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6.3 Vorbilder und Best Practices

Die entwickelten Nutzungsideen entstehen meist nicht allein von sich heraus. Wie bereits im Forschungsstand zum Thema Konversion diskutiert wurde, greifen viele kommunale Akteure auf die Erfahrungen anderer Gemeinden zurück. Dabei werden Orte so konstruiert, als ob sie ähnliche Probleme hätten, die nach vergleichbaren Lösungen verlangen (Ward 2006: 70). Weiterhin stellt sich die Frage nach der Ein- und Umbettung der Konzepte in einen neuen Kontext. Wie Cook (2008: 777) beschreibt, werden Politiken umgeformt, um in den spezifischen Kontexten, für die dort ausgemachten Problemlagen „funktionieren zu können“. Eine Übertragung von erfolgreichen Modellen findet dementsprechend nie unverändert statt, sondern transformiert sich stets.

Im Kapitel zur Konversion wurde festgehalten, dass durch zahlreiche Leitfäden, Publikationen und Tagungen bereits viele abgeschlossene Projekte als Best Practices in Umlauf gebracht worden sind. So hat beispielsweise das Wirtschaftsministerium von Schleswig-Holstein eine Liste mit Beispielen online verfügbar gemacht, die zeigen sollen, welche Nutzungsmöglichkeiten in Frage kommen. Hier werden vor allem Projekte mit der Integration erneuerbarer Energien, aber auch touristische und gewerbliche Nutzungen vorgestellt (MWWV 2011a). Das Ministerium vermittelt zudem Kontakte zwischen betroffenen Kommunen und solchen Gemeinden, die bereits Konversionsprojekte abgeschlossen haben. Eine ähnliche Liste ist auf der Internetseite der BImA zu finden. Zwar gibt diese keine grundsätzlichen Vorgaben für bestimmte Nachnutzungen, die ausführliche Tabelle zeigt aber Beispiele „erfolgreicher Konversionsfälle“ auf ehemaligen Bundeswehrliegenschaften. Darunter finden sich fast ausschließlich Großprojekte wie Solarparks, touristische Nutzungen, Veranstaltungszentren etc. (BImA 2007). Auch das Land Baden-Württemberg listet zahlreiche gute Beispiele für bereits abgeschlossene Konversionsprojekte auf (LT-Drucksache 15/1834 2012: 4).

Erfolgreiche Nutzungskonzepte

Doch welche Konzepte werden hier als „erfolgreiche Nutzungsideen“ betrachtet und welche Ideen werden ausgewählt? Es fällt zunächst auf, dass das Spektrum im Fall der Konversion grundsätzlich relativ breit gefächert erscheint und auch von Standort zu Standort je nach Beschaffenheit der Liegenschaft unterschiedlich ist. Viele der Best-Practice-Listen weisen einen Schwerpunkt bei größeren und meist gewerblichen Nutzungen auf. Von Seiten des Ministeriums in Schleswig-Holstein wurden zusätzliche erfolgreiche Beispiele der Umnutzung genannt, die auch bei den verschiedenen Veranstaltungen (Kapitel 6.5) vorgestellt wurden. Gerade die Gemeinde Silberstedt in Schleswig-Holstein wurde auch von der Gemeinde Lütjenburg als Vorbild herangezogen. Hier konnte der kommunale Bau eines Katastrophenschutzzentrums realisiert werden. Dieses Beispiel sei mittlerweile sogar so bekannt, dass dort auch viele Besucher, d.h. Vertreter anderer Gemeinden, hinkämen (G1).

Angeführt als erfolgreiche Nutzungsideen wurden weiterhin die Umnutzung ehemaliger Munitionsdepots zu Lagerstätten für Feuerwerkskörper oder die Nachnutzung unter dem Aspekt „erneuerbare Energien“, was ja wie oben bereits angemerkt, zu einer Art Trend für Konversionsliegenschaften wurde. Für Schleswig-Holstein wurde als weiteres Erfolgsbeispiel vor allem die touristische Nutzung genannt, die zwar schon seit Beginn der Konversion populär sei, heute aber zunehmend die Integration von Wellness-Angeboten umfasse. Touristische Konzepte seien vor allem dann gefragt, wenn sich die Liegenschaft in der Nähe der See befinde. Außerdem sei ein leichter „Trend“ hin zu seniorenfreundlichem barrierefreien Wohnen und Angeboten im Bereich der Gesundheitswirtschaft zu beobachten. Der Trend zu regenerativen Energien im Rahmen der Energiewende und die Nutzung als Solaroder Windpark sei allerdings schon wieder am Abebben, da hier zahlreiche Förderungen auslaufen. Insgesamt sei allerdings festzuhalten, dass es im Konversionsbereich „ökonomische Zyklen“ gebe, die sich im Laufe einiger Jahre veränderten (G2).

Es wurde angemerkt, dass Anfragen zum Thema „Energie“ auch häufig im Ministerium in SchleswigHolstein eingehen, da Investoren und Projektentwickler sich so erhoffen, an günstige Flächen zu gelangen (G2). Allerdings gebe es hier zunehmend Widerstände der Gemeinden bzw. der Bevölkerung, die das nicht wollen und sich dagegen entscheiden (G3), was aber von der Lage der Liegenschaften (Ortsgebiet, Außenfläche) abhänge. Grundsätzlich berge die Vorbildfunktion einzelner Nutzungen eine gewisse Gefahr, da man eben verschiedene Standorte nur bedingt miteinander vergleichen könne. So sei beispielsweise die Situation in Innenstadtlagen großer Städte ganz anders als in ländlichen Regionen Schleswig-Holsteins, wo sich bislang Raketenstellungen oder Munitionsdepots befanden (G2).

In Baden-Württemberg werden vor allem gewerblich-technische Nutzungen als erfolgreich eingeschätzt. Ein besonderer Fokus liegt hier auf der „Nachhaltigkeit“ neuer Projekte. Als Beispiele werden „die Positionierung als Gewerbe-, Dienstleistungs- und Tourismusstandort, die Rolle der Erzeugung erneuerbarer Energien und die Nutzung der ökologischen Potenziale“ genannt (MLR 2012a: 14). Damit decken sich die Empfehlungen weitestgehend mit denen des Landes Schleswig-Holstein, die Umsetzung ist allerdings verschieden, worauf in Kapitel 6.4 noch genauer eingegangen werden soll.

Ein besonders ambitioniertes Best-Practice-Beispiel in Schleswig-Holstein, die Umnutzung einer Bundeswehrfläche zu einem großen Ferienressort in Kappeln mit einem Investitionsvolumen von einer halben Milliarde Euro, wurde allerdings zu einem Negativbeispiel. Durch die Zahlungsunfähigkeit der Investoren konnte das Projekt nicht fertiggestellt werden und wirkt deshalb nun für andere Gemeinden eher abschreckend. In diesem Zusammenhang wurde auch darauf hingewiesen, dass es eben trotz aller Best Practices keine „Blaupause“ für eine erfolgreiche Konversion gebe, sondern die Rahmenbedingungen sich stets unterscheiden (G2).

 
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