< Zurück   INHALT   Weiter >

Teil II

Der iZyklus – Apples Königreich entsteht

Hello, again: Die Wiedergeburt des Macs

Als Steve Jobs 1997 zu Apple zurückkehrte, nahm sein Schock zunächst kein Ende: Der angeschlagene Computerhersteller musste von Grund auf erneuert werden. John Sculley und seine glücklosen Nachfolger hatten sich in endlosen Produktlinien verzettelt. Gil Amelio, der vom Halbleiterhersteller National Semiconductor gekommen war, versuchte Apple mit einem höchst umstrittenen Kunstgriff nach dem Vorbild Microsofts zu retten, das durch den Verkauf von Windows zum wertvollsten Technologiekonzern der Welt aufgestiegen war. Drittanbieter wie die Motorola Computer Group erhielten eine Lizenz, selbst günstigere Macintosh-Computer zu produzieren, die auf Apples Betriebssystem basierten – Mac-Klone überschwemmten den Markt.

Steve Jobs war von der Verwässerung der Marke entsetzt und kassierte die Lizenzierungspolitik als eine der ersten Amtshandlungen als Interims-CEO wieder ein. Apple konnte nur als eigenständige, leuchtende Marke bestehen, wusste Jobs. Doch dem Computerpionier war eindeutig die Strahlkraft abhanden gekommen. Was Apple unbedingt für ein Comeback brauchte, war ein Bestseller und eine drastisch verschlankte Produktlinie. Jobs zeichnete im Meeting mit seinem Führungsteam ein Kreuz auf seine Präsentationstafel. Nur noch vier Felder sollte Apples Produktangebot umfassen: Einen Desktop-Mac für Einsteiger und einen für Profis sowie ein Laptop für Einsteiger und Profis – der Einfachheitsfanatiker Jobs hatte für klare Verhältnisse gesorgt.

Doch wie sollte der erste Macintosh aussehen, den Jobs seit dem bahnbrechenden Launch des Original-Macintosh von 1984 auf die Computerwelt loslassen würde? „Ein Computer ist für mich das bemerkenswerteste Werkzeug, das wir jemals erfunden haben. Er entspricht einem Fahrrad für unser Bewusstsein“, hatte Jobs Anfang der 90er-Jahre einst über die Kreation des ersten Macs gesagt. Für Jobs wie für Apple stand alles auf dem Spiel: Hatte der Gründer noch die alte Magie, konnte er sich und damit Apple noch einmal neu erfinden?

Aus heutiger Sicht, wenn viel über die Vorlaufzeit diskutiert wird, mit der Apple auf neue Trends reagiert – wie etwa in den Spekulationen um ein 5-ZolliPhone-Phablet, das wohl nicht vor der zweiten Jahreshälfte 2014 auf den Markt kommen dürfte –, erscheint es sensationell, was seinerzeit in wenigen Monaten gelungen war. Im Juli 1997 war Jobs zu Apple zurückgekehrt, im September wurde er Interims-CEO und rettete durch den Schulterschluss mit Microsoft Apples Geschäftigkeit, revitalisierte wenige Wochen später mit dem Start der Think different-Kampagne Apples Image, um in den folgenden Monaten in engster Zusammenarbeit mit Chefdesigner Jony Ive produktseitig am großen Comebackcoup zu feilen – der Kreation des iMac.

Schon im Mai nächsten Jahres war es so weit: In der historischen Kulisse des Flint Center Auditoriums, in dem im Januar 1984 der Macintosh enthüllt wurde, nahm Jobs nun einen neuen Anlauf, um Geschichte zu schreiben. „hello (again)“, begrüßte der neue Mac mit Reminiszenz an den alten Mac das Publikum in Anspielung auf die Schreibschrift, mit der der Kult-Macintosh sich 1984 der Welt präsentiert hatte. Doch er trug einen Kleinbuchstaben voran: ein „i“, das für individual, instruct, inform, inspire stand – vor allem jedoch auf ein aufkommendes, neues Medium – das Internet. „Heute stellen wir den iMac vor, der die Begeisterung des Internet mit der Einfachheit des Macintosh verbindet“, umriss Steve Jobs den USP des neuen Macs. „Auch wenn das ein vollwertiger Macintosh ist, zielen wir damit auf die Nutzung Nummer eins ab, die sich unsere Verbraucher wünschen: ins Internet zu gehen – einfach und schnell.“

Und das mit einem echten Hingucker. Der iMac verblüffte nicht nur in seinem Ansatz, sondern vor allem in seinem Design. Die jahrzehntelange Trennung zwischen Monitor und Desktop wurde aufgehoben: Der iMac kam als ein einziges Gerät daher. Und als was für eins! „Es sieht aus, als wäre es von einem anderen Planeten“, warb Jobs bei der Präsentation für seinen neuen großen Wurf.

Tatsächlich wirkte der iMac 1998 wie der Anbruch eines neuen Zeitalters. Der Rechner war der Monitor, in den die Hardware hineingebaut wurde. Doch im Gegensatz zu den unpersönlichen, bestenfalls neutral anmutenden Computern der Konkurrenz war der iMac einnehmend vom ersten Moment an. Die alte Apple-Maxime der unüberschätzbaren Bedeutung von Design entfaltete ihre ganze Wirkung.

„Im Wortschatz der meisten Menschen steht Design für das Äußerliche“, erklärte Jobs drei Jahre später gegenüber dem Fortune Magazine. „Es ist eine Inneneinrichtung. Es ist das Material der Vorhänge oder des Sofas. Aber für mich könnte nichts weiter entfernt von der Bedeutung von Design sein. Design ist die grundlegende Seele einer von Menschen gemachten Kreation, die am Ende in den äußeren Ebenen des Produktes oder Dienstes selbst zum Ausdruck kommt.“ Und wie sie im iMac zum Ausdruck kam: Apples aufstrebender Chefdesigner Jony Ive, der vor Jobs' Rückkehr 1997 schon fast frustriert gekündigt hatte, entwarf den iMac in halbdurchsichtigem Gehäuse mit blauer Beschichtung – in Bondi Blue, wie Steve Jobs spezifizierte. Im Folgejahr sollten Modelle in fünf weiteren Farben – Strawberry (Rosa), Blueberry (Blau), Lime (Tiefgrün), Grape (Violett) und Tangerine (Orange) – dazukommen. Auch die Peripheriegeräte Maus und Tastatur erhielten einen transluzenten Look, den Ive aus der Zusammenarbeit mit Süßwarenherstellern entwickelt hatte.

Doch da gab es noch mehr Originalitäten: Der iMac kam ungewöhnlicherweise ohne Diskettenlaufwerk, dafür aber sichtbar mit einem Tragegriff am oberen Ende des quaderförmigen Gehäuses daher. Die Botschaft war klar: Dieser Mac sollte mobil und für überall sein. „Seine primäre Funktion ist offensichtlich: Das Produkt leicht bewegen zu können“, erklärte Designchef Ive, „aber gleichzeitig stellt der Griff zu dem Nutzer eine unmittelbare Verbindung her.“ Der an sich bestenfalls als neutral empfundene Computer wurde emotional aufgeladen und so zum Teil der eigenen Lebenswirklichkeit.

„Er ist so cool“, begeisterte sich Steve Jobs während der Keynote. Verbraucher teilten Jobs Enthusiasmus: Der iMac, der zu einem für Apple ungewöhnlichen Preis von nur 1299 $ im August auf den Massenmarkt losgelassen wurde, entwickelte sich umgehend zum Verkaufsschlager. Binnen der ersten sechs Wochen gingen 278.000 iMacs über die Ladentische – bis Ende des Jahres waren es sogar mehr als 800.000 Stück. Apple kehrte in die Gewinnzone zurück. Binnen gerade mal einem Jahr hatte Jobs den Kultkonzern nicht nur gerettet – er hatte ihm wieder eine raison d'etre zurückgegeben.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >