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5 Zukunftsperspektiven

Im kapitalistischen Zeitalter sind die Einkommen durchschnittlich in einem Ausmaß gestiegen, das niemand vorhersah und das vorherzusagen kühn gewesen wäre. Die Frage ist, ob diesem Zeitalter auch die Zukunft gehört. Die Antwort hierauf hängt vornehmlich von der Lösung zweier Probleme ab: werden kapitalistische Wirtschaften auch in Zukunft so verlässlich wachsen wie in der Vergangenheit und: gibt es plausible Alternativen zu dieser Organisationsform der Wirtschaft?

Die Antwort auf die erste Frage ist mit dem Faktum konfrontiert, dass die Wachstumsraten kapitalistischer Wirtschaften der entwickelten Länder des Westens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kontinuierlich abgesunken sind. Um nur zwei Länder, die USA und Deutschland herauszugreifen: Das reale Wirtschaftswachstum pro Kopf betrug in den USA im Zeitraum von 1970 bis 1980 2,35 %, von 1980 bis 2000 2,23 % und von 2000 bis 2010 nur noch 0,8 %. Die Zahlen für Deutschland: 1970 bis 1980 2,35 %, 1980 bis 1989 2,03 %, 1990–2000 im wiedervereinigten Deutschland 1,64 % und in der Dekade 2000–2010 1,05 % (United Nations Conference on Trade and Development, Internet). Maddison (2001) errechnet für den Zeitraum von 1950 bis 1973 ein reales pro Kopf Wachstum für die USA von 2,45 %, für Deutschland von 5,02 %.

Die Zahlen scheinen eine eindeutige Sprache zu sprechen. Bevor aber aus ihnen vorschnelle Schlüsse gezogen werden, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass das langfristige Wachstum der entwickeltsten Volkswirtschaft der Welt, der USA, pro Kopf nur 1,8 % betrug, also bestenfalls nur ein immer weiteres Abrücken von diesem Wert nach unten als Beleg für sich verdüsternde Wachstumsaussichten gelten kann. Weit wichtiger als die bloße Konstatierung der Fakten ist aber die Analyse der Ursachen des Wachstumsrückgangs. Das diesbezügliche Theorieangebot reicht vom tendenziellen Fall der Profitrate (Marx) über mangelnde Investitionsgelegenheiten (Hansen und Schumpeter) zum productivity slowdown (Krugman und viele andere) bis zur Überlastung des Sozialprodukts durch die steigenden Ansprüche von Interessengruppen (Olson). Diese Ansätze werfen Licht auf die denkbaren Ursachen einer nachlassenden kapitalistischen Dynamik.

Was aber würde aus der Tatsache versiegenden Wachstums und ihrer schlüssigen Erklärung folgen? Eigentlich doch nur, dass das Zeitalter des kapitalistischen Wachstums, das die letzten 250 Jahre geprägt hat, in einer absehbaren Zukunft, sagen wir in den nächsten 50 Jahren ausläuft, also nur eine begrenzte Periode der Weltgeschichte umspannt und auch nur umspannen kann. Diesen Schluss hat Gordon (2012) gezogen. Die entwickelten Länder zuerst, nach ihnen aber auch die Länder, die heute noch mit Wachstumsraten weite über denen der „reifen“ Länder des Westens wachsen, würden in eine Periode der Stagnation eintreten und damit nach der Überwindung der Armut ein Stadium erreichen, das von Keynes in den schönsten Farben gemalt worden ist: „For the first time since his creation man will be faced with his real, his permanent problem – how to use his freedom from pressing economic cares, how to occupy the leisure, which science and compound interest (!) will have won for him, to live wisely and agreeably as well“. Vorausgesetzt, an wesentlichen Parametern der Sozialstruktur ändert sich nichts (z. B. müsste die Erwerbsquote konstant bleiben) und es gäbe keine Konkurrenz zwischen den Ländern, könnte auf das vom technischen Fortschritt angetriebene Wachstum als probates Mittel der Lösung von Verteilungskonflikten tatsächlich verzichtet werden. Dann wird man dem Zeitalter des kapitalistischen Wachstums nachrufen können: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“.

Die „schöne neue Welt“ wäre eine Welt ohne Wachstumszwang. Dieser Zwang speist sich aktuell vornehmlich aus zwei Quellen: der Alterung der Bevölkerung und der Staatsverschuldung. Nur eine Gesellschaft mit wachsender Wirtschaft kann aus den Staatsschulden herauswachsen und das wachsende Herr der Rentner ohne Einbußen bei den Einkommen der Erwerbstätigen versorgen. Wie aber soll die Wirtschaft wachsen, wenn die Bevölkerung nicht mehr wächst und der technische Fortschritt sich verlangsamt? Das Bevölkerungswachstum ist ein äußerst wirksames Stimulans der kapitalistischen Wirtschaft, die wie keine andere dazu gemacht ist, eine wachsende Bevölkerung mit Konsumgütern von Fernsehern über Autos bis zu neuen Häusern zu versorgen. Das Grundproblem des technischen Fortschritts besteht darin, dass er sich nicht von selbst einstellt, sondern erzeugt werden muss durch Investitionen in Forschung und Entwicklung. Die zentrale Frage lautet hier, ob die wirklich großen, das Wachstum stimulierenden Erfindungen nicht alle schon gemacht sind.

