Lageberichtsstudien von 1985 bis 1998

Darstellung der Lageberichtsstudien von 1985 bis 1998

Für den Zeitraum nach Einführung des BiRiLiG bis zum Inkrafttreten des KonTraG existiert eine Reihe von Lageberichtsstudien, hierunter fallen die Untersuchungen von Schildbach/Beermann/Feldhoff, Krumbholz, Sorg, Ballwieser, Baetge/Armeloh/Schulze, Drobeck und Pechtl.

Schwerpunktmäßig sollen im Rahmen dieses Kapitels die Studien von Schildbach/Beermann/Feldhoff, Krumbholz und Baetge/Armeloh/Schulze dargestellt werden, da es sich hierbei um Gesamtanalysen handelt, die somit auch Ergebnisse zum Wirtschaftsbericht liefern. Die Studie von Schildbach/Beermann/Feldhoff untersucht das Publizitätsverhalten der GmbH – auch wenn, die vorliegende Arbeit auf die Berichterstattung von Konzernen fokussiert, dienen die Studienergebnisse von Schildbach/Beermann/Feldhoff einer Gesamtschau, um ein umfassenderes Bild von der Qualität der Lageberichterstattung zu erhalten. Krumbholz liefert die detailliertesten Ergebnisse bezüglich des Wirtschaftsberichts und ferner Befunde zur Bedeutung des Wirtschaftsberichts aus Sicht der befragten Adressaten. Mit der Studie von Baetge/Armeloh/Schulze wird zudem Bezug auf den Wettbewerb „Der beste Geschäftsbericht“ des manager magazins genommen.

Die Studie von Sorg wurde für eine nähere Betrachtung ausgewählt, um zusammen mit den beiden Studien zum aktienrechtlichen Geschäftsbericht eine Analyse zur Prognoseberichterstattung im Zeitablauf zu erhalten. Aufgrund der Beibehaltung des Untersuchungsumfangs und des methodischen Vorgehens ist ein direkter Vergleich der Ergebnisse möglich und können Tendenzaussagen zu den in die Prognosen einbezogenen Themenbereiche, Präzisionsgrad und Zeithorizont liefern.

Die Gesamtanalyse von Schildbach/Beermann/Feldhoff untersucht die Gestaltung der Lageberichte von GmbHs des Geschäftsjahres 1987 mit dem Ziel, herauszustellen, ob die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden und die in der Literatur formulierten Vorstellungen zur Gestaltung eines Lageberichts umgesetzt werden. Daneben wird in die Studie miteinbezogen, inwieweit branchen- und größenspezifische Eigenheiten in den Lageberichten festzustellen sind. Die Messung der Qualität erfolgte durch Rückgriff auf das Bewertungsschema von Tichy. Die Autoren untersuchten die sechs Berichtsteile (Bericht über die Gesamtwirtschaft und Branche, Wirtschaftsbericht,

Sozialbericht, Forschungs- und Entwicklungsbericht, Nachtragsbericht und Prognosebericht) sowie den Aufbau des Lageberichts und erweiterten die Untersuchung um einen Vergleich der Jahre 1987/1988. Im Ergebnis zeigte die Studie, dass viele GmbHs nicht der gesetzlich vorgeschriebenen Publizität nachkommen. Hinsichtlich der Aussagekraft der veröffentlichten Lageberichte konstatieren die Autoren, dass von diesem Berichtsinstrument nicht zu viel erwartet werden sollte.

Der Schwerpunkt der Berichterstattung lag bei den untersuchten Lageberichten im Wirtschaftsbericht. Allerdings ist hierbei hervorzuheben, dass allein 53 % aller Angaben im Wirtschaftbericht auf Informationen zur Umsatzentwicklung im Lagebericht entfallen. Vor dem Hintergrund, dass im Jahresabschluss Umsatzhöhe des Geschäftsjahres und Vorjahres enthalten sind, kommt diesen Angaben jedoch nur dann ein zusätzlicher Informationswert zu, wenn eine Aufschlüsselung der Umsatzzahlen erfolgt. Schildbach/Beermann/Feldhoff stellen allerdings fest, dass dies „so gut wie nie der Fall“ war. Da die Wirt-

schaftsberichte der untersuchten Unternehmen von Informationen geprägt sind, die meistens in gleicher oder ähnlicher Form im Jahresabschluss angegeben werden, bezweifeln die Autoren, ob der Lagebericht „so wie ihn die Praxis bei den GmbH offensichtlich handhabt, wirklich Wesentliches zur Abrundung des Jahresabschlusses beitragen kann.“ Neben der Branche stellten die Autoren die Größe des Unternehmens als wichtigen Einflussfaktor für Art und Qualität der Informationen heraus: So sei die Berichterstattung bei den großen Unternehmen eindeutig besser als bei den mittelgroßen Unternehmen.

Krumbholz entwickelt in seiner Arbeit auf Basis der Bewertungsmethode der Nutzwertanalyse ein Punktebewertungssystem zur Beurteilung der Lageberichtsqualität. Bei der Konzeption der Messmethode wurden die Ergebnisse einer Befragung von Wirtschaftsprüfern und Wertpapieranalysten zugrundegelegt, um daraus Gewichtungsfaktoren zu generieren bzw. um letztlich auf Basis der Ergebnisse eine Bewertungsskala für die Qualitätsbeurteilung zu entwickeln. Mit der entwickelten Messmethode wurde die Qualität von 120 publizierten Lageberichten aus den Geschäftsberichten der Jahre 1991 bzw. 1990/01 untersucht. Diese Geschäftsberichte wurden aus einer Grundgesamtheit von 256 Geschäftsberichten, die von den Unternehmen zum Wettbewerb „Der beste Geschäftsbericht“ eingereicht wurde, zufällig ausgewählt.

Die Befragungsergebnisse zeigen, dass sich die genannten fünf Teilbereiche des Lageberichts hinsichtlich ihrer relativen Bedeutung unterscheiden: Mit einer relativen Bedeutung von 30% wird der Wirtschaftsbericht gefolgt vom Prognosebericht mit 23 % als überdurchschnittlich bedeutend beurteilt, während der Nachtragsbericht (18%) als etwa durchschnittlich bedeutend und der Zusatzbericht (16%) sowie der Forschungs- und Entwicklungsbericht (13%) als unterdurchschnittlich bedeutend beurteilt werden.

Hinsichtlich der Qualitätsbeurteilung kommt Krumbholz vor dem Hintergrund des Gesamtergebnisses mit einem Qualitätsmittelwert von 26,35 % zu dem Schluss, dass sich ein großes Potenzial für die Unternehmen zur Verbesserung der Lageberichtsqualität ergibt.

Innerhalb des Wirtschaftsberichts wurden Angaben über Absatz/Auftragslage und der Ergebnisbereich von den Befragten am höchsten eingestuft, gefolgt von Angaben zu Branchensituation, Investitionen, Finanzierung und Umsatz. Die Befunde zur Qualität ergeben laut Krumbholz, dass viele Unternehmen über grundsätzlich berichtspflichtige Sachverhalte keine oder nicht zu klassifizieren de Angaben machen, genau und ausführlich berichten viele Unternehmen hingegen nur über wenige Sachverhalte. So überwiegt bei den in der Bedeutung als hoch eingestuften Angaben zu Absatz/Auftragslage, Finanzierung und Branchensituation die niedrigste Qualitätsstufe. Ausnahme stellen Angaben zu Investitionen, Umsatz und Ergebnisbereich dar, zu denen genaue Punkt-Angaben und ausführlichere Punkt-Angaben mit ergänzenden Erläute-

rungen oder Segmentierungen (höchste- und zweithöchste Qualitätsstufe) gemacht werden. Über Sachverhalte, die von den Fachleuten nicht als hoch bedeutend eingestuft wurden, wird z.T. gar nicht oder nur in Form von ungenaueren (verbalen) qualitativen und komparativen Angaben und Erläuterungen berichtet. Im Ergebnis beträgt der errechnete Qualitätsmittelwert der Wirtschaftsberichte 49,98 %.

