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2.3.2 Stewardship-Theorie

Neben der Prinzipal-Agenten-theoretischen Betrachtungsweise als Erklärungsgrundlage von Audit Committee-Verhalten und der institutionellen Stellung in der unternehmerischen Überwachung wird in letzter Zeit immer häufiger eine weitere Theorie zu dessen Erklärung herangezogen: Die Stewardship-Theorie.

Die Stewardship-Theorie von Donaldson und Davis und Davis et al. stellt die Abkehr vom ausschliesslich rationalen homo oeconomicus hin zu einem vielschichtigeren, komplexeren Menschenbild dar. Der Ansatz ist aus den Sozialwissenschaften und der Psychologie abgeleitet und geht davon aus, dass die Organisationsteilnehmer intrinsisch motiviert sind, um ihre Aufgaben auch ohne externe Anreize in einer pro-organisatorischen Art und Weise zu erreichen. Die wahrgenommene Nutzenfunktion der Stewards zeigt einen höheren Stellenwert von pro-organisatorischen, kollektiven Verhaltensweisen als von individualistischem, eigennützigem Verhalten. Auch im Fall einer Wahlmöglichkeit zwischen einer eigennutzenmaximierenden Entscheidung und einer unternehmensvorteilhaften Entscheidung, wird die Verhaltensweise des Stewards nicht von der den Organisationszielen dienlichen Möglichkeit abweichen.

Intrinsische Motivation ist selbsttragend und impliziert, dass eine Tätigkeit oder ein Ergebnis um seiner/ihrer selbst willen ausgeführt und wertgeschätzt wird. Die Arbeitsinhalte und -ausführung selbst produzieren unmittelbar Befriedigung und stiften Nutzen, auch ohne (materielle) Entschädigung. Der Agent ist zufrieden, wenn die Ziele des Prinzipals erreicht werden.

Die Theorie geht von der Prämisse aus, dass Agenten eine höhere Motivation durch die Erreichung der angestrebten Unternehmensziele, Anerkennung durch Mitarbeiter und Reputation erzielen als durch die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse und die Verfolgung von Eigeninteressen. Intrinsische Motivation beinhaltet in der Regel auch eine freiwillige Regelbefolgung, ein Verhalten über den vertraglich festgelegten Umfang hinaus oder Arbeiten für das Gemeinwohl (z. B. Open-Source-Software) ohne jegliche materielle Entschädigung.

2.3.3 Abgrenzung der Theorien und Implikationen für die Einrichtung und Ausgestaltung von Audit Committees

Eine diametrale Abwägungsentscheidung der generell „richtigen“ Theorie (Prinzipal-Agentenvs. Stewardship-Theorie) erscheint nicht zielführend, sondern ist eher abhängig von den konkreten Unternehmensumständen („Fundamental Organisational Coalition“). Sofern bspw. ein unternehmerisches Zusammengehörigkeitsgefühl oder Eintracht über die Unternehmensfortführung herrscht, können beide distinkte Theorien angewandt werden. Diese erklären somit valide einige Corporate Governance-Phänomene, aber eben nicht alle.

Die Stewardship-Theorie versteht sich somit nicht als grundsätzliche Kritik oder negative Bewertung der Prinzipal-Agenten-Theorie, sondern will kontextabhängig das abweichende, nicht-opportunistische Verhalten des Agenten begründen. Die Anwendungsoder Wechselfaktoren zwischen Prinzipal-Agenten- und Stewardship-Theorie beziehen sich auf den situativen und institutionellen Kontext der Unternehmung. Faktoren, welche die Anwendung der jeweiligen Theorien beeinflussen, sind insbesondere folgende:

Tab. 2.1 Gegenüberstellung der Prinzipal-Agenten- und Stewardship-Theorie. (Quelle: Grundei 2008, S. 143. In Anlehnung an Davis et al. 1997, S. 21 und 37)

Beratung als Primäraufgabe des Boards, weit reichende Entscheidungs- und Ermessensbefugnis des Managements, fixe Vergütung

• Psychologische Faktoren: (1) Intrinsische vs. extrinsische Motivation; (2) Identifikation mit der Organisation; (3) Use of Power, also Machtstreben und

-bewusstsein der Agenten

• Situative Faktoren: (1) Management-Philosophie, Vertrauen und Delegation; (2) Kulturelle Dimensionen nach Hofstede (1991): Individualismus vs. Kollektivismus und Machtdistanz (Power Distance)

Auf diese Weise können die Grenzen der Anwendung der jeweiligen Theorie durch eine Gegenüberstellung herausgearbeitet werden (Tab. 2.1).

