Untersuchung der Qualität der Berichterstattung über die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage

Untersuchungsziel und Abgrenzung von bisherigen Lageberichtsstudien

Die bisherigen empirischen Befunde zur Lageberichtsqualität zeigen zwar tendenziell, vor allem in Bezug auf vergangenheitsorientierte Informationen, insgesamt eine Verbesserung der Berichtsqualität im Zeitablauf nach Inkrafttreten der letzten tiefgreifenden Reform der Lageberichtsvorschriften durch das BilReG sowie der Veröffentlichung des DRS 15. Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse allerdings auch, dass nach wie vor z.T. erhebliche Defizite in der Berichterstattung bestehen. Zum einen betrifft dies vor allem die überwiegend unpräzisen Angaben in den zukunftsorientierten Berichtsteilen, andererseits weisen allerdings auch die vergangenheitsorientierten Angaben teilweise deutliche Mängel auf.

Der Fokus der in den vorangegangen Ausführungen dargestellten Studien lag dabei, insbesondere seit Einführung des KonTraG, deutlich auf der zukunftsorientierten Berichterstattung in Form des Prognose-, Chancen- und Risikoberichts. Dies verdeutlicht die Vielzahl von Partialanalysen, die sich im Zeitablauf mit der Berichterstattung der Zukunftsangaben vor dem Hintergrund der Änderungen des regulatorischen Umfelds und den damit verbundenen gestiegenen Anforderungen befassen.

Aufgrund der auslegungsbedürftigen gesetzlichen Lageberichtsvorschriften haben deren Änderungen, insbesondere im Rahmen des KonTraG und BilReG, jeweils Diskussionen in Literatur und Konkretisierungsbestrebungen seitens des DSR nach sich gezogen und als Konsequenz das Interesse an der Beurteilung der jeweiligen Umsetzung der Neuregelungen in der Berichtspraxis, vor allem in Bezug auf die zukunftsorientierten Berichtsteile, begründet. Dieses Interesse scheint insofern angemessen, als die Mehrheit der Studien belegte, dass die Berichtspraxis in Bezug auf die zukunftsorientierten Angaben regelmäßig in erheblichem Umfang (und deutlicher als dies bei der vergangenheitsorientierten Berichterstattung der Fall war) hinter den im Zeitablauf gestiegenen Anforderungen zurückblieb und diese Berichtsteile somit in den Mittelpunkt der Lageberichtsstudien rückten. Ferner lässt sich das Interesse an der zukunftsorientierten Berichterstattung mit der besonderen Funktion des Lageberichts als Instrument der Informationsvermittlung begründen, das über die vergangenheitsbezogene Darstellung hinaus im Gegensatz zum Jahresabschluss auch Zukunftsangaben beinhaltet, deren Bedeutung in der Literatur schon vor der gesetzlichen Verpflichtung dieser Angaben diskutiert wurde.

Die Publizitätsqualität des Wirtschaftsberichts wird in den Lageberichtsstudien hingegen regelmäßig lediglich im Rahmen von Gesamtanalysen berücksichtigt, deren Anzahl wiederrum deutlich hinter der Anzahl der durchgeführten Partialanalysen, die schwerpunktmäßig die zukunftsorientierte Berichterstattung zum Untersuchungsgegenstand haben, zurückbleibt. Der Wirtschaftsbericht steht somit nicht im alleinigen Fokus des Forschungsinteresses, sondern bildet vielmehr regelmäßig den Teil einer Gesamtbeurteilung der Lageberichtsqualität. Studien, bei denen ausschließlich die Berichterstattungsqualität des Wirtschaftsberichts Gegenstand des Forschungsinteresses bildet, liegen nach derzeitigem Kenntnisstand keine vor.

Ebenso spielt der Wirtschaftsbericht im Vergleich zur Prognose-, Risiko- und Chancenberichterstattung in der Literatur der letzten Jahre stets eine untergeordnete Rolle, da sich im Zeitablauf insbesondere vor dem Hintergrund der Gesetzesinterpretationen und Konkretisierungen als Folge der Änderungen durch das KonTraG und das BilReG überwiegend intensiver Diskussionsbedarf an der zukunftsorientierten Berichterstattung herausgebildet hat.

Dementsprechend sind die vorliegenden Befunde zur Qualität der Berichterstattung im Wirtschaftsbericht als Teil einer Gesamtanalyse vielfach nicht so detailliert wie die häufig sehr ausführlichen Befunde der Partialanalysen zur zukunftsorientierten Berichterstattung. Dennoch variieren die Gesamtanalysen im Detaillierungsgrad ihrer Ergebnisse: Wie bereits dargestellt, liegen zum aktienrechtlichen Geschäftsbericht z.B. umfangreiche Gesamtanalysen von Bauchowitz und Tichy vor, ferner liefert Krumbholz in seiner Studie aus dem Jahr 1994 vergleichsweise umfangreiche Ergebnisse zur Qualität des Wirtschaftsberichts. Daneben zeigen die Studien von Schildbach/Beermann/Feldhoff und Baetge/Armeloh/Schulze lediglich relativ aggregierte Ergebnisse zur Berichtsqualität des Wirtschaftsberichts. Da sich insbesondere durch das BilReG und der darauffolgenden Veröffentlichung des DRS 15 erhebliche Änderungen und gestiegene Anforderungen durch die geforderten Konkretisierungen des DRS 15 ergeben haben, befassen sich aktuellere Studien mit der Umsetzung der Anforderungen und den sich daraus möglicherweise ergebenden Qualitätssteigerun-

gen. Die Studie von Barenhoff liefert umfangreiche Befunde zur Umsetzung

der Anforderungen nach Einführung des BilReG. Ergebnisse, inwiefern die gestiegenen Anforderungen durch das BilReG und zudem den Konkretisierungen des DRS 15 in der Berichterstattung des Wirtschaftsberichts umgesetzt worden sind, liegen mit den Studien von Schmidt/Wulbrand und Dietsche/Fink vor, die jeweils einen auf DRS 15 basierenden Kriterienkatalog zugrundelegen. Die Ergebnisse dieser beiden Studien liegen in relativ aggregierter Form vor, bestätigen aber das Bild, dass dieser Teilbericht Defizite in der Berichterstattung aufweist und Verbesserungspotential besteht.