Die Berichterstattung in den Nachtragsberichten erfolgt überwiegend in (verbaler) qualitativer Form und erreicht lediglich einen Qualitätsmittelwert von 16,73 %. Somit stellt Krumbholz infrage, ob alle untersuchten Nachtragsberichte „ihrer Aufgabe gerecht werden, das vom Jahresabschluß und vom Lagebericht gezeichnete Bild von der Lage des Unternehmens zu aktualisieren und gegebenenfalls zu korrigieren“. Der berechnete Qualitätsmittelwert des Prognoseberichts stellt mit 12,58 % den niedrigsten Wert der fünf Teilberichte dar. Krumbholz kommt zu dem Ergebnis, dass die untersuchten Prognoseberichte „vermutlich kaum dazu geeignet sein (dürften, Anm.), die Lageberichtsadressaten bei ihren Dispositionen in bezug auf die lageberichterstattenden Unternehmen“ zu unterstützen. So wird nach Krumbholz überwiegend verbal, in Form von qualitativen und komparativen Prognosen berichtet. Ferner finden sich Prognosen über Sachverhalte, die von den befragten Wirtschaftsprüfern und Wertpapieranalysten durchschnittlich als hoch bewertet wurden, nur selten. Weiterhin merkt Krumbholz negativ an, dass eine Beurteilung der Prognosesicherheit in vielen Fällen aufgrund fehlender Angabe von Prognosehorizont und den zugrundeliegenden Prämissen nicht möglich ist. In Forschungs- und Entwicklungsberichten wird nach Krumbholz überwiegend verbal, in Form von allgemeinen globalen Aussagen berichtet. Ziele und Schwerpunkt der Forschung und Entwicklung sind häufig Teil der Berichterstattung, während Einsatzfaktoren und die Ergebnisse der Forschung und Entwicklung nur selten berichtet werden. Bei den Unternehmen, die keine Angaben zu Forschung und Entwicklung gemacht haben, liegt keine entsprechende Negativanzeige im Lagebericht vor. Mit einem Qualitätsmittelwert von 16,59 % lassen die Ergebnisse den Schluss zu, dass die Lageberichtsadressaten somit kaum in der Lage sein dürften, zu beurteilen, inwieweit durch Forschung und Entwicklung für die Zukunft vorgesorgt werde. Die Qualität der Zusatzberichte (Qualitätsmittelwert: 20,60 %) zeichnet sich laut Krumbholz dadurch aus, dass zwar viele von den für die Untersuchung zugrundeliegenden Bilanzanalysehilfen freiwillig veröffentlicht, aber nur selten deren Berechnungsmethoden offengelegt werden, sodass hierbei ergänzende Erläuterungen nötig sind.

Ferner stellt Krumbholz fest, dass zwischen den Qualitätsmittelwerten von kleinen und großen Unternehmen sowie mittleren und großen Unternehmen signifikante Unterschiede vorliegen. Ein signifikanter Unterschied zwischen den Qualitätsmittelwerten liegt ebenso zwischen denen der GmbH und der AG/KGaG vor. Die größten Unterschiede zwischen den Qualitätsmerkmalen stellt Krumbholz zwischen den Nicht-Publikumsgesellschaften und den Publikumsgesellschaften fest.

Die Gesamtanalyse von Baetge/Armeloh/Schulze hat die Qualität der Geschäftsberichterstattung in den Geschäftsberichten der 500 größten börsennotierten deutschen Kapitalgesellschaften für die Geschäftsjahre 1995 (bzw. 1994/95) zum Ziel. Hierbei erfolgt eine Darstellung und Analyse der Ergebnisse des Wettbewerbs „Der beste Geschäftsbericht“ des manager managzins (Wettbewerb 1996) sowie eine Gegenüberstellung der Ergebnisse mit denen des Vorjahres.

Der Wirtschaftsbericht weist mit 52,31 % der möglichen Punkte eine knapp ausreichende Qualität auf und hat sich im Vergleich zum Vorjahr (48,98) % leicht verbessert. Jedoch lässt die relativ breite Streuung der Ergebnisse den Schluss zu, dass sich noch keine einheitliche Berichterstattungspraxis herausgebildet hat. Während die Angaben zu den Bewertungskriterien Investition, Produktion/Produkte, Umsatz und Personal-/Sozialberich überdurchschnittlich

hohe Werte aufweisen, ist die Berichterstattung zu den Kriterien Finanzierung und Beschaffung den Autoren zufolge unzureichend. Die Zahl der bewerteten Nachtragsberichte ist im Vergleich zum Vorjahr (150) auf 170 angestiegen, mit einer Qualität (50,21 %) leicht unter Vorjahresniveau (52,28 %), wobei die Autoren eine sehr uneinheitliche Berichterstattung (Standardabweichung: 20,95 %) feststellen.

Die Autoren stellen die größten Defizite innerhalb des Prognoseberichts fest: Vielen schlechten Prognoseberichten stehen nur sehr wenige gute gegenüber. Die Streuung der Qualitätswerte ist gering, d.h. eine einheitliche Berichterstattung ist zwar festzustellen, allerdings auf einem unzureichenden Niveau. Die Berichterstattung ist überwiegend von globalen Aussagen geprägt, mit einem relativ kurzen Prognosehorizont; ferner erfolgen die Angaben grundsätzlich in qualitativer Form.

Die Qualität der untersuchten Forschungs- und Entwicklungsberichte

liegt mit 34,42 % knapp über dem Vorjahresdurchschnitt. Von 254 bewerteten F&E-Berichten erzielten nur 59 Unternehmen mehr als 50 % der Maximalpunktzahl. Ferner ist eine starke Streuung der Qualitätswerte festzustellen. Den Autoren zufolge liegen die F&E-Berichte kleiner Unternehmen regelmäßig am unteren Ende der Qualitätsskala, während gute Qualitätswerte in dieser Studie grundsätzlich nur von Großunternehmen erzielt wurden. 78 der 417 in die Untersuchung einbezogenen Industrie- und Handelsunternehmen berichten über Zweigniederlassungen, wobei die Autoren angesichts der Größe der untersuchten Unternehmen davon ausgehen, dass tatsächlich mehr Unternehmen über berichtspflichtige Zweigniederlassungen verfügen. Den Grund sehen die Autoren in der im Schrifttum uneinheitlichen Bestimmung der eine Zweigniederlassung kennzeichnenden und damit die Berichtspflicht auslösenden Merkmale, die zudem überwiegend nicht messbare Kriterien darstellen, wodurch faktisch ein Wahlrecht zur Berichterstattung ausgelöst wird. Die durchschnittliche Berichterstattungsqualität des Zusatzberichts liegt bei 31,66 % (Vorjahr: 36,8 %). Aufgrund der breiten Streuung der Qualitätswerte lässt sich keine einheitliche Berichterstattung feststellen, vielmehr beobachten die Autoren ein Publizitätsverhalten tendenziell parallel zur Unternehmensgröße.1371

Im Ergebnis stellen Baetge/Armeloh/Schulze fest, dass die analysierten Geschäftsberichterstattung keine ausreichende Basis für fundierte Investitionsentscheidungen bietet und dem zunehmend geäußerten Anspruch der Shareholder-Value-Orientierung überwiegend nicht entspricht. Die Autoren schlagen vielmehr vor, dass die Unternehmen ihren Geschäftsbericht verstärkt als Visitenkarte oder als „Bewerbungsunterlage“ für den Wettbewerb um knappes Kapital und nicht als lästige Pflicht ansehen sollten.

In einer weiteren Partialanalyse als dem Jahr 1994 fokussiert Sorg die Fragen, ob und inwieweit Zukunftserwartungen in den Geschäftsberichten offengelegt werden und welche Schlussfolgerungen sich aus diesen empirisch festgestellten Angaben für die zukunftsorientierte Berichterstattung gemäß § 289 Abs. 2 Nr. HGB ziehen lassen. Dazu untersucht Sorg die Geschäftsberichte aller 285 börsennotierten deutschen Industrie-Aktiengesellschaften des verarbeiten-

den Gewerbes hinsichtlich ihrer Zukunftsangaben. Hinsichtlich des Präzisionsgrades stellt Sorg fest, dass 53,4 % aller Zukunftsaussagen allgemeine, nicht zu klassifizierende Aussagen darstellen. 81,5 % aller Zukunftsaussagen weisen einen Prognosezeitraum von unter einem Jahr auf. Weiterhin ist bezüglich der Nachvollziehbarkeit bei 75,4 % der Zukunftsaussagen ein fehlender Erklärungsgrad feststellbar.

Ballwieser untersucht in seiner Studie die Beachtung des Systems der Grundsätze ordnungsmäßiger Lageberichterstattung nach Baetge/Fischer/Paskert in der Praxis. Der Untersuchungsumfang erstreckt sich auf die Geschäftsberichte der dreißig DAX-Gesellschaften des Geschäftsjahres 1995 bzw. 1995/96. Die Geschäftsberichte weisen laut Ballwieser erhebliche Informationsunterschiede und z.T. gravierende Verstöße gegen die GoL auf. Betroffen sind elementare Regeln wie die Eindeutigkeit der Bezeichnung des Lageberichts im Geschäftsbericht sowie die Grundsätze der Klarheit und Verständlichkeit. Ballwieser spricht vor dem Hintergrund des Öffentlichkeitsbezugs der DAXGesellschaften und deren hoher Berichtskultur von einem bestürzenden Befund.

Ferner stellt Ballwieser Verstöße gegen die Grundsätze der Vollständigkeit und Wesentlichkeit fest, obwohl alle Lageberichte einen uneingeschränkten Bestätigungsvermerk erhalten hatten.

Die Lageberichte enthalten daneben triviale und aussagelose Sätze, schwer nachvollziehbare Charakterisierungen sowie Public Relations-Aussagen und weisen eine erschwerte zwischenbetriebliche Vergleichbarkeit auf. Positiv hebt Ballwieser bei einer großen Anzahl von Unternehmen die Aufnahme freiwilliger Rechnungen hervor, wie Kapitalfluss- und Wertschöpfungsrechnungen oder Segmentinformationen. Weitere positive Erfahrungen beziehen sich v.a. auf quantifizierbare Informationen (präzise Angaben zu verschiedenen Sachverhalten sowie Ausblicke für jeden Geschäftsbereich) in einzelnen Lageberichten.

Im Ergebnis kommt Ballwieser zu dem Schluss, „daß weder die Lageberichtersteller noch deren Prüfer dem Lagebericht den Stellenwert einräumen, den er zumindest bei unverfänglicher Lektüre des Gesetzestextes und dessen Auslegung dem Sinnzusammenhang nach haben müßte.“

Mit einer detaillierten Untersuchung von vier Fallstudien (VEBA, Rosenthal, Schering und BMW für das Geschäftsjahr 1994) ergänzt die Arbeit von Drobeck die bisher durchgeführten repräsentativen Untersuchungen zur Prognosepublizität mit dem Ziel, zusätzliche Anregungen für einen Gestaltungsvorschlag für die Prognosepublizität im Lagebericht zu liefern. So wird mit dieser Vorgehensweise „gewissermaßen Gründlichkeit und Genauigkeit gegen Repräsentativität eingetauscht“, wobei der Vorteil dieses Vorgehens darin liegt, dass unvermeidbare Mängel der repräsentativen Untersuchungen durch die Kombination mit der Fallstudie als komplexe Erhebungsmethodik ausgeglichen werden können.

Drobeck bescheinigt dem Lagebericht von VEBA „eine bemerkenswerte Auskunftsbereitschaft im Hinblick auf die voraussichtliche Entwicklung“, wobei er allerdings die „unreflektierte Verwendung zahlreicher ökonomischer Fachtermini“ als verwirrend wertet. Schering prognostiziert die Entwicklung einiger Posten der Konzernerfolgsrechnung für das Folgejahr, wobei die Prognose allerdings an einer falschen Prämissensetzung scheitert. Ferner beschreibt Schering seine Strategischen Geschäftseinheiten und „berichtet mit beeindruckender Offenheit und Klarheit über die Einzelheiten der Unternehmensstrategie für die folgenden 10-15 Jahre.“ Bei BMW stellt Drobeck die Schwerpunktsetzung der zukunftsorientierten Berichterstattung auf die externen Erfolgspotentiale fest, die damit die Abhängigkeit des Unternehmenserfolgs von konjunkturellen Entwicklungen widerspiegeln. Bei Rosenthal sieht Drobeck ebenfalls eine Abhängigkeit von externen Erfolgspotentialen, allerdings ist zu bemängeln, dass das Unternehmen vollständig auf eine Ergebnisprognose verzichtet.

Untersuchungsgegenstand der Studie von Pechtl ist die Prognosekraft des Prognoseberichts, d.h. ob sich die Ankündigungen im Prognosebericht zur Unternehmensentwicklung in entsprechenden späteren Veränderungen des Aktionärsvermögens (Aktienrendite) wiederfinden lassen. Hierzu untersucht Pechtl 202 Prognoseberichte von börsennotierten Aktiengesellschaften der Geschäftsjahre 1993/94, 1994, 1994/95 und stellt sie der in den darauffolgenden Geschäftsjahren erzielten Aktienrendite gegenüber. Hinsichtlich der inhaltlichen Analyse der Prognoseberichte stellt Pechtl im ersten Schritt eine Systematik von Berichtsinhalten auf und überträgt im zweiten Schritt die Angaben

des Prognoseberichts in ein Bewertungsschema bezüglich des Aussagegehalts. Schließlich erfolgt die Ermittlung der absoluten Prognosekraft des Prognoseberichts mittels linearer Regressionsanalyse sowie der relativen Prognosekraft, bei der der Umstand berücksichtigt wird, dass die gesamtwirtschaftliche Entwicklung für die analysierten Branchen unterschiedlich verlaufen sein kann. Ferner nimmt Pechtl eine Typologisierung der Prognoseberichte vor, d.h. mittels Clusteranalyse soll untersucht werden, ob sich Gruppen inhaltlich ähnlicher Progonseberichte identifizieren lassen, die zugleich Indikatorkraft für die Aktienrendite besitzen.

Im Ergebnis bescheinigt Pechtl dem Prognosebericht eher oberflächlichen Informationscharakter. So bleibt nach Pechtl der Informationswert der Prognosen trotz einer Reihe von Gegenstandsbereichen, über die die Unternehmensleitung berichtet, gering. Obwohl er im Prognosebericht viele „Luftpositionen“ feststellt, die keine verlässlichen Signale für eine positive Aktienrendite darstellen, kommt Pechtl dennoch zu dem Schluss, dass der Prognosebericht als Ergänzung des Informationspools über ein Unternehmen dienen kann und den Adressaten im Sinne eines Frühwarnsystems zumindest einige schwache Signale hinsichtlich der Entwicklung des Aktionärsvermögens vermitteln kann. Dies allerdings mit der Einschränkung, dass es erforderlich ist, zwischen den Zeilen zu lesen, wenn zu einem bestimmten Sachverhalt im Prognosebericht geschwiegen wird: Dies kann als Signalfunktion für eine negative Aktienrendite gesehen werden. Dennoch spricht Pechtl dem Prognosebericht eine gewisse Indikatorkraft für die

Aktienrendite zu.

 
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