Noch ein Wort zu den denkbaren Alternativen zur kapitalistischen Organisation der Wirtschaft. Die marxistische Tradition hat den Zusammenbruch des Kapitalismus und den Übergang in den Sozialismus vorhergesagt. Tatsächlich zusammengebrochen ist aber der Sozialismus, während die kapitalistische Organisationsform der Wirtschaft sich als erstaunlich stabil erwiesen hat. Das kommt nicht von un-gefähr. Sie garantiert zwar nicht Verteilungsgerechtigkeit, aber immerhin Effizienz des Mitteleinsatzes. Z. B. verfügt sie mit der Entlassungsdrohung über ein sehr einfaches und wirksames Instrument, die Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer zu sichern; der Sozialismus kann hier nur auf die „intrinsische Motivation“ der Mitglieder des Arbeitskollektivs bauen, also ihre Bereitschaft, persönliche Bedürfnisse (wenig anstrengende Arbeit) hinter betrieblichen Belangen zurückzustellen. Das ist eine brüchige Grundlage.[1]

Effizienzvorteile sprechen für die Durchsetzung und dauerhafte Dominanz der kapitalistischen Produktionsweise. Eine Organisation der Wirtschaft jenseits der Verwendung abhängiger Beschäftigung in rentabilitätsorientierten Unternehmen würde wahrscheinlicher, wenn an drei Stellschrauben des Systems gedreht werden könnte: dem Arbeitszwang, der „reellen Subsumption unter das Kapital“ (Marx) und der Lohnform als Remunerationsschema. Der Arbeitszwang fiele weg, wenn alle (erwachsenen) Staatsbürger ein existenzsicherndes Grundeinkommen erhielten, völlig gleich, ob sie beschäftigt sind oder nicht, sich in einer Notlage befinden oder sich selbst ernähren können. Van Parijs (1995) hat in der Gewährung eines solchen Grundeinkommen für Alle den direkten Übergang vom Kapitalismus in den Kommunismus (direkt, weil ohne Umweg über den Sozialismus) erblickt. In der Tat ist der Zugang zu Konsumgütern ohne die Bindung an vorangegangene Arbeitsleistungen ein Grundzug des Kommunismus. Gegen seine Einführung auf dem Wege der Etablierung eines ausreichend hohen Grundeinkommens sprechen nicht nur der Anstieg der Steuerbelastung und der (wohl zu erwartende) Rückgang der Arbeitsmotivation, beides mit der Folge, dass das Sozialprodukt, aus dem das Grundeinkommen doch finanziert werden soll, schrumpft, sondern vor allem die noch in Kraft befindliche Ethik der Arbeitsgesellschaft. Ihr widerspricht es, dass arbeitsfähige Personen am Sozialprodukt partizipieren, ohne zu seiner Erstellung etwas beizutragen.

Die Unterordnung unter das ‚Kommando des Kapitals' fiele in einer „laboristischen Ökonomie“, in der die Unternehmenslenkung bei den Beschäftigten selbst läge, weg. Die Grundzüge einer solchen Ökonomie hat Vogt (1986) entwickelt. In ihr tauschen die Arbeitnehmer weniger Lohn gegen mehr Herrschaftsfreiheit ein.[2] Der Vorschlag baut ganz und gar darauf auf, dass ein manifestes Interesse an „Herrschaftsfreiheit“ besteht. Aber „Selbstherrschaft“ kann ungleich anstrengender sein als das milde Diktat einer zeitlich, sachlich und sozial beschränkten Herrschaftsausübung.

Typisch für die kapitalistische Unternehmung ist schließlich die feste Entlohnung, ganz unabhängig davon, ob das Unternehmen floriert oder Bankrott zu gehen droht. Löhne sind Vertragseinkommen, Gewinne ein Residualeinkommen, das nur anfällt, nachdem alle vertraglichen Verpflichtungen erfüllt wurden. Weitzman (1987) hat ein Modell entwickelt, in dem die Arbeitnehmer zumindest partiell neben einem festen Grundlohn in Gewinnanteilen (falls Gewinne anfallen) entlohnt werden. In einem solchen Remunerationsschema wäre die für die kapitalistische Unternehmung typische Trennung zweier Einkommensarten: dem Kontrakteinkommen und dem Residualeinkommen, zumindest partiell beseitigt. Man kann mit Weber (1988, S. 60) darüber nachdenken, welche Chancen bestehen, das Prinzip privatwirtschaftlicher Rentabilität und des daraus folgenden unternehmerischen Zwangs zur Kostendegression durch „irgendeine Form gemeinwirtschaftlicher Solidarität“ zu ersetzen. Geplant werden kann der hierzu erforderliche Wertewandel jedenfalls nicht. Für den unternehmerischen Kapitalismus spricht, dass er besser als jedes andere System in der Lage ist, die Massen mit immer mehr und ständig neuen Konsumgütern zu versorgen. Insofern sieht alles danach aus, dass auf absehbare Zeit der kapitalistischen Organisationsform der Wirtschaft auch die Zukunft gehört.

  • [1] Zur Frage der Arbeitsmotivation unter kapitalistischen Vorzeichen Berger (1999), Kap. 3
  • [2] Ähnlich Meade (1976, S. 16 f.): „citizens could freely choose between high prosperity with low participation in the large-scale enterprises and low prosperity with high participation in the small-scale co-operatives.“
 
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