Problematisch bei der Anwendung der jeweiligen Theorie ist neben der grundsätzlichen Unterscheidung des Managertyps die Verhaltensentscheidung des Eigentümers unter Berücksichtigung des antizipierten Verhaltens des Managers und vice versa. Diese spieltheoretische Analogie eines Gefangenendilemmas beschreibt eine Interaktionsbeziehung, bei welcher zwei Parteien gleichzeitig bzw.

Abb. 2.2 Agent-/Steward-Verhaltensmodell nach Davis et al. (Quelle: Davis et al. 1997, S. 39)

ohne Kenntnis der Wahl des jeweils anderen Teilnehmers ihre Handlungsstrategien offenlegen müssen und dabei Gefahr laufen, einen pareto-ineffizienten Gleichgewichtszustand (sog. Nash-Gleichgewicht) zu erreichen.

Wenn beide Parteien (Prinzipal und Manager) sich als Stewards verhalten, ist es das übergeordnete Ziel der Beziehung, das Potenzial im Unternehmen grundsätzlich zu maximieren. Diese gegenseitige Stewardship-Beziehung kann auf Vertrauen basieren und muss nicht auf die Vermeidung von Fehlverhaltensweisen abzielen, da sich beide pro-organisatorisch verhalten.

Gleichsam einleuchtend sind die Auswirkungen, wenn beide Protagonisten sich als Agenten verhalten. Das übergeordnete Ziel besteht darin, mögliche Agency-Kosten (Überwachungskosten, Bindungskosten und Residualverluste) zu minimieren. Da beide Parteien eigennutzenmaximierend auftreten, ist die Verhaltensweise des jeweiligen Gegenübers adäquat zu antizipieren und ein Gleichgewichtszustand stellt sich ein.

Ein Problem tritt erst dann auf, wenn der Prinzipal oder der Manager eine vom Gegenüber abweichende Verhaltensweise wählt. Dann ist die Interaktionsbeziehung durch gegenseitiges Misstrauen, opportunistisches Verhalten aufgrund von Informationsasymmetrien und persönliche Enttäuschung gekennzeichnet. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist dann unmöglich oder zumindest erschwert. Der kreuzweise Beziehungszusammenhang ist im Modell der Prinzipal-ManagerVerhaltensauswahl in Abb. 2.2 dargestellt.

Je nach dem welcher Theorie man folgt, ergibt sich eine unterschiedliche Ausgestaltung der unternehmerischen Überwachung im Board sowie unterschiedliche Anforderungen an die Board-Mitglieder. Am Beispiel der Rollendualität von CEO und Chairman des Boards zeigt sich, dass eine Hinterfragung des Unabhängigkeitspostulats der Prinzipal-Agenten-Theorie nach der Stewardship-Theorie adäquat wäre: Einerseits wird nach der Stewardship-Theorie ein mit umfangreichen Macht- und Entscheidungsbefugnissen ausgestatteter Unternehmensleiter und -überwacher die Organisationsziele bestmöglich erreichen können. Andererseits ist nach der Prinzipal-Agenten-Theorie eine Aufteilung der Macht- und Entscheidungsbefugnisse von CEO und Chairman des Boards zielführend, da das opportunistische Managementverhalten so diszipliniert werden kann.

Eine suboptimale Ausgestaltung der Unternehmensleitung und -überwachung kann auch dadurch entstehen, dass Kontrolle für Stewards möglicherweise kontraproduktiv ist. Betrachtet man nun Audit Committee-Mitglieder aufgrund ihrer Vertrauensstellung im Unternehmen und ihrer nicht-exekutiven Tätigkeit eher als Stewards, würde das a priori pro-organisatorische Verhalten bei unangemessenen Kontrollmechanismen durch eine gesunkene Motivation potenziell unterminiert. Bei einer Fehlfunktion von internen Kontrollmechanismen wie dem Audit Committee besteht die Gefahr teurerer, externer Kontrollmechanismen wie Akquisitionen, Vermögensveräusserungen oder Eigentumsänderungen. Da externe Kontrollmechanismen aber zu Lasten des Nutzens der Eigentümer gehen, wird der Prinzipal interne Kontrollmechanismen generell bevorzugen und daher eine richtige Zuordnung der Audit Committee-Mitglieder nach der passenden Theorie

anstreben.

 
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