Untersuchungsdesign

Untersuchungsumfang

Der Untersuchungsumfang umfasst die Berichterstattung über die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage in den Lageberichten der Geschäftsjahre 2011 bzw. 2011/2012 der im TecDAX notierten Unternehmen zum Stichtag 31.12.2012. Aus der Stichprobe herausgenommen wurden aufgrund mangelnder Vergleichbarkeit die Lageberichte zweier Unternehmen, die nicht den Vorschriften des deutschen Handelsrechts unterliegen und der Lagebericht einer Beteiligungsgesellschaft. Somit ergibt sich eine Grundgesamtheit von 27 zu untersuchenden Lageberichten.

Da die Lageberichte regelmäßig zusammen mit anderen Angaben in einem Geschäftsbericht veröffentlicht werden und die Lageberichte dem dabei im Bundesanzeiger veröffentlichten Lagebericht entsprechen müssen, werden zur Auswertung die Geschäftsberichte der Unternehmen herangezogen. Allerdings wird hier keine Prüfung der Identität der in den Geschäftsberichten veröffentlichten Lageberichte mit denen im Bundesanzeiger unternommen.

Sollmaßstab und Bewertungsmodell zur Qualitätsbeurteilung

Der Berichterstattung über die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage kann aufgrund deren Bezugs zu den Jahresabschlussangaben nur dann ein zusätzlicher Informationswert zukommen, wenn die Angaben über die reine Darstellung der Jahresabschlussdaten hinausgehen. Da der DRS 15 unter dem Aspekt konzipiert wurde, eine Berichterstattung zu gewährleisten mit dem Ziel, den Adressaten des Konzernlageberichts entscheidungsrelevante und verlässliche Informationen zur Verfügung zu stellen, die es ihnen ermöglichen, sich ein zutreffendes Bild von Geschäftsverlauf und Lage des Konzerns zu machen, wird der Standard im Rahmen dieser Arbeit als geeignet angesehen, die Grundlage,

d.h. das Kategoriensystem, der empirischen Studie zu bilden. Von zusätzlichen, über die Regelungen des DRS 15 hinausgehenden Ergänzungen, die zwar aus Sicht des Kapitalmarkts möglicherweise wünschenswert wären oder zu einer verbesserten Qualität der Berichterstattung beitragen würden, wird aus Gründen der Objektivität abgesehen. Die Empfehlungen des DRS 15 werden hingegen in die Untersuchung einbezogen. Der Empfehlungsteil enthält, wie in der Untersuchung von Prigge belegt, viele Berichtsinhalte, die besonders von kapitalmarktorientierten Unternehmen erwartet werden, aber aus Sicht vieler mittelständischen Unternehmen nicht gefordert werden. Die Empfehlungen stellen deshalb keine Pflichtbestandteile dar, um den Unternehmen eine Berücksichtigung der konzernspezifischen Sachverhalte sowie Größe und Komplexität des Konzerns bei der Lageberichterstattung ermöglichen zu können. Da es sich bei den in die Untersuchung einbezogenen Unternehmen um die 30 größten und liquidesten Werte aus den Technologien-Sektoren des PrimeSegments unterhalb des DAX handelt, kann davon ausgegangen werden, dass zumindest Größe und Komplexität als ausreichend betrachtet werden können, um den Empfehlungen des DRS 15 grundsätzlich nachzukommen. Da von den Empfehlungen des DRS 15 im Rahmen dieser Arbeit angenommen wird, dass sie grundsätzlich geeignet sind, zu einer Qualitätsverbesserung beitragen zu können und im Rahmen dieser Arbeit keine Messung der Compliance, sondern vielmehr eine Messung der Qualität erfolgt, werden die Empfehlungen im Rahmen dieser Studie somit ebenfalls berücksichtigt.

Für die Qualitätsbeurteilung der Berichterstattung im Wirtschaftsbericht werden die vorgefundenen Berichtsinhalte mit dem Soll-Maßstab, d.h. dem aus DRS 15 konzipierten Kriterienkatalog, abgeglichen. Die Auswertung erfolgt anhand eines Scoring-Modells zur Beurteilung der Berichtsqualität, mit dem über eine Index-Bildung eine Aussage zur Berichtsqualität gemacht werden soll.

In Anlehnung an die Untersuchung von Dietsche/Fink wird dabei das Qualitätsniveau der Berichterstattung am (gewichteten) Erfüllungsgrad gemessen, mit dem die Unternehmen den definierten (Qualitäts-)Kriterien nachkommen.1800

Ein Scoring-Modell ermöglicht die Datenreduktion und lässt bei entsprechendem Skalenniveau die multivariate Datenanalyse zu. Es wird angestrebt, das Publizitätsverhalten möglichst zu einem Wert („Publizitätsindex“) zu verdichten und durch Berechnung eines unternehmensindividuellen Publizitätsindex Aussagen zu treffen, in welchem Ausmaß die entsprechenden Anforderungen von den Unternehmen erfüllt werden. Veröffentlichten Einzelinformationen werden dabei Werte zugewiesen, „deren Aggregation die geforderte Güteaussage in einer reellen Zahl ermöglicht.“ Bötzel fasst die einzelnen Schritte zur Ableitung eines Scoring-Modells („Reines Scoring-Modell“) und eines Scoring-Modells zur Messung der Publizitätsgüte wie nachfolgend zusammen:

Schrittnummer

„Reines Scoring-Modell“

Scoring-Modell zur Publizitätsgüte

1.

Auswahl von Merkmalen bzw. Alternativen, die zu bewerten sind

Auswahl einzelner Informationselemente (Items)

2.

Zusammenfassung zu Merkmalsgruppen

Zusammenfassung zu inhaltsähnlichen Aussagekomplexen (Objektbereiche)

3.

Bewertung der Merkmale durch Zuweisung einer reellen Zahl zu einem realen Sachverhalt

Erfassung, ob ein Informationsitem gemäß rechtlicher Anforderungen veröffentlicht wird.

4.

Gewichtung von Einzelmerkmalen oder Gruppen

Entsprechend ihrer Bedeutung wird die Veröffentlichung bestimmter Items oder bestimmter Aussagekomplexe höher gewichtet als die Veröffentlichung anderer Items oder Aussagekomplexe

5.

Errechnung des Gesamtwertes eines Merkmals oder einer Alternative durch Summation aller gewichteten Bewertungen

(1 = g1 * w1 + …+ gn * wn

mit 1 Gesamtwert, g Gewichte, w Einzelbewertungen und n Alternativenzahl)

Berechnung des Publizitätsindex' gemäß der Rechenvorschrift des ‚reinen ScoringModells'

6.

Aufstellen einer Rangreihe

Ggfs. Rangreihe oder Weiterverarbeitung der Befunde

Tabelle 3: Ableitungsschritte eines Scoring-Modells zur Beurteilung der Publizitätsgüte

Quelle: In Anlehnung an Bötzel (1993), S. 206.

Die „Soll-Informationen“ sind in Form eines Kataloges aufzustellen, um eine Beurteilung hinsichtlich der Erfüllung der entsprechenden Anforderungen vor

nehmen zu können. Die von Bötzel beschriebene Auswahl von Items und Zusammenfassung derselben ergibt sich im Rahmen dieser Arbeit aus den Anforderungen und Empfehlungen des DRS 15; die Einzelheiten zur Konzeption des Katalogs wird im nachfolgenden Kapitel IV.2.6. ausführlich geschildert.

Im Anschluss ist eine Bewertung dahingehend vorzunehmen, ob die Publizität als den Erfordernissen angemessen angesehen werden kann. In Bezug auf ein Unternehmen, das zu einem Sachverhalt keine Angaben zu machen braucht, weil eben dieser Sachverhalt in dem Unternehmen nicht auftritt, sieht Bötzel vor, dass die Nichtangabe dem betreffenden Unternehmen nicht negativ angelastet werden darf. „Bei Berechnung des Index' muß die Punktezahl von der maximal erreichbaren abgezogen werden, die sich ergäbe, wenn (…) die erforderliche Angabe gemacht worden wäre.“ In vorliegender Arbeit wird dieser Ansatz für die Bewertung der Einzelkriterien verfolgt und die Punktzahl in diesen Fällen entsprechend korrigiert. Damit werden diejenigen Unternehmen, bei denen eine Berichterstattung nicht erforderlich ist und diese entsprechend unterlassen wird, nicht schlechter gestellt als solche Unternehmen, die zwar berichten, aber diese Berichterstattung auch tatsächlich erforderlich ist.

Da nicht davon auszugehen ist, dass alle Aussagekomplexe bezüglich ihrer Aussagekraft und dem damit verbundenen Informationsbedarf gleichbedeutend sind, sondern vielmehr einzelne Aussagekomplexe inhaltlich bedeutsamer als andere sind, ist eine Gewichtung vorzunehmen. Das Gewichtungssystem der vorliegenden Arbeit wird in Kapitel IV.2.7 näher beschrieben.

 
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