Apple auf dem Tiefpunkt – die schlechteste Aktie der Welt

Die Analysten beerdigten Apples Erfolgsstory auf ihre ganz eigene Weise und passten ihre Kursziele drastisch an, was den Abwärtstrend nur noch weiter verstärkte. Apples Abstieg war zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden: Die Wall Street kürzte ihre Ergebnisschätzungen und das Kursziel drastisch zusammen – im Schnitt um atemberaubende 142 $ – und setzte die leckgeschlagene Apple-Aktie damit weiter unter Druck.

Binnen nicht mal eines halben Jahres war Apple in der Gegenwelt angekommen: Der wertvollste Konzern, der als sichere Wette auf das erste Billionen Dollar-Unternehmen der Welt galt, war binnen von nur fünf Monaten zum vergammelten Apfel verkommen, der vom Kern her stank. „Der König ist tot“, hielt der renommierte Hedgefondsmanager Doug Kass, der Apples Fall erstaunlich korrekt am Tag nach den Allzeithochs bei 700 $ im vergangenen September prognostiziert hatte, auf CNBC einen Nekrolog auf den Kultkonzern.

Erschüttenderweise hatte Apple den Abgesängen nichts entgegenzusetzen. Tim Cook hatte seine Munition komplett im Produktfeuerwerk des vierten Quartals verschossen und stand jetzt mit leeren Händen da. Stattdessen flatterten seltsam verzichtbare Pressemeldungen in die Mailboxen der Journalisten. „iTunes Store setzt neuen Rekord mit 25 Mrd. verkauften Songs“, war da zu lesen. Oder: „Apple aktualisiert iOS auf 6.1“. Es war das erste Mal seit 2010, dass dem iPhoneHersteller ein kleines Update seines mobilen Betriebssystems eine Pressemeldung wert war.

Apple hatte einfach nichts Neues zu bieten – ein März-Event, wie in den Jahren zuvor, als stets ein neues iPad präsentiert wurde, würde es nicht geben. In die Lücke stieß lediglich die Meldung einer Business-Variante der aktuellen vierten Generation des Tablet-Macs: „Apple erweitert iPad mit Retina Display auf 128 GB“, verkündete Cupertino. So klangen die traurigen, misslungenen Versuche jenes Erfolgskonzerns, der es über Jahrzehnte wie kein zweiter verstanden hatte, die Medienmaschinerie immer wieder neu zu verblüffen und für sich einzunehmen. Was für einen Unterschied ein Jahr machen konnte…

Das galt auch in anderer Hinsicht: Zwölf Monate war es schließlich her, als Apples schier mirakulöser Gipfelsturm an der Börse von 420 auf 644 $ in nicht mal zehn Wochen begonnen hatte. Nun erlebten Aktionäre die Kehrseite der Medaille – und einen Apple-Chef, der weiter tatenlos zusah, wie die Apple-Aktie an der Wall Street immer tiefer heruntergeprügelt wurde.

Auf der turnusmäßigen „Technology and Internet Conference“ von Goldman Sachs im Februar kam Cook zwar im feinen Sakko – so offiziell, wie man Steve Jobs in seinen 15 Jahren nicht gesehen hatte –, aber mit leeren Taschen. Für seine Aktionäre hatte der 52-jährige MBA-Absolvent nur die üblichen WarmhaltePhrasen parat. Man habe die „besten Produkte der Welt“ anzubieten und man arbeite „wirklich hart“ daran, künftig noch bessere auf den Markt zu bringen, erklärte der Apple-Chef dem Goldman-Analysten Bill Shope. Es sei jeden Tag eine solche Freude, mit den überaus motivierten Apple-Mitarbeitern zu arbeiten. Und wenn Cook mal einen schlechten Tag habe, besuche er einfach einen Apple Store und schon verbessere sich seine Laune schlagartig. „Das ist so, als würde ich Prozac nehmen“, erklärte Cook scherzend.

Doch Aktionären blieb das Lachen im Halse stecken. Die Apple-Aktie, die vorher in der Hoffnung auf neue Impulse zumindest wieder für einen Moment auf 485 $ – und damit über die Januar-Tiefs vor den Quartalszahlen gestiegen war –, beflügelte der Wohlfühl-Auftritt nicht. Im Gegenteil: Anteilsscheine von Apple setzten zu einem beispiellosen Sinkflug von sieben verlustreichen Tagen in Folge an. Das Papier hatte sich vollends vom seit Jahresbeginn vorherrschenden Aufwärtstrend abgekoppelt und war zum totalen Rohrkrepierer verkommen.

Cook war die Personifizierung des Niedergangs: Immer wenn der Apple-Chef sprach, ging es deutlich herunter: „Ist Tim Cook inzwischen zur Belastung geworden?“ sprach der renommierte Wirtschaftsjournalist Rocco Pendola vom Finanzportal TheStreet.com das aus, was viele Anleger bereits in Börsenforen oder in den sozialen Medien bei Twitter und Facebook formuliert hatten.

Die Statistik sprach eine deutliche Sprache: Die Apple-Aktie notierte von Mitte Februar bis Anfang März an 14 von 16 Handelstagen im Minus. Hatte die Aktie im März 2012 erstmals die Schallmauer von 600 $ durchbrochen, nahm sie zwölf Monate später gar wieder Kurs auf die 400-Dollarmarke. Bei nur noch 420 $ war das Papier Anfang März auf neuen Jahrestiefs angekommen: Nach nur zwei Monaten