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Teil III

Epische Schlachten auf dem Olymp

Steve Jobs' letztes Jahr: Eine holprige Übergangszeit

Wenn man in der Rückschau nach Hinweisen sucht, nach einem neuralgischen Punkt, an welcher Stelle Apples Königreich ins Wanken geriet, dann wird die Spur unweigerlich in jene Monate vor dem Ende von Steve Jobs fallen – in jenes verhängnisvolle 2011, als der Apple-Gründer den Kampf gegen den Krebs schließlich verlor.

„Ich habe bis zuletzt daran geglaubt, dass sich Steve erholen würde“, erzählte sein Nachfolger als Apple-CEO, Tim Cook, Ende 2012 im exklusiven Interview dem US-Sender NBC, „ganz einfach deshalb, weil Steve immer zurückkam. Aber irgendwann habe ich von einer intellektuellen Warte aus begriffen, dass es diesmal anders war.“

Bereits im Januar 2011 hatte Jobs eine Auszeit wegen gesundheitlicher Probleme verkündet. Es war schon seine dritte Zwangspause, und diesmal bezweifelten mehr Anhänger des Kultkonzerns denn je, dass der sichtlich angeschlagene Visionär noch einmal zurückkehren würde. Jobs übergab das Tagesgeschäft an seinen designierten Stellvertreter Tim Cook, der bereits zweimal, 2004 und 2009, interimsmäßig die Geschäfte übernommen hatte. Und auch diesmal sollte Jobs' Auszeit eigentlich nur vorübergehend sein. „Ich liebe Apple so sehr, und hoffe so schnell wie ich kann zurückzukommen“, schrieb der 56-Jährige in einer E-Mail an die Mitarbeiter.

Doch vor den Toren Cupertinos war das Knirschen der Rochade kaum zu überhören. Jobs, so schien es, wollte final sein Feld bestellen, bevor der Tag X kommen würde. Er wollte sein Vermächtnis machen und vor allem Apple in guten Händen wissen. So führte der schwer kranke Techvisionär den Löwenanteil der Interviews mit dem Biografen Walter Isaacson. Mit anderen Weggefährten begab sich Jobs auf eine regelrechte Abschiedstour – hier das Präsidentendinner von Barack Obama mit den Ikonen der Tech- und Internetbranche, dort letzte persönliche Erinnerungen mit Bill Gates, Larry Ellison oder Larry Page.

Jobs schonte sich nicht: Noch einmal stieg er im März 2011 kurz entschlossen auf die Bühne des Yerba Buena Centers in San Francisco und enthüllte das iPad 2. Im Juni trat er bei der WWDC ein letztes Mal zur Präsentation des neuen mobilen Betriebssystems iOS 6 mit brüchiger Stimme auf, überließ dabei aber Interims-CEO Tim Cook, Marketing-Chef Phil Schiller und dem aufstrebenden iOS-Chef Scott Forstall erstaunlich viel Raum auf der Bühne. Nur allzu schmerzlich wurde den Besuchern der Entwicklermesse WWDC bewusst, dass soeben im die Stabübergabe an die nächste Generation der Apple-Manager zelebriert wurde. Nur einen Tag später, am 7. Juni 2011, ließ es sich Jobs nicht nehmen, für den Entwurf des neuen Apple Campus persönlich beim Stadtrat von Cupertino vorstellig zu werden. Man sieht den erschütternd abgemagerten Apple-Gründer, schwach und nach Luft schnappend, ein letztes Mal zur großen Show ausholend: Jobs, der den Geist des Silicon Valley beschwört und davon erzählt, wie er von HP-Gründer Bill Hewlett seinen ersten Sommerjob erhielt – und Ersatzteile für den Bau an einem Computer. Es sollte sein letzter öffentlicher Auftritt werden. Ersatz anderer Art, das wurde im Sommer 2011 an der Infinite Loop 1 klar, würde nicht zu finden sein. Steve Jobs, so sehr sich der Aufsichtsrat seit Jahren auf den Tag vorbereitet hatte, war naturgemäß nicht zu ersetzen. Natürlich hatte Jobs und das Apple-Board für den Fall X einen Plan B in der Tasche, der vorsah, dass dem Interimschef Tim Cook offiziell das Amt übertragen werden soll, das er operativ längst innehatte, doch der Schwebezustand lähmte Apple.

Solange Jobs am Leben war, war er der uneingeschränkte Boss bei Apple. Dies war sein Unternehmen, er würde mitgestalten, solange es ging, buchstäblich bis zu seinem letzten Atemzug. Tim Cook beschreibt in einem Exklusivinterview mit der Businessweek Ende 2012, wie der Wechsel schließlich vollzogen wurde.

„Steve rief mich am Wochenende an und sagte: ‚Ich würde gerne mit Dir reden'“, erinnert sich Cook. Das war im Sommer 2011. Keine Frage, es würde um die Nachfolge als CEO von Apple gehen. „Wir hatten schon öfter darüber gesprochen, es war nicht das erste Mal, dass ich von dieser Möglichkeit gehört hatte. Im Sommer sprachen wir wieder darüber, allerdings zu einem Zeitpunkt, als ich den Eindruck hatte, dass es Steve besser ging, und ich denke, dass er auch diesen Eindruck hatte“, erinnert sich Cook.

„Ich möchte, dass es einen professionellen Managementwechsel gibt“, erklärte Jobs. „Das hatte es bei Apple noch nie gegeben, der letzte Vorstandschef wurde immer gefeuert, und dann kommt der Nachfolger von außen. Ich werde dem Vorstand vorschlagen, dass Du CEO wirst und ich Aufsichtsratschef“, so Cook Ende 2012.

Jobs wollte gestalten, solange es ging – nur eben in anderer Rolle. „Ich denke, dass Steve davon überzeugt war, noch eine lange, lange Zeit so zu arbeiten“, erklärte Cook, der am 24. August 2011 offiziell die Geschäfte bei Apple als neuer Vorstandschef übernahm. „Ich glaube, dass Apples strahlendsten und innovativsten Tage noch vor uns liegen“, gab sich Jobs in einem Offenen Brief bei Bekanntgabe seines Rücktritts hoffnungsvoll.

Doch dem ikonisch verehrten Apple-Gründer blieben nur noch ganze sechs Wochen in seiner neuen Rolle als Aufsichtsratschef. Steve Jobs starb am 5. Oktober 2011– einen Tag, nachdem Apple das Nachfolgemodell des Bestsellers iPhone 4 vorgestellt hatte.

 
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