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3 Phasen der kapitalistischen Entwicklung

1. Keine auch noch so knappe Behandlung von Problemen der Kapitalismusanalyse kann auf die Thematisierung von Variationen des geschilderten Grundmusters verzichten. Als eine hervorstechende Eigenschaft kapitalistischer Systeme gilt ihre Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Umstände und ihre Flexibilität. Typisch für kapitalistische Systeme ist daher ihr permanenter Gestaltwandel, wenn die äußeren Umstände sich ändern oder wenn innere Ursachen eine Variation des Grundmusters erzwingen. Folgt man der Analyse in Kapitel 2, dann können solche Variationen an der Verteilung der Eigentumsrechte ansetzen, an Beschränkungen der Konkurrenz, an der Figur der Lohnarbeit und an der Geltung des Erwerbsprinzips. In der Literatur sind eine Vielzahl von zeitlichen und sachlichen Gliederungen der Gestalten des Kapitalismus vorgeschlagen worden.[1] Beispiele für einen auf der Eindämmung der ‚zügellosen' Konkurrenz beruhenden Gestaltwandel sind der Monopolkapitalismus vor dem Ersten Weltkrieg und der sozialpolitisch gezähmte Kapitalismus der Nachkriegszeit seit 1950. Die Einschränkung erfolgt im ersten Fall von innen, aus dem System selbst heraus, im zweiten Fall von außen, durch den Staat. Die Entstehung des korporativen Kapitalismus der Aktiengesellschaften basiert auf einer Neuverteilung von Eigentumsrechten, der Finanzmarktkapitalismus auf der Befreiung der Gewinnerzielung von der Verwendung von Lohnarbeit. Ich stelle im Folgenden die verschiedenen Klassifikationsvorschläge kurz vor, um auf dieser Basis ein Bild von der tatsächlichen Entwicklung einer kapitalistischen Wirtschafts- ordnung zu gewinnen.

2. Werner Sombart, der mit seinem Hauptwerk Der moderne Kapitalismus wohl wie kein anderer Autor zur Einbürgerung des Terminus ‚Kapitalismus' beigetragen hat (Marx kennt diesen Begriff nicht), unterscheidet zwischen den Epochen Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus (letzterer Begriff ist also keine Prägung der Frankfurter Kritischen Theorie). Diese Dreiteilung deckt seiner Ansicht nach die gesamte Geschichte des Kapitalismus ab. Im Frühkapitalismus werden all die institutionellen Neuerungen vorbereitet, die dann den Hochkapitalismus prägen. Die Phase des Frühkapitalismus datiert Sombart (1916, Bd. II.1, S. 14), von der Mitte des 15. Bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts, den Hochkapitalismus von ca. 1760 bis 1914. Danach beginnt die Phase des Spätkapitalismus.

Für die Zwecke dieses Überblicks ist Sombarts stichwortartige Charakterisierung des Spätkapitalismus besonders instruktiv, da sie ein Schlaglicht auf die Probleme wirft, mit denen der Kapitalismus der Gegenwart in seinen Ursprungsländern konfrontiert ist. Typisch für den Spätkapitalismus ist a) die „Durchsetzung der rein naturalistischen Daseinsweise des Kapitalismus mit normativen Ideen“ (Sombart 1927, S. XII), b) die „Entthronung des Gewinnstrebens als des allein bestimmenden Richtpunkts des wirtschaftlichen Verhaltens,“ c) das „Nachlassen der wirtschaftlichen Spannkraft“ (eine abnehmende Dynamik, J.B.), d) „das Aufhören der Sprunghaftigkeit in der Entwicklung,“, also die Glättung von Krisen und Konjunkturen, e) die „Ersetzung der freien Konkurrenz durch das Prinzip der Verständigung“(!!) und schließlich f) „die konstitutionelle Verfassung des Betriebs“. Leider hat Sombart diese Stichworte nicht weiter ausgeführt, sondern nur generell als Alterserscheinungen des Systems hingestellt. Auch wenn man sie nicht als Alterserscheinungen abtut, sind die Mitbestimmung und damit die Einschränkung von Privateigentumsrechten, die Kommunikation zwischen konkurrierenden Unternehmen etwa auf der Ebene der Produktentwickler, „rent seeking“ statt Konkurrenz, vor allem aber die allenthalben zu beobachtende „Durchsetzung des Kapitalismus mit normativen Ideen“ (z. B. „Geschlechtergerechtigkeit“) überaus aktuelle Gesichtspunkte für eine Analyse der Problemlagen des gegenwärtigen Kapitalismus.

3. Aus etwa der gleichen Zeit wie Sombarts Klassifikation stammt die Begriffsprägung „organisierter Kapitalismus“ von Rudolf Hilferding. Der Autor sieht die kapitalistische Produktionsweise im Übergang von einer anarchisch-kapitalistischen in eine organisiert-kapitalistische Wirtschaftsordnung begriffen. Der Bezugspunkt dieser Analyse ist die Anarchie der Konkurrenz als Quelle wirtschaftlicher Instabilität. Als Gegenmittel dient die Verbandsbildung. Sie nimmt zwei Formen an: Selbstorganisation des Kapitals und staatliche Intervention. „Anstelle des Sieges des Sozialismus“, so lautet ein Schlüsselsatz (Hilferding 1915, S. 322), „erscheint eine Gesellschaft […] herrschaftlich […] organisierter Wirtschaft möglich, an deren Spitze die vereinigten Mächte der kapitalistischen Monopole und des Staates stünden, unter denen die arbeitenden Massen in hierarchischer Gliederung als Beamte der Produktion tätig wären.“ Dem organisierten Kapitalismus gelinge es, die Anarchie der Konkurrenz durch staatliche Lenkung der Produktion und die Schließung von Märkten einzuschränken. Diese Reorganisation wehrt den ansonsten nach Hilferdings Meinung unvermeidlichen Übergang in den Sozialismus ab und sichert dem System zugleich seine Stabilität. Wenn nicht alles täuscht, ist eine Version des organisierten Kapitalismus nach dem Abschied vom Sozialismus als Reformziel offen oder insgeheim die wirtschaftspolitische Idealvorstellung sozialistischer Parteien.

Ein Problem von Hilferdings Klassifikation ist, dass graduelle Unterschiede (Monopolisierung sowie das Ausmaß der Staatseingriffe) für eine Epochengliederung herhalten müssen. Dieses Problem wird von einer ganz anders gelagerten und meines Erachtens wichtigeren Unterscheidung vermieden: ich meine die Unterscheidung zwischen dem ‚Eigentümer-Kapitalismus' und dem ‚korporativen Kapitalismus' der Aktiengesellschaften. Mit der Herausbildung von Aktiengesellschaften kommt es zu einem tief greifenden Strukturwandel, dessen Bedeutung kaum überschätzt werden kann. „Kapital“ bedeutet im alltäglichen Sprachgebrauch eine Darlehenssumme und ein „Kapitalist“ ist jemand, der sein Kapital durch Ausleihen verwertet.[2] Im korporativen Kapitalismus treten die Rollen von Kapitaleinsatz und Unternehmenslenkung auseinander. Zwei Rechte vor allem definieren das Eigentum: Das Residualrecht auf Kontrolle der Verwendung des Eigentums und das Residualrecht auf die Aneignung der Erträge (residual, weil ein Anspruch auf Erträge nur nach Erfüllung aller vertraglicher Pflichten besteht; Milgrom und Roberts 1992, S. 314 f.). Im Eigentümerkapitalismus lag das Kontrollrecht bei den Unternehmungsinhabern, im korporativen Kapitalismus liegt es bei angestellten Managern.[3] Die für diese Gestalt des Kapitalismus typische Trennung von Eigentum und Kontrolle ermöglicht nicht nur die Mobilisierung gewaltiger Kapitalsummen – die dem Kapitalismus der Unternehmungsinhaber verschlossen bleiben muss, da er nur auf sein eigenes bzw. das von ihm geliehene Kapital zurückgreifen kann – sie macht auch das System immuner gegen Kritik. Es wird fraglich, gegen welche Personengruppe sich die Kritik richtet: gegen die Darlehensgeber oder gegen die „fungierenden Kapitalisten“? Der Kapitalist (verstanden als die Produktion leitender Geschäftsinhaber), so hat schon Marx (1969 [1894], S. 454) bemerkt, „verschwindet als […] überflüssige Person aus dem Produktionsprozess“. Der „wirklich fungierende Kapitalist“ verwandelt sich in einen „bloßen Dirigenten, Verwalter fremden Kapitals“ und der Kapitaleigentümer in einen „bloßen Eigentümer, bloßen Geldkapitalisten“. Marx geht sogar so weit, in der Trennung von Eigentum und Kontrolle die „Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise selbst“ zu erblicken (ebd.). Wenn man es als konstitutiv für den Kapitalismus ansieht, dass die Inhaber der Produktionsmittel gleichzeitig die Leitung innehaben, dann ist diese Sicht auf den korporativen Kapitalismus durchaus schlüssig.