Trotz der beschriebenen vergleichsweise eher untergeordneten Rolle im Schrifttum wird dem „Wirtschaftsbericht“ (bzw. nach Veröffentlichung des DRS 15 dem Teilbericht „Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage“) hingegen regelmäßig in empirischen Umfragen eine hohe Bedeutung innerhalb des Lageberichts bescheinigt: So ergeben die Befragungen im Rahmen der Studien von Krumbholz, Prigge und Hippel jeweils eine hohe Bedeutung des Wirtschaftsberichts bei den befragten Kapitalmarktexperten. In der Befragung von Krumbholz stellt der Wirtschaftsbericht mit einer relativen Bedeutung von 30 % den wichtigsten Teilbericht innerhalb des Lageberichts dar und wird als überdurchschnittlich bedeu-

tend beurteilt. In der von Prigge durchgeführten Befragung unter Privatanle-

gern und Kapitalmarktexperten wurde der Teilbericht der Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage mit einem Mittelwert der relativen Bedeutung von fast 30 % als der wichtigste Teilbericht des Konzernlageberichts aus der Sicht der Befragten festgestellt. Ebenso wird in der von Hippel durchgeführten aktuellen Befragung der Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage seitens der befragten Kapitalmarktexperten eine hohe bis sehr hohe Bedeutung beigemessen und erhält hinsichtlich der mittleren absoluten Einschätzung im Vergleich zu den anderen Berichtsteilen den höchsten Wert.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der dargestellten Lageberichtsstudien, die auch dem Wirtschaftsbericht bzw. dem Bericht über die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage Defizite in der Berichterstattung bescheinigen, und der eher untergeordneten Rolle dieses Teilberichts in der Literatur sowie in Anbetracht der hohen Bedeutung dieses Berichtsteils aus Sicht der Adressaten befasst sich die vorliegende Arbeit in diesem Kapitel mit der Analyse der Berichtspraxis im Wirtschaftsbericht. Damit soll die bestehende Lücke in der Literatur hinsichtlich ausführlicher und detaillierter Ergebnisse zum Bericht über die Ertrags-, Finanz und Vermögenslage geschlossen werden.

Der überwiegende Teil der Lageberichtsstudien bezieht sich entweder ausschließlich auf die DAX30 Unternehmen oder untersucht die Unternehmen des HDAX. Die Studie von Lenz/Diehm untersucht die Unternehmen des SDAX, während die Studie von Weißenberger/Franzen/Bremer/Pelster die Unternehmen des HDAX und SDAX untersucht. Die Studien, die die Be-

richterstattung der DAX30 Unternehmen mit der Berichterstattung der Unternehmen nachgelagerter Indizes vergleichen, kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass die Qualität der Berichterstattung der DAX30 Unternehmen bessere Werte aufweist als die der Unternehmen nachgelagerter Indizes. Wie bereits dargestellt, kommen beispielsweise Kajüter/Winkler in Bezug auf die Risikoberichterstattung zu dem Schluss, dass die Unternehmensgröße die zentrale Determinante für die formale und inhaltliche Ausgestaltung darstellt und die DAX30 Unternehmen umfassender über Risikolage und Risikomanagementsystem als die kleineren MDAX Unternehmen berichten. Ebenso sehen Fi-

scher/Vielmeier die Zugehörigkeit zum Börsenindex DAX30 oder MDAX als maßgeblichen Einflussfaktor für die relative Qualität der risikoorientierten Unternehmenspublizität. In Bezug auf den gesamten Lagebericht bestätigen dies Dietsche/Fink, indem die Befunde ihrer Studie ergeben, dass die DAX30 Unternehmen mit wenigen Ausnahmen bei allen Teilbereichen die beste Qualität aufweisen, gefolgt von den MDAX und TecDAX Unternehmen. So weisen die TecDAX Unternehmen auch bei der Berichterstattung über die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage teilweise mit deutlichem Abstand die schlechtesten Werte auf.

Die Berichterstattung der zum Teil deutlich hinter der Qualität der DAX30 Unternehmen zurückbleibenden TecDAX Unternehmen gibt Anlass für eine genauere Betrachtung. Hierbei sollen die Schwachpunkte der TecDAX Unternehmen bei der Berichterstattung explizit herausgestellt und ausführlich erläutert werden, aber auch mögliche Stärken in der Berichterstattung aufgezeigt werden.

Ziel dieser Arbeit ist es somit, die Qualität der Berichterstattung des Berichtsteils über die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage der TecDAX Unternehmen zu beurteilen, insbesondere in Bezug auf die Erfüllung der Anforderungen des DRS 15. Hierbei soll gezeigt werden, inwiefern die TecDAX Unternehmen angesichts der hohen Bedeutung, die diesem Teilbericht regelmäßig in Befragungen beigemessen wird, die Konkretisierungen des DRS 15 umsetzen, welche Verbesserungsmöglichkeiten bestehen und welche Schlussfolgerungen aus der Berichtspraxis der TecDAX Unternehmen zu ziehen sind.

 
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