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6.2 Probleme und mögliche Nachnutzungen

Die Konstruktion von Problemen

Wie im Forschungsstand zu Mobile Policies thematisiert, ist eine Voraussetzung für die Anwendung bestimmter Nutzungskonzepte stets eine vorherige Identifizierung von Problemlagen, die einer Lösung bedürfen (Cook 2008: 776; vgl. Kapitel 4.2). Aus diesem Grund soll im Folgenden genauer auf negative Faktoren eingegangen werden, die von den Interviewpartnern identifiziert wurden. Hierbei lassen sich zwei verschiedene Typen von „Problemen“ unterscheiden, darunter erstens die strukturellen Probleme, denen sich die Gemeinden ausgesetzt sehen.

Als Voraussetzung, bzw. Auslöser für das Auftreten zahlreicher, sich überlagernder Problemlagen, wird die Neuausrichtung der Streitkräfte und die damit verbundene Stationierungsentscheidung verantwortlich gemacht. Diese lässt im Gegenzug andere, bereits vorhandene strukturelle Merkmale besonders hervortreten, wie beispielsweise die Lage der Gemeinden. In Lütjenburg wird allein der Faktor „Lage“ abseits der Metropolregionen im ländlichen Raum im Hinterland der Ostseeküste Schleswig-Holsteins als problematisch betrachtet, wenn es um künftige Nutzungskonzepte geht (Stadt Lütjenburg 2012b). Auch in Hohentengen/Mengen wird die Verortung im ländlichen Raum als Problem gesehen, da dieser mit negativen Rahmenbedingungen zu kämpfen habe (G4).

„Die Lage im ländlichen Raum war im Grunde unser Nachteil, was uns ein Stück weit möglicherweise den Standort gekostet hat und es ist jetzt unser Problem, das stellt uns jetzt hin, das mit Leben zu erfüllen. Klar, wir sind weit weg von der Autobahn, weg von den Lebensadern! Wenn man sich in unserer Nachbarschaft, 40 Kilometer weg, die Ortschaften ansieht, die an Autobahnen liegen, da ist wirklich der Trend da. Da sind Firmen, die sich ansiedeln und bei uns ist es eine sehr verhaltene Entwicklung. Im Grunde sind wir damit doppelt bestraft worden.“ (G4).

Hinzu kommen für Lütjenburg „Strukturprobleme in der Fläche“, „Marktferne“ und eine mäßige Verkehrsinfrastruktur (Stadt Lütjenburg 2012b). Weiterhin wird die zukünftig negative Bevölkerungsentwicklung mit einem Rückgang „bildungsrelevanter Altersgruppen“ angesprochen (ebd.). Die Bürgermeister von Mengen und Hohentengen betonten insbesondere den Wunsch vieler junger Menschen, in der Region zu bleiben, während aber qualifizierte Arbeitsplätze fehlten. Daher zogen gerade 18bis 25-Jährige in die Ballungsgebiete und kämen nicht mehr zurück, weshalb die Region besonders von der Abwanderung junger Menschen betroffen sei (G4). In Hohentengen/Mengen sieht man sich im Gegenteil zu Lütjenburg allerdings umgeben von prosperierenden Regionen wie dem Metropolraum Stuttgart im Norden und dem Bodenseeraum im Süden, mit denen man in Konkurrenz um Einwohner steht (G5).

Die Standorte sehen sich also nicht nur durch ihre Lage „benachteiligt“, sondern auch durch Abwanderung und fehlende finanzielle Ressourcen. Vor allem letztgenannter Punkt wird im Wesentlichen für die schwierige Akquisition möglicher Investoren verantwortlich gemacht. Es ist also problematisch, die bereits bestehenden Ideen auf einen möglichen Investor abzustimmen, den es aber bis jetzt noch gar nicht gibt (G1) oder dessen Interessen mit eigenen Planungen abzustimmen, wie in Hohentengen/Mengen. Hinzu kommt auch, dass nach Ansicht der Befragten die Liegenschaft immer auch mit Flächen der „grünen Wiese“ konkurriere (G4). Gerade im ländlichen Raum sei die Konkurrenz zwischen Standorten um die Ansiedlung von Gewerbebetrieben hoch, sodass viele Gemeinden mit günstigen Flächen Investoren anlocken wollen. Für die sei es im Umkehrschluss meist billiger, eine Fläche der „grünen Wiese“ zu nutzen, da es hier weder Altlasten noch ein kompliziertes Verkaufsverfahren seitens der BImA gebe (G2, G4). Aus diesem Grund wird daher auch die Notwendigkeit einer interkommunalen Abstimmung betont.

Als weiteres, mit der Nachnutzung eher indirekt zusammenhängendes Problem werden die mit dem Wegzug der Streitkräfte verbundenen negativen wirtschaftlichen und sozialen Folgen betrachtet, die allerdings durch die Konversion nach Vorstellung der Befragten möglichst kompensiert werden sollen. Hierzu zählt unter anderem der Wegfall von Nachfrage durch den Wegzug der Soldaten in den Bereichen Einzelhandel und Gastronomie sowie weiterhin der Anstieg der Arbeitslosigkeit, da die Bundeswehr auch Arbeitgeber für Zivilangestellte war (G2, G5/G4). Gerade in Lütjenburg, einem Standort mit zahlreichen Berufssoldaten, die im Ort mit ihren Familien wohnten, besteht das Problem, dass Infrastrukturen wie Kindergärten nun viel zu groß sind und keine optimale Auslastung mehr erfahren (G1). Soziale Folgen wie der Wegzug der jahrelang ansässigen Soldaten, die häufig ehrenamtlich oder in Vereinen aktiv waren, seien sogar noch schwieriger zu kompensieren (G5). Schließlich nannten die Kommunen und Länder das Problem einer fehlenden Unterstützung durch die Bundesregierung, bzw. das Verteidigungsministerium, vor allem durch Fördergelder. Dazu zählt auch die Aufgabe der BImA, Flächen zum Verkehrswert zu veräußern statt diese vergünstigt den Kommunen bereitzustellen (vgl. Kapitel 6.4).

Zu den eben aufgeführten strukturellen Problemen kommen zweitens noch Prozessprobleme, die während der Phase der Nutzungsfindung und des Verkaufs auftreten können. Hierbei wurde vor allem die lange Dauer des Prozesses angeführt, die einer schnellen Nachnutzung oft im Wege steht. So benötige etwa die Kommune zunächst einmal Zeit, sich selbst zu finden und Ideen zu entwickeln, die Bevölkerung zu informieren und anschließend ein Bebauungsplan-Verfahren einzuleiten. Weiterhin dauere der Verkaufsprozess seitens der BImA relativ lange, da die Flächen international ausgeschrieben und gewartet werde, bis sich ein Investor finde, der bereit sei, den Marktpreis zu zahlen. Vorausgesetzt, ein Kaufinteressent findet sich, so kann möglicherweise das Problem bestehen, dass die Nutzungspläne der Gemeinde nicht mit dem Investorenkonzept übereinstimmen, was wiederum eine weitere Verzögerung nach sich zieht (G2). Außerdem drohe ein Verfall der Liegenschaft, wenn sich der Verkaufsprozess lange hinziehe, da dann beispielsweise die BImA die Räume nicht mehr beheize. Umso wichtiger sei daher eine möglichst schnelle Nachnutzung, um dieser drohenden Situation zu entgehen (G4).

Findet sich kein Käufer, ist es möglich, dass sich die von der BImA festgesetzten Werte im Laufe des Verfahrens noch nach unten einpendeln, was aber ebenfalls die Planungen verzögern kann. Außerdem kann es auch nach dem Verkauf der Liegenschaft zu Problemen kommen. So ist es möglich, dass dem Investor das Geld ausgeht oder die Anlage sich durch ein anderes Projekt noch besser verzinsen lässt (G2). Auch sei es bereits vorgekommen, dass sich erst spät die Bevölkerung gegen die Pläne entschieden habe, sodass das Verfahren von Neuem beginnen musste (G3).

 
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