Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Pädagogik arrow Was ist Unterricht?
< Zurück   INHALT   Weiter >

5 Notizen

Das kontinuierliche Instruieren von Seiten der Lehrerin bezieht sich nicht nur auf die interaktive Regulierung und Steuerung der Arbeit im Unterricht, sondern auch auf inhaltliche Aspekte des Unterrichts. Die Lehrerin versorgt die Schüler vor dem Film-Schauen mit Instruktionen (Z. 165-175) und sie instruiert die Schüler auch im weiteren Verlauf der Unterrichtsstunde. Der Interaktionsverlauf zeigt, wie die Schüler Mittel und Wege finden, diesen Instruktionen zu folgen.

So finden sie z. B. heraus, dass die Namen der handelnden Personen von Relevanz sind. In der Zeile 878 fragt Arne, ob ein Mädchen aus der gerade vorgespielten Szene im Film vorgestellt wurde. Diese Frage kann sich auf die Aussage der Lehrerin in der Zeile 506 beziehen, wo sie auf die Frage von Bela nach dem Namen einer der im Film handelnden Person antwortet: „Der hat sich noch nicht vorgestellt“ (Z. 506). Anders gesagt: Arne berücksichtigt bei der Formulierung seiner Frage die Antwort, die die Lehrerin auf die Frage eines anderen Schülers vorher gegeben hat. Die Namen scheinen wichtig zu sein, um den Filminhalt verfolgen zu können und korrekte Notizen zu machen. Die Lehrerin macht das mehrmals verständlich.

Z. B. bittet sie Tom, der die Zusammenfassung des Inhalts der Filmszenen, die sich die Schüler in den vorherigen Unterrichtsstunden angeschaut haben, macht, die Namen der Protagonisten zu nennen („Wer sind denn sie?“, Z. 188). Es geht dabei nicht nur darum, wie die handelnden Personen heißen, sondern auch darum, welche Charakteristika sie bekommen. Nachdem Tom die Namen der Protagonisten (mit Hilfe der Lehrerin) genannt hat, fragt die Lehrerin weiter: „Und wer is des?“ (Z. 194). Die Schüler antworten, dass dies „Swing Kinds“ sind und die Lehrerin bittet sie, Swing Kinds zu charakterisieren („…was is besonders an diesen Swing Kinds?“, Z. 261).

In der Identifizierung der handelnden Personen und Gruppen aufgrund ihrer Namen und der auf ihre Tätigkeiten bezogenen Charakteristika besteht ein wesentlicher Teil der Arbeit, die die Lehrerin und die Schüler während der Zusammenfassung vor dem Filmanschauen durchführen. Darauf beziehen sich viele Fragen und Kommentare der Lehrerin, einschließlich der Fragen nach den Motiven der Protagonisten (Z. 296-311, 329-333, 335-349). Der Zusammenfassung geht die Formulierung der Aufgabe (Z. 132-138) und die Instruktion zum Filmanschauen voraus (Z. 165-175). Die Schüler müssen die Szenen aus dem Film anschauen und sie zusammenfassen, indem sie sich Notizen in Bezug auf zwei Schwerpunkte machen. Darin besteht die Arbeit der Schüler in diesem Unterricht bzw. dieser Unterrichtsstunde. Sie konstituiert sich durch die Auseinandersetzung mit dem Film und wird dadurch spezifiziert. Wichtig ist dabei nicht nur, dass das Filmanschauen durch den Unterrichtsrahmen gestaltet wird (die Sequenzierung des Filmes in die einzelnen Szenen mit Zwischenstopps für Notizen), sondern auch dadurch, dass der Unterrichtsablauf seinerseits durch den Film als aktueller Lernstoff auf entsprechende Art und Weise formatiert wird (das Anschauen sollte sich nach zwei Schwerpunkten richten und in den Notizen niederschlagen).

Bemerkenswert ist hier das Verhältnis von Aufgabe und Instruktion – wie sie formuliert, verstanden und realisiert werden. Die Lehrerin scheint davon auszugehen, dass die Unterteilung der Notizen in zwei Spalten entsprechend zwei Schwerpunkten (Nationalsozialismus/Juden und Freundschaft) es den Schülern ermöglichen sollte, die Beziehungen zwischen den betreffenden Seiten (Swing Kids, Nazis, Juden) richtig zu verstehen und als Folge die Entwicklung des Nationalsozialismus zu rekonstruieren (Z. 165-175). Durch diese Instruktion wird die Aufgabe der Schüler – die Filmszenen anzuschauen und sie zusammenfassend in die Hefte zu notieren – spezifiziert. Inwieweit verstehen die Schüler die Spezifizierung der ihnen gestellten Aufgabe in dieser Weise? Aufgrund des vorliegenden Datenmaterials kann dies nicht genau eingeschätzt werden. Zwar können wir den Interviews und Hefteinträgen von fünf Schülern (siehe weiter unten) entnehmen, welche Lösungen diese fünf Schüler für das Notizen-Machen gefunden haben, doch wissen wir nicht, wie die anderen fünfzehn Schüler dies gemacht haben. Wir wissen auch nicht, wie sich die Interaktionen in den nachfolgenden Unterrichtsstunden entfaltet haben: Wurden die in dieser Stunde angesetzten Schwerpunkte für das Notizen-Machen in Bezug auf das Thema der Entwicklung des Nationalsozialismus weiter thematisiert– und wie genau ist dies geschehen? Hat die Unterteilung der Notizen in zwei Spalten entsprechend dieser zwei Schwerpunkte sich in den späteren Antworten bzw. Referaten der Schüler (falls Referate bezogen auf das Thema der Entwicklung des Nationalsozialismus vorbereitet werden sollten) niedergeschlagen? An dieser Stelle können wir nur feststellen, dass die Schüler nicht ohne Schwierigkeiten ihre Aufgabe meistern:

1. Die meisten Schüler verstehen offenbar die Aufgabe so, dass es wichtig sei, sich die Namen von Personen, Gruppen und Orten zu merken und sie in ihre Hefte zu notieren. Beim Anschauen der Filmszenen versuchen die Schüler herauszufinden, wie diese oder jene Person heißt. Darauf bezieht sich die Mehrzahl ihrer Fragen (Z. 499, 501-503, 519-521, 548-549, 588-589, 749, 878, 932, 1132 sowie die Zeile 1192, wo zwei Schüler besprechen, wie einer der Sprechenden im Film heißt).

2. Nicht für alle Schüler ist klar, welche Namen der handelnden Personen so wichtig sind, dass sie notiert werden müssen, und welche Namen als irrelevant betrachtet werden können. Sie scheinen auch Schwierigkeiten damit zu haben, zu entscheiden, was darüber hinaus ebenfalls zu notieren wichtig wäre (vgl. Z. 517-523, 588-617).

3. Zumindest einer der Schüler, Veit, scheint nicht zu verstehen, wer die im Film vorkommenden Personen bzw. Gruppen sind und in welchem Verhältnis sie zu einander stehen (vgl. Z. 381-383, 531-541).

4. Die Analyse der vorliegenden Interviews und Hefteinträge von fünf Schülern zeigt, dass Notizen als eine Inhaltsangabe verstanden werden, deren Funktion darin besteht, sich den Handlungsablauf der Filmszenen zu merken und sich später an ihn erinnern zu können (z. B. wenn dies von der Lehrerin oder in einem Test abgefragt wird, vgl. das Interview mit Bert, Z. 528-538 und 622; das Interview mit Claus, Z. 137-140 oder das Interview mit Falk, Z. 126-127). Nur zwei von diesen fünf Schülern haben ihre Notizen in zwei Spalten unterteilt, wobei bemerkenswert ist, dass Falk alle seine Notizen in die Spalte „Nationalsozialismus“ eingetragen hat, während Bert alles (außer einer Notiz) in die Spalte

„Freundschaft“ geschrieben hat. Zwei andere Schüler haben keine Unterteilung benutzt und ein weiterer hat seine Notizen in die Mitte zwischen zwei Spalten aufgeschrieben.

Die Schwierigkeiten, die die Schüler beim Notieren zeigen, liegen nicht nur auf der konzeptuellen Ebene (die Auseinandersetzung mit einem komplizierten Thema), sondern auch auf der praktischen Handlungsebene (die Kompetenz und Fertigkeit Notizen bzw. Zusammenfassungen anzufertigen). Was wir aufgrund der uns vorliegenden Aufnahme vermuten können, ist, dass das Notieren und Zusammenfassen für diese Schüler noch keine vertraute Praxis ist, die sie bereits geschickt beherrschen. Die Schüler sehen sich mit der Schwierigkeit konfrontiert, eine konkrete praktische Methode für das Notizen-Machen zu finden. Bei der Lösung der ihnen gestellten Aufgabe orientieren sich die Schüler weniger an der abstrakt formulierten Instruktion, die die Aufgabe spezifizieren sollte (die Verfolgung des Filminhalts entsprechend der zwei Schwerpunkte), sondern an den konkreten Hinweisen (etwa sich die Namen und die Reihenfolge der Handlungen von Protagonisten zu merken), die sie den Äußerungen der Lehrerin hier und jetzt

– während der Rekapitulierung der schon angesehenen Filmszenen und während der Pausen beim Anschauen – entnehmen können. Die Rekapitulierung des Inhaltes vor dem Filmanschauen wird als ein praktisches Schema für die Zusammenfassung während des Filmanschauens benutzt und vermittelt dem Notizen-Machen seinen praktischen Sinn: Bei einer späteren Rekapitulierung als Hilfsmittel für die Wiedergabe des Filminhalts zu dienen. Dies ist das, was die Schüler – zumindest in dieser Unterrichtsstunde – lernen, unabhängig davon, inwieweit dies mit dem didaktischen Ziel der Lehrerin übereinstimmt.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften