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Die Anpassung der Konzepte

Zusammenfassend zeigt sich an dieser Stelle, dass zahlreiche gute Beispiele und Ratschläge von den Gemeinden in Anspruch genommen werden können. Wie wurden aber andere Nutzungsideen angepasst und verändert? Wie eben deutlich wurde, handeln die Kommunen bei der Nutzungsfindung nicht frei, sondern sind in ihrer Situation darauf angewiesen, auf andere Projekte zurückzugreifen, um sich Hilfen und Anregungen zu holen. Ein solches Handeln wird ihnen auch „von oben“, das heißt von den Ländern und der BImA empfohlen, bzw. es werden entsprechende Hilfen bereitgestellt. Meist ist hier oberstes Ziel oder der „Idealfall“, Alleinstellungsmerkmale für künftige Projekte zu erarbeiten, was allerdings durchaus kritisch zu betrachten ist, da es nicht unendlich viele Alleinstellungsmerkmale geben könne (G2).

In Lütjenburg spielen die Nutzungen anderer Gemeinden eine wichtige Rolle. So wurden schon vor der Bekanntgabe in der gebildeten Lenkungsgruppe andere Gemeinden ausgewählt, um Informationen einzuholen. Es wurden Bürgermeister oder Konversionsmanager kontaktiert und Praxisberichte analysiert (Stadt Lütjenburg 2012d). Teilweise waren Mitglieder der Lenkungsgruppe auch vor Ort oder es wurden Vertreter der Gemeinden eingeladen, um über deren Erfahrungen zu berichten. Von Seiten des Bürgermeisters von Lütjenburg wurde betont, dass diese Vorbereitung wichtig gewesen sei. Dabei wurden vor allem Gemeinden ausgewählt, die sich in einer ähnlichen Situation befanden (schlechte Infrastruktur, ländlicher Raum, ungünstige Lage), wobei Reisen nur innerhalb Schleswig-Holsteins durchgeführt wurden. Besonders hervorgehoben wurde hier das bereits angeführte Beispiel Silberstedt. Hier wurde vor allem die Ähnlichkeit zur Situation Lütjenburgs betont, d.h. die Lage im ländlichen Raum hervorgehoben. Wie vom Interviewpartner angeführt, war dort auch nichts „Tolles“ zu erwarten, aber gerade die Beteiligung der Bürger habe im Wesentlichen zur schnellen Nachnutzung der Kaserne geführt, was als gute Idee übernommen wurde. Kontakt gab es aber auch zu Kommunen in anderen Bundesländern, beispielsweise nach Sonthofen in Bayern. Dabei wurde vor allem der Prozess des Lernens von anderen Gemeinden betont (G1).

„Ich muss nicht alle Räder neu erfinden, wenn mir das gelingt, ist es zwar schön. Aber wenn man sich umschaut, gibt es so viel. Dann bin ich mir nicht zu schade, mir irgendetwas abzugucken von anderen, wenn die was Tolles gemacht haben.“ (G1).

Den Bürgermeistern von Mengen und Hohentengen wurden ebenfalls auf Tagungen und Messen Best-Practice-Beispiele vorgestellt. Hier waren die Befragten aber der Meinung, dass Vorbildkommunen für die Nutzungsplanung keine große Rolle gespielt hätten, lediglich in der Anfangsphase sei es sinnvoll gewesen, sich die Vorgehensweise bei der Planung anzusehen.

„Wir haben auch bei verschiedenen Veranstaltungen, die wir besucht haben, immer wieder Best-Practice-Beispiele bekommen von anderen. Ob das jetzt Speyer ist, oder Hanau ist mal genannt und vorgestellt worden… nur das hilft uns nicht wirklich weiter. Ich stelle mich auf den Standpunkt: Es ist keine Konversion mit der anderen zu vergleichen! Man hat immer völlig spezifische Infrastrukturen, spezifische Anforderungen. Deswegen ist es ‚nice-to-have', da mal reinzuhören und das mal zu sehen und vielleicht auch von der Vorgehensweise, wie man an die Sache rangeht.“ (G5).

In der konkreten Umsetzungsphase bringe es aber nichts, andere Nutzungen zu übertragen, die nicht zur örtlichen Infrastruktur passen. Vielmehr müsse die geplante Entwicklung auf die Bedürfnisse vor Ort abgestimmt und angepasst werden wofür „jeder Standort für sich seinen Weg suchen und seine Lösung“ finden müsse (G5). Beide Bürgermeister betonten, dass sie sehr schnell gemerkt hätten, dass ein „Abkupfern“ keinen Sinn mache, da jede Konversion ihren eigenen Weg brauche (G4). Man habe von den anderen Gemeinden lediglich Einblicke in die Dauer des Prozesses (meist 5-10 Jahre) erhalten können. Zudem wurde auf die veränderten Rahmenbedingungen hingewiesen, die es heute im Gegensatz zu den 1990er-Jahren gebe – der Zeit, in der besonders viele „gute Beispiele“ für Konversion entwickelt wurden.

„Viele Projekte haben wir gesehen, da war es auch mit Elan gestartet und die haben dann auch leider unterwegs merken müssen, dass vieles einfach auch nur sehr langsam vorwärts geht, dass viele Gewerbegebiete sich erst nach und nach mit Leben füllen, dass viele Gebäude erst nach und nach neue Nachnutzer finden. Wir haben uns darauf eingestellt, dass es Jahre gehen kann, bis dort neues Leben entsteht.“ (G4).

Die Gemeinden sehen sich eher selbst als Vorbilder, da sie schon konkrete Ideen und Investoren haben. So wiesen sie darauf hin, dass sie von der BImA als Positivbeispiel genannt worden seien. Andere Gemeinden in der Gegend (in diesem Fall vor allem Sigmaringen) gerieten dadurch unter Druck, weil es dort noch dauere, bis die Kaserne geschlossen werde (G5).

Für die Fallbeispiele bleibt also festzuhalten, dass weniger konkrete Nutzungen übertragen wurden, sondern eher Erkenntnisse über den Ablauf, die Dauer oder die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren erlangt wurden. Diese Punkte wurden dann zwar für das eigene Vorgehen übernommen, dabei aber auf den lokalen Kontext angepasst. Auch wenn in Hohentengen/Mengen betont wurde, dass man keine Best-Practices angesehen hätte, so ist das Handeln der Gemeinden doch sehr stark mit den Interessen der Landesregierungen verknüpft. Nutzungsideen entstehen, wie bereits angesprochen, dabei nicht von sich heraus, sondern sind in die institutionellen Strukturen eingebunden, was wiederum einige Optionen bevorzugt, während andere von vorne herein ausgeschlossen werden. Gerade der Rückgriff auf scheinbar „etablierte“ Dienstleister und deren Analysen zur Realisierung des Ausbildungszentrums zeigen sehr deutlich, dass die Auswahl der Nutzungen keineswegs völlig frei erfolgt. Vor allem Planungsunternehmen betrachten in ihrer Vorgehensweise ja meist nichts anderes als „Best Practices“ anderer Gemeinden, was wiederum die Bedeutung dieser Vorbilder veranschaulicht. Aus diesen Gründen soll im Folgenden genauer auf wichtige einflussreiche Akteure des Prozesses eingegangen werden.

 
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