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2 Die Lerngruppe

Aus 20 oder 30 Kindern oder Jugendlichen eine Gruppe zu bilden, die gemeinsam und kollektiv angesprochen werden kann, stellt eine immer wieder aktuelle Aufgabe der Unterrichtspraxis dar. Die diesem Zweck dienenden Praktiken werden als „cohorting practises“ diskutiert. Macbeth bemerkt in diesem Zusammenhang:

„of all resources of classroom teaching, cohort organization may be the most generative and complex. Practically, the organization of classroom cohorts is the social organization of classroom discourse, wherein the room shows the two parties of the teacher and the cohort, and systematic methods for deciding just who among the cohort will produce a next cohort turn“ (Macbeth 2000, S. 30).

Die Praktiken der Konstitution der Lerngruppe beziehen sich auf verschiedene Momente des Unterrichtsablaufs, an welchen die Unterrichtsordnung hergestellt, unterbrochen und wiederhergestellt wird [1]. Der Anfang der Stunde ist ein solcher Moment. Ein Moment, an welchem die lokale Interaktionsordnung im Rahmen dieser Stunde in diesem Klassenraum und mit dieser Klasse (wieder)hergestellt und im Laufe der nächsten 45 bzw. 90 Minuten aufrechterhalten wird.

Die Szene im Beispiel #2# findet am Anfang der Unterrichtsstunde statt, oder besser gesagt: Sie macht deutlich, dass und wie der Anfang einer Stunde produziert wird. Die Frage nach dem ‚Anfang' ist nicht trivial. Man kann fragen: Wo, an welcher Stelle beginnt eine Unterrichtsstunde? Ist es der Moment, wenn es klingelt, oder wenn die Lehrerin den Klassenraum betritt, oder wenn die Schüler (alle? die

‚Mehrheit'?) ihre Plätze einnehmen und anfangen zuzuhören? Diese Frage lässt sich weder von vornherein noch allgemein beantworten. Es kommt auf die praktischen Umstände und Details an, in welchen und durch welche sich die lokale Praxis einer Unterrichtsstunde entfaltet. Wir betrachten den Moment, an dem die Lehrerin die Schüler bittet, ihre Plätze einzunehmen:

#2#

48 Lw: Setzt euch einmal bitte, {restliche SS setzen sich} damit ich einen kleinen

49 Überblick bekomme. (..) Ähm (...) ein paar Dinge. (..) Ähm (..) ihr habt die

50 Folie [ ja ab|

51 Edi: [ {durch die Klasse rufend:} ( )

52 Lw: Edi!

53 Edi: Ja.

54 S?: Geschrieben.

55 Lw: Ihr habt die Folie ja abgeschrieben. Ihr habt eigentlich gesehen, dass des relativ

56 schwer is. (..) Ähm das war mir schon bewusst. Wir haben vorher über die Ismen

57 geredet. Jetzt hätte i gern, dass alle zuhör'n, bitte. (.) Äh wir haben vorher über

58 die Ismen geredet, äh, die haben wir ja ein bisschen beleuchtet, und die Folie is

59 eigentlich mehr oder weniger jetzt so eine Art > {lauter werdend:}

60 Inhaltsangabe. <

Die kennzeichnende Besonderheit dieser Szene ist die Restrukturierung der Aufmerksamkeit. Die Klasse ist zerstreut. Die Schüler reden durcheinander, jemand lacht, einige sitzen, die anderen bleiben noch stehen, jemand dreht sich zur Kamera und spricht lachend in sie. In der Choreographie des Unterrichts ist es die Aufgabe der Lehrerin, einen gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit zu etablieren [2]. Die Lehrerin versammelt die Schüler zu einer Lerngruppe, indem sie individuelle Jugendliche in eine kohärente Einheit, in eine „Kohorte“ transformiert.

Im ersten Schritt geht es hier um das Management der Körper, welches von der Seite der Lehrerin mit den Worten „Setzt euch einmal bitte...“ durchgeführt wird und welches schon im Aufstehen der Schüler zur Begrüßung der Lehrerin zu beobachten ist. Im Rahmen des institutionellen Interaktionspatterns ‚Unterricht' findet sich bis heute oft das Aufstehen der Schüler zur Begrüßung der Lehrerin und ihre Erlaubnis bzw. Bitte, sich zu setzen, als eine gepaarte Sequenz. Diese Sequenz macht die an die Kategorien ‚Lehrer' und ‚Schüler' gebundenen Eigenschaften sichtbar, auf welche sich die Teilnehmer gemeinsam orientieren und welche für den Vollzug der Unterrichtsstunde relevant sind. Beim Anschauen der Videoaufnahme ist deutlich zu sehen, wie sich die bewegliche Ansammlung reorganisiert. Im Laufe des nächsten Schrittes, bei dem die lokale Geschichte der Klasse abgerufen wird (Z. 55-60), werden die Köpfe der Lehrerin zugewandt, die Stimmen sinken und die Gesichter werden zuhörend. Wie labil diese Konstellationen von Aufmerksamkeit sind, kann man bereits hier anhand der Episode mit der Ermahnung von Edi sehen (Z. 51-53). Die hergestellte Ordnung kann zu jeder Zeit ‚aus den Fugen geraten', sodass die Aufrechterhaltung und gegebenenfalls Wiederherstellung der Ordnung im Laufe der Unterrichtsstunde ein Handlungsproblem für die Lehrerin bleibt.

Sowohl die Einheitlichkeit der Lerngruppe als auch der gemeinsame Fokus der Aufmerksamkeit sind nie vollständig und manchmal nur in Ansätzen gegeben, auch das zeigt die Videoaufnahme anschaulich, aber der weitere Vollzug des Unterrichts operiert auf der Grundlage dieser Voraussetzung, die zumindest als Unterstellung aufrecht erhalten wird bzw. als Unterstellung praktiziert wird. Außer der Ausrichtung der Körper geht es in dieser Eingangssequenz aber auch um die Etablierung eines gemeinsamen Themas für die Stunde, wie wir im Folgenden erläutern wollen.

  • [1] Siehe dazu: Payne und Hustler 1980; Macbeth 1991
  • [2] Zur Herstellung von Aufmerksamkeit als einem ‚echten' Problem des Unterrichtsbeginns siehe: Hecht 2009, S. 159–245
 
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