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5 Forschungsdesign und Methodik

5.1 Auswahl der Fallstudien und Gesprächspartner

Als Fallbeispiele wurden zwei von der Bundeswehrreform 2011 betroffene Gemeinden ausgewählt. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wurde ein Vergleich zweier Standorte durchgeführt, da so verschiedene Sichtweisen, Strategien und Zusammenhänge analysiert werden können. Dabei steht aber weniger die statistische Repräsentativität im Vordergrund, sondern eher die Motive, Meinungen und Hintergründe der Entscheidungen von beteiligten Akteuren. Eine Betrachtung aller betroffenen Standorte ist daher nicht sinnvoll, zudem die Schließungen in einem Zeitraum von mehreren Jahren stattfinden werden und häufig verschiedene Größenordnungen der Garnisonen vorzufinden sind. Aus diesen Gründen liegt es nahe, Gemeinden auszuwählen, bei denen der Abzug der Bundeswehr bereits erfolgt ist und Nachnutzungsideen konkretisiert werden. Weiterhin sollten Standorte in verschiedenen Bundesländern betrachtet werden, da die Strategien der Regierungen für den Konversionsprozess eine wichtige Rolle spielen. Wie Abbildung 2 zeigt, ergibt sich für die Arbeit daraus eine grobe Abgrenzung zwischen betroffenen kleinen Gemeinden im peripheren ländlichen Raum (vor allem in Norddeutschland) und kleinstädtisch geprägten Standortkommunen (eher in Süddeutschland). Daher wurden die Kommunen Lütjenburg in Schleswig-Holstein und Hohentengen/Mengen in BadenWürttemberg als Fallbeispiele der Arbeit ausgewählt. Beide weisen nicht nur eine ähnliche Gemeindegröße auf, auch besaßen die Gemeinden Stützpunkte in vergleichbarer Größenordnung (ca. 850 Soldaten zum Zeitpunkt der Schließung).

5.1.1 Fallbeispiel 1 Lütjenburg

In der ab 1962 erbauten Schill-Kaserne in Lütjenburg befanden sich das Flugabwehrlehrregiment 6 sowie eine Sanitätsstaffel der Bundeswehr. Insgesamt waren dort zuletzt 830 Dienstposten stationiert. In der vorangegangenen Stationierungsentscheidung von 2004 war noch eine Aufstockung des Standortes auf 1240 Posten vorgesehen, die jedoch zuletzt nicht mehr realisiert wurde (BMVg 2004: 141). Damit einher gingen bis zuletzt teils umfangreiche Sanierungsmaßnahmen. Wie aus Unterlagen der Stadt Lütjenburg hervorgeht, besteht jedoch ein Investitionsbedarf von ca. 8,6 Mio. Euro für die Kaserne ohne Neubauten. Alternative Nutzungen der Bausubstanz sind dementsprechend mit weiteren Folgekosten verbunden (Stadt Lütjenburg 2012a). Vor allem die Werkstätten sind in gutem Zustand, während die Unterkunftsgebäude saniert werden müssten. Zum Gelände gehören auch eine Sporthalle mit Fußballfeld und Laufbahn sowie ein Soldatenheim. Im Mai 2012 fand der Zapfenstreich in der Schill-Kaserne statt, anschließend wurde die Ausrüstung nach und nach in andere Liegenschaften verlegt, da das komplette Regiment aufgelöst wurde. Anfang des Jahres 2013 wurde die Kaserne offiziell an die BImA übergeben (Korge 2012).

Die Kaserne befindet sich im westlichen Teil des Ortsgebietes in der Nähe der Bundesstraße 202 und hat eine Größe von ca. 24 ha, was neun Prozent der bebauten Gesamtfläche Lütjenburgs entspricht (Stadt Lütjenburg 2012c). Lütjenburg selbst ist nach eigener Darstellung ein regionales Unterzentrum mit Versorgungsfunktionen im Bereich der Nahversorgung und Verwaltungssitz des Amtes Lütjenburg. Die Wirtschaftskraft konzentriert sich im Wesentlichen auf die Bereiche Tourismus, Landwirtschaft, Einzelhandel und Handwerk – Industriebetriebe gibt es nicht (Stadt Lütjenburg 2012b). Die Stadt selbst hat ca. 5400 Einwohner und ein Einzugsgebiet von ca. 14.400 Einwohnern (Stadt Lütjenburg 2012c).

Abbildung 5: Lage Lütjenburgs in Schleswig-Holstein. Quelle: Eigene Darstellung.

Wie Abbildung 5 zeigt, liegt Lütjenburg in Ostseenähe (ca. 7km Entfernung) rund 35km westlich der Landeshauptstadt Kiel im Landkreis Plön. Schleswig-Holstein war bislang das Bundesland mit der höchsten Bundeswehrdichte gemessen an der Einwohnerzahl, obwohl bereits aufgrund früherer Stationierungsentscheidung zahlreiche Standorte geschlossen wurden. Das liegt vor allem in der Bedrohungslage des Kalten Kriegs begründet, die eine große Präsenz von Marinestützpunkten an der Ostsee forderte, aber auch in der dünnen Besiedlung sowie den relativ schlechten landwirtschaftlichen Flächen (Franck 2010: 53). Mit der aktuellen Reform fallen nochmals rund 10.700 der bis dahin 26.000 Posten weg (BMVg 2011: 38), damit kommen auf 1000 Einwohner künftig noch 5,4 Soldaten (bislang lag die Quote bei 9,2) (ebd.: 21). Im Jahr 1990 waren in Schleswig-Holstein noch 58.798 Soldaten, davon 37.095 Berufs- und Zeitsoldaten sowie 23.945 zivile Mitarbeiter der Bundeswehr stationiert gewesen (Grundmann & Matthies 1992: 267). Dieser Vergleich zeigt zum einen, wie viele Stellen in Schleswig-Holstein schon weggefallen sind, andererseits gibt es daher Konversionsprojekte bereits zuhauf – von Großprojekten wie Windparks oder Ferienanlagen bis hin zu kleineren Depots.

 
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