4. Maddison (1991) macht den Gestaltwandel des Kapitalismus nicht an der Unternehmensstruktur fest, sondern an unterschiedlichen Wirtschafts- und Handelspolitiken. Er unterscheidet vier Phasen der kapitalistischen Entwicklung: eine liberale Phase, die von 1870 bis 1913 dauerte, die „Beggar-Your-Neighbour“-Phase (1913–1950), das „Goldene Zeitalter“ (1950–1973) und eine Phase der „Cautious Objectives“, die sich von dem Ende des „Goldenen Zeitalters“ bis in die Gegenwart erstreckt. Die wichtigsten Konstruktionsprinzipien dieser Phasen sind die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik am Spannungsfeld von Beschäftigung und Preisstabilität einerseits und am Grad der Freiheit internationaler Faktorbewegungen (also dem Kern der sogenannten Globalisierung) andererseits. Die erste Phase ist durch völlige Bewegungsfreiheit des Kapitals und wirtschaftspolitische Irrelevanz des Beschäftigungsgrads charakterisiert, die zweite durch strikte Kontrolle von Kapitalbewegungen und die Konzentration auf Preisstabilität sogar unter Inkaufnahme von Massenarbeitslosigkeit; in der dritten gewinnt die Vollbeschäftigung Priorität und werden Schritt für Schritt die Kapitalverkehrskontrollen gelockert, während in der vierten schließlich das Schwergewicht auf Preisstabilität gelegt und die Bewegungsfreiheit des Kapitals (weniger der Arbeit) weiter ausgedehnt wird.

Auch wenn Änderungen der Wirtschaftspolitik eine wichtige Rolle spielen, gleichwohl ist fraglich, ob sich allein anhand solcher Änderungen der Gestaltwandel des Kapitalismus erfassen lässt. Bowles et al. (1990) kommen zu einer ganz ähnlichen Epochengliederung wie Maddison, aber begründen sie mit dem Konzept der „Sozialstruktur der Akkumulation“: „The social structure of accumulation is a concept that makes it possible to differentiate among different forms of capitalist society and different periods in the evolution of their economies“ (Bowles et al. 1990, S. 8). Die Nachkriegs-Sozialstruktur der Akkumulation beruhte auf vier Pfeilern: der pax americana (die weltweite Dominanz der amerikanischen Wirtschaft), der wenigstens partiellen Übereinstimmung von Kapital und Arbeit (‚Sozialpartnerschaft'), einem in Vollbeschäftigung und sozialer Sicherheit sich ausdrückenden Gleichklang von Kapital- und Bürgerinteressen und schließlich der Begrenzung der Rivalität zwischen den Unternehmen, also einer Beschränkung der freien Konkurrenz.

Das ist die Essenz des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus.[4] Folgt man den Autoren, dann war er auch und gerade in den USA das vorherrschende Modell. Ab Mitte der siebziger Jahre gerät diese Form des Kapitalismus jedoch in eine kritische Phase. Seitdem unterscheiden sich die kapitalistischen Hauptländer stärker als zuvor danach, welche Wachstumsstrategien sie auf der Suche nach einer „neuen Prosperitätskonstellation“ verfolgen.[5] Insofern variiert der Kapitalismus nicht nur in der historischen Abfolge von Epochen, er nimmt auch in der geographischen Verteilung über die Erde verschiedene Gestalt an.[6] Um diese geographische Variation zu erfassen, sind verschiedene Typologien entwickelt worden. Einige Prominenz haben die Typologien von Esping-Andersen (1990) einerseits sowie von Hall und Soskice (2001) andererseits erlangt. Esping-Andersen unterscheidet „drei Welten des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus“ nach dem Grad, in dem die Warenförmigkeit der Arbeitskraft aufgehoben ist, Hall und Soskice differenzieren zwischen „liberal market economies“ und „coordinated market economies“. Sie unterscheiden sich „by the extent to which firms rely on market mechanisms to coordinate their endeavours as opposed to forms of strategic interaction supported by non-market institutions“ (Hall und Soskice 2001, S. 33). Als Standardbeispiel für eine liberale Marktwirtschaft gelten die USA, für eine koordinierte Marktwirtschaft Deutschland. Wie aus den Analysen von Hall und Soskice hervorgeht, lässt sich zurzeit kein abschließendes Urteil darüber fällen, welche Form des Kapitalismus performativ der anderen Form überlegen ist. Beide Formen haben ihre Vor- und Nachteile.

5. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts monetäre Größen (Devisenhandel, Kredite, Handel mit Wertpapieren aller Art) wesentlich schneller gewachsen sind als reale Größen (die Produktion und der Handel mit Gütern und Diensten), gewinnen Behauptungen an Gewicht, dass der Finanzmarktkapitalismus die vorläufig letzte Stufe der kapitalistischen Entwicklung ist. In den USA z. B. wuchs der Anteil des Finanzsektors (u. a. Versicherungsgesellschaften, Banken, Kapitalanlagegesellschaften) am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2,8 % im Jahr 1950 auf 8,3 % (2006).[7] Aber nicht nur ist der Anteil der Finanzdienstleistungen Am BIP gewachsen (was ja für sich betrachtet nicht krisenhaft sein muss), sondern vor allem hat sich die Kreditvergabe weitgehend vom Wachstum auch einer breit definierten Geldmenge (Bargeld plus Sichteinlagen) befreit und wird zudem immer mehr durch Bankanleihen finanziert. Hierin liegt der entscheidende strukturelle Wandel des Finanzsektors nach dem Zweiten Weltkrieg im Vergleich zu den Gegebenheiten vor ihm (Schubarick und Taylor 2012).

Besonders das rasante Wachstum derivater Instrumente gilt vielen Beobachtern als Beleg für ein neues Stadium und dient gleichzeitig als Grundlage von Befürchtungen, dass die schöne Welt des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus der Nachkriegszeit gefährdet sei. Der Ausbruch der jüngsten Finanzkrise (2008) ist in der Tat das stärkste Anzeichen dafür, dass es mit der geordneten Welt des Nachkriegskapitalismus endgültig vorbei ist und der Kapitalismus seit etwa 1975 in eine neue Phase seiner Entwicklung eingetreten ist. [8] Als Kennzeichen für diese Entwicklungsstufe gelten die Abkopplung der monetären Seite der Ökonomie von ihrer realen Seite, das stark spekulative Element in allen Transaktionen und die weitgehende Befreiung von staatlicher Aufsicht und Regulierung. Im Zuge der Ausdehnung des Finanzsektors entsteht eine neue Schicht von „Eigentümern ohne Risiko“ (Windolf 2008). Charakteristisch für diese neue Schicht ist, dass sie im Unterschied zu den Unternehmern des Eigentümerkapitalismus nicht das Risiko ihrer Fehlentscheidungen trägt und anders als die Manager des korporativen Kapitalismus Einfluss auf alle strategischen Unternehmensentscheidungen nehmen kann. Zu dieser Schicht gehören vor allem das mit Geldgeschäften, dem Handel mit Aktien und Derivaten usw. betraute Personal von Banken, Hedgefonds, private equity-Gesellschaften, Versicherungen, sowie von Pensions- und Investmentfonds (vgl. Windolf 2005, S. 23).

Die Verfechter der Finanzmarktkapitalismus-These berufen sich darauf, dass der Finanzsektor mittlerweile zum tonangebenden Sektor der Wirtschaft geworden sei, dass die die „Realwirtschaft“ nach seinen Vorstellungen operieren müsse („shareholder value“) und dass er den Wirtschaftsstil präge. Befürchtet wird, dass die unkontrollierten Aktivitäten der Finanzwelt die „Realwirtschaft“ mit in den Strudel von Finanzkrisen ziehen könnten.[9] Die empirische Basis für Befürchtungen, dass der Finanzsektor hochgradig instabil sei, bildet die Zunahme von Finanzkrisen nach Schwere und nach Häufigkeit seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts.[10] Auch nach Meinung unaufgeregter Beobachter reicht die jüngste Finanzkrise nach ihrem Ausmaß und ihren Auswirkungen an die große Depression Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts heran.[11] Ihre unmittelbare Ursache liegt in dem unkontrollierten Wachstum von Krediten ohne ausreichende Kreditwürdigkeitsprüfung. Darin ähnelt sie früheren Finanzkrisen. „Financial crises througout modern history“, fassen Schubarick und Taylor (2012, S. 1057) zusammen, „can be viewed as credit booms gone wrong“. Der mit Abstand beste Prädiktor für eine heraufziehende Finanzkrise, so die Autoren, ist die Zunahme an Krediten. Statt lediglich die Geldmenge im Auge zu behalten, hätten die Zentralbanken besser daran getan, die Kreditvergabe zu kontrollieren.

Der steile Anstieg der Vergabe von Darlehen ohne ausreichende Kreditwürdigkeitsprüfung hat den gesamten Sektor einem nicht mehr überschaubaren Risiko ausgesetzt (mit gefährlichen Folgen für die Realwirtschaft). Die Frage ist, wie es dazu kommen konnte. Offensichtlich haben sowohl bankeninterne als bankenexterne Kontrollen versagt. Finanzkrisen entstehen typischerweise nach einer Phase der Liberalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte (Reinhart und Rogoff 2009). Im Rahmen der seinerzeit geltenden Regeln für das Vorhalten von Eigenkapital („Basel II“) vermochten Großbanken ihre Bilanzsummen auf das Vierzig-oder Fünfzigfache ihres Eigenkapitals aufzublähen. „Bei diesen Relationen“, schreibt Hellwig (2010, S. 23), „genügen relativ kleine Verluste, um die Bank insolvent werden zu lassen oder zumindest bei den Geldgebern…einen Verdacht der Insolvenz zu begründen und die Refinanzierung der Bank zu gefährden.“ Instabil sind nicht die Finanzmärkte – diese verhalten sich genauso wie von der Theorie unterstellt. Sie verarbeiten Informationen effizient und machen genau dadurch Kurse unvorhersagbar. Instabil sind die Akteure an den Finanzmärkten. Das probate Gegenmittel, dieser Instabilität abzuhelfen und damit die vom Finanzsektor ausgehenden Gefahren für die Gesamtwirtschaft einzudämmen, wäre eine drastische Erhöhung des Eigenkapitals auf wenigsten 30 % der Bilanzsumme (Admati und Hellwig 2013). Noch durchgreifender wäre eine radikale Neuordnung des Geldwesens, welche den Banken das Privileg, Geld in der Form von Buchgeld zu schaffen nimmt und das staatliche Vorrecht auf ausschließliche Geldschöpfung wiederherstellt. [12]

Vielleicht nur noch von historischem Interesse ist, dass Marx mit Finanzkrisen nicht nur Befürchtungen, sondern auch Hoffnungen verbunden hatte. Einerseits sah er im Kreditwesen die Bereicherung durch Ausbeutung fremder Arbeit „zum reinsten und kolossalsten Spiel- und Schwindelsystem“ gesteigert, andererseits verband er aber gerade damit die Hoffnung, es bilde die „Übergangsform zu einer neuen Produktionsweise“ (Marx 1969 [1894], S. 451). In den kritischen Analysen der Soziologie ist von dieser Hoffnung nichts übrig geblieben, die Anprangerung des „Spiel- und Schwindelsystems“ fällt dafür umso deutlicher aus.

  • [1] Ein Überblick über die Diskussion zu aktuellen Varianten des Kapitalismus findet sich bei Jackson und Deeg 2006
  • [2] So schon Passow (1927, S. 107)
  • [3] Grundlegend Berle und Means (1932); populär: Burnham (1951); gründlich die neuere Analyse von Milgrom und Roberts (1992). Vorbereitet werden die neuen Organisationsformen der Aktiengesellschaft und der GmbH durch die erst im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit geschaffene Rechtsfigur der juristischen Person
  • [4] Ausführlich Berger (1999), Kap. 5
  • [5] Zu diesem Konzept Lutz (1984)
  • [6] Ein guter Überblick findet sich in Amable (2003)
  • [7] Greenwood und Scharfstein (2013). Der Beitrag des Finanzsektors zum BIP wird gemessen am value added der in diesem Sektor erzielten Einkommen (Unternehmensgewinne plus Gehälter)
  • [8] Politik und Publizistik sehen die Finanzkrise aber eher nicht als Signum des Zeitenwandels, sondern als ein akzidentelles Ereignis an. Die mehr oder minder einhellige Meinung in Politik und Publizistik war, dass das unverantwortliche Handeln der Investmentbanken die Wirtschaft an den Rand des Abgrunds getrieben habe und dass nur das entschlossene und koordinierte Handeln von Zentralbanken und Regierungen die Wirtschaft vor dem Schlimmsten bewahrt habe. Für ein abschließendes Urteil ist es noch viel zu früh
  • [9] Wie die Ereignisse seit 2008 gezeigt haben, geht von Finanzkrisen eine erhebliche Bedrohung für die Realwirtschaft aus. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ein funktionierender Finanzsektor unabdingbar für eine prosperierende Wirtschaft ist. Das Problem ist nicht „finance“ sondern „whether there is ‚too much' finance“. Hierzu sehr instruktiv Philippon und Reshef (2013)
  • [10] Kindleberger und Aliber (2005), Kap. 1
  • [11] Vgl. nur Turner et al. (2010). Heute, fünf Jahre nach dem Ausbruch der Krise, fallen die Urteile wieder nüchterner aus. Besonders unter linken Intellektuellen grassierte die Auffassung, die letzten Tage des Kapitalismus seien angebrochen. Soweit die Verluste aus der Finanzkrise nur die Wertpapierbesitzer betreffen, sollten weder die Regierung noch die Medien in Panik verfallen. Was die Regierungen anbelangt, so ist das nur ein frommer Wunsch (und was die Medien anbelangt, ebenfalls). Regierungen sind bestrebt, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren und wollen unter allen Umständen vermeiden, dass ihnen die Krisenfolgen angelastet werden. Medien neigen zur Aufbauschung von Ereignissen
  • [12] Aktuell zu diesem mit dem Ökonomen Irving Fisher verbundenen Vorschlag Huber (2011). Auf die sog. Eurokrise gehe ich nicht ein, da sie keine Kapitalismuskrise, sondern die Krise des politischen Vorhabens ist, eine Währungsunion zwischen höchst disparaten Ländern ohne gleichzeitige Fiskalunion aus dem Boden zu stampfen. Dass die europäische Staatschuldenkrise (darum handelt es sich, und nicht um eine Krise des Euro), das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen kann, steht außer Frage
 
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