur voraussichtlichen Entwicklung des Konzerns erforderlich ist. Ergün/Juchler/Müller werten diese Regelung insofern positiv, als sie in ihrer Untersuchung zur Prognoseberichterstattung die Dominanz externer Prognosen als Kritikpunkt feststellen und diese Regelung zu einer Qualitätsverbesserung beitragen kann, da sich der Prognosebericht stärker an den Informationsbedürfnissen der Adressaten ausrichtet.

Der Risikobericht weist insofern wesentliche Neuerungen auf, als eine zusammenfassende Darstellung der Risikolage in DRS 20 erforderlich ist: Anders als in DRS 5 sind nun nach DRS 20.160 die dargestellten Risiken zu einem Gesamtbild der Risikolage des Konzerns zusammenzuführen. Hierbei können Diversifizierungseffekte berücksichtigt werden (DRS 20.160). Ferner wurden die Anforderungen an die Darstellung der Risiken deutlich erhöht sowie die Anforderungen für kapitalmarktorientierte Unternehmen im Rahmen der Berichterstattung über das Risikomanagementsystem ausgeweitet und konkretisiert. Für eine aussagefähige Risikoberichterstattung muss gemäß DRS 20.150 aus der Darstellung der Risiken deren Bedeutung hervorgehen: So können gemäß DRS 20.162 Risiken (wie bisher) zu Kategorien gleichartiger Risiken zusammengefasst oder nunmehr auch in einer Rangfolge geordnet werden.

Für den Chancenbericht sollen die Vorschriften zur Risikoberichterstattung auch auf die Chancenberichterstattung sinngemäß angewendet werden (DRS 20.165), über Chancen und Risiken ist nach DRS 20.166 ausgewogen zu berichten. Hierbei wird auf den Gesetzeswortlaut Bezug genommen, der auf gleiche Weise die Beurteilung der Chancen und Risiken fordert. Damit soll nach Intention des DRSC die Chancenberichterstattung, die in der gegenwärtigen Berichterstattungspraxis weit hinter der Risikoberichterstattung zurückbleibt, an Bedeutung gewinnen.

 
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