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3.1.2 Die Bundeswehr im ländlichen Raum

Die Ansiedlung neuer Bundeswehrstützpunkte sollte ab den 1950er-Jahren anhand militärischer Eignungspotenziale bestimmt werden. Dafür eigneten sich aufgrund des hohen Flächenbedarfs und strategischer Geheimhaltungsaspekte vor allem Standorte mit einer geringen Bevölkerungsdichte, einer hohen Waldbedeckung und insgesamt agrarischer Prägung (Klüver 1987: 2f., 90). Da die Agglomerationen zudem im Falle eines Angriffs durch die Sowjetunion geschützt werden sollten, kamen insbesondere Standorte im ländlichen Raum in Frage. Eine Konzentration von Stützpunkten gab es im Bereich des ehemaligen Zonenrandgebietes aufgrund der oben genannten NATO-Strategien sowie in Norddeutschland zur Verteidigung der See (BMVg 1970: 127). Regionale Schwerpunkte der militärischen Präsenz fanden sich vor allem in Niedersachsen, Nordbayern sowie in Teilen SchleswigHolsteins, Baden-Württembergs und Hessens (Biehler et al. 1990: 454).

Die Bundeswehrstationierung war ab den 1950er-Jahren aber auch eine Raumordnungs- und Strukturförderungsmaßnahme für ländliche Räume. So führte Kohler (1980: 8) an, dass durch die Ansiedlung von Bundeswehrkasernen eine Neuordnung des ländlichen Raumes erreicht werden könne. Bundeswehrgarnisonen [1] sollten also möglichst in

„(…) kleineren Zentralen Orten errichtet werden und können als ein Instrument der Landesplanung (…) zur Unterstützung und Verbesserung der örtlichen Wirtschaftsstruktur beitragen und die Wirtschaft beleben. Sie sind einem Abbau von Disparitäten in der Bundesrepublik Deutschland förderlich.“ (Kohler 1980: 11).

Bereits 1964 wies der damalige Verteidigungsminister von Hassel darauf hin, dass die strukturschwachen Gebiete der Bundesrepublik durch dort neu zu errichtende Bundeswehrstützpunkte eine wirtschaftliche Stärkung erfahren könnten (Klüver 1987: 17, Schmidt 2001). 1963 wurde dieses Ziel im ersten Raumordnungsbericht der Bundesregierung festgelegt (Schmidt 2001: 425). Kohler (1980: 7) merkte dazu an, dass die NATO-Strategie der „flexiblen Reaktion“ es ermögliche, Garnisonen aufgrund der geforderten Beweglichkeit und Schnelligkeit der Truppen auch in entlegeneren Gebieten anzusiedeln.

Militärische Anlagen waren also im Wesentlichen auf Klein- und Mittelstädte mit einer mittleren Wirtschafts- und Finanzkraft konzentriert (BMVg 1970: 127). Kohler (1980: 7) führte hierzu an, dass in Baden-Württemberg 61 Prozent der Garnisonen außerhalb von Verdichtungsräumen und davon wiederum 80 Prozent in strukturschwachen Gebieten lagen. Dieser Wert stieg sogar auf 90 Prozent bei einer Betrachtung der ab 1955 gegründeten Standorte an.

Für die Auswahl von Standorten spielte vor allem die Siedlungsstruktur eine wichtige Rolle: So konnte in den schwächer besiedelten und überwiegend landwirtschaftlich genutzten Räumen das schwierige Problem der Landbeschaffung für militärische Zwecke annähernd gelöst werden (Jurczek 1977: 3), während dies in städtischen Gebieten aufgrund der dichten Besiedlung eher nicht der Fall war (Kohler 1980: 7). Auch bemühten sich zahlreiche kleinere Kommunen aufgrund ihrer wirtschaftlich schlechten Situation aktiv um die Ansiedlung von Bundeswehreinrichtungen. Die Standortgemeinden zeichneten sich vielfach durch geringes Wachstum, Marktferne, wenige qualifizierte Arbeitsmöglichkeiten, Abwanderungstendenzen und Bevölkerungsrückgang aus (Grave 1995a: 53, Schmidt 2001: 439). Daraus folgte dementsprechend auch eine unterdurchschnittliche Ausstattung mit Einrichtungen wirtschaftlicher und sozialer Infrastruktur (Klüver 1987: 2f.). Den Kommunen sollte also die Kaufkraft der Soldaten sowie deren Angehörigen zu Gute kommen und die Nachfrage damit indirekt Arbeitsplätze sichern, der Einzelhandel gestärkt und Steuereinnahmen generiert werden. Weiterhin wuchs auch die Bevölkerung durch den Zuzug von Familienangehörigen an und das Baugewerbe sowie der Wohnungsmarkt wurden gestärkt. Geschätzt wurde dabei vor allem die konjunkturneutrale Nachfrage, die unabhängig von der wirtschaftlichen Lage stets konstant blieb (Kohler 1980: 7f.). Meist entspannte sich durch die Truppenstationierung auch der regionale Arbeitsmarkt, da die Militäreinheiten zivile Beschäftigte benötigten – meist mit geringer Qualifizierung (Biehler et al. 1990: 466). Auch das offizielle Weißbuch der Bundeswehr von 1985 betont die Funktion der Streitkräfte als wichtigen Arbeitgeber in strukturschwachen Gebieten wie dem Zonenrandgebiet und die Wichtigkeit der Soldaten und zivilen Mitarbeiter für den Einzelhandel in den Garnisonsgemeinden (BMVg 1985: 160).

Weiterhin wurden Teile der Truppenverpflegung durch den örtlichen Großhandel vorgenommen sowie zahlreiche Aufträge zum Unterhalt der Liegenschaften an lokale Unternehmen vergeben (Jurczek 1977: 4f.). Zudem erhielten die Gemeinden Zuschüsse durch die Bundesfinanzhilfe für den Bau von Straßen, Schulen, Kirchen oder anderen öffentlichen Einrichtungen (ebd.: 15, Brucker 1980: 3). Die Zuweisungen richteten sich dabei nach einem festgelegten Schlüssel anhand der Personalstärke der jeweiligen Garnison (Klüver 1987: 175). Somit wurde die wirtschaftliche Bedeutung der Bundeswehr durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Diese Effekte sollten damit die mit dem Betrieb der Streitkräfte einhergehenden Belastungen durch Lärm oder Verkehr zumindest erträglicher machen.

Eine Monostruktur der Gemeinden durch die Größenordnung der Bundeswehrflächen im Verhältnis zur Einwohnerzahl wurde bewusst in Kauf genommen (ebd.: 11), die Streitkräfte als „Notstandsindustrie“ oder „Rettungsanker“ für strukturschwache Räume angesehen (Kohler 1980: 7). Regionen mit einer hohen Bundeswehrkonzentration waren damit auch abhängig vom Militär, da dort andere Industrien aufgrund militärbedingter Belastungen und aus militärstrategischen Gründen nicht angesiedelt wurden (Sperling & Fischer 1992: 67).

Die Beschaffung von Grundstücken für Verteidigungszwecke wird durch eine Reihe von Gesetzen geregelt. Vor allem das Landbeschaffungsgesetz von 1957 sorgt für eine leichte Flächenbeschaffung durch die Bundeswehr, sodass Grundeigentümer sogar enteignet werden dürfen. Es enthält auch eine so genannte Raumordnungsklausel, nach der die Auswahl und Festlegung von entsprechenden Flächen „unter angemessener Berücksichtigung der Erfordernisse der Raumordnung, insbesondere der landwirtschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen sowie der Belange des Städtebaus und Naturschutzes zu dem Vorhaben“ zu erfolgen haben (Biehler et al. 1990: 474f.). Kohler (1980: 5) führte an, dass die „Raumwirksamkeit des Staates im Bereich der Landesverteidigung (…) entsprechend dem Bundesraumordnungsgesetz (…) raumordnerischen Gesichtspunkten und Vorstellungen entsprechen“ solle. Auch im Raumordnungsgesetz ist geregelt, dass bei allen Planungen von Bund und Ländern die Erfordernisse der Verteidigung zu beachten seien, wodurch das Militär verglichen mit anderen fachplanerischen Belangen eine starke Stellung erhalten hat (Raumordnungsgesetz §2, Abs. 2). Die Raumordnungsprogramme und -gesetze der Länder sprachen sich ab Anfang der 1960er-Jahre in der Regel für die Ansiedlung von Garnisonen im ländlichen Raum mit dem Ziel der Strukturverbesserung aus, unter anderem in der Hoffnung auf geringe Abwanderungstendenzen und eine Schaffung von Arbeitsplätzen (Kohler 1980: 6f.). Es wird also klar, dass militärische Anlagen ganz bewusst als raumplanerisches Element in Zusammenhang mit ökonomischen Gesichtspunkten eingesetzt wurden (Lobeck et al. 1993: 4) und dies auch gesetzlich verankert wurde.

Trotz der erheblichen Beeinflussung ländlicher Räume durch die Bundeswehr sind wissenschaftliche Arbeiten zu den Wechselwirkungen zwischen Militär und Gemeinden selten. Eine Ausnahme bilden die Dissertation von Klüver (1987) sowie die Arbeit von Schmidt (2001) für bayerische Garnisonen und ein Sonderheft der „Praxis Geographie“ aus dem Jahre 1980 zum Thema. Erst nach der Wiedervereinigung wurde im Zuge erster Truppenreduzierungen vermehrt auf das Thema eingegangen, allerdings unter dem Gesichtspunkt des Wegfalls von Standorten. Auf die Bedeutung von Konversion soll in Kapitel 4.3 genauer eingegangen werden.

  • [1] Als Garnison werden im Allgemeinen Standorte einer militärischen Truppe bezeichnet. In dieser Arbeit wird der Begriff synonym mit der Bezeichnung „Standort“ verwendet.
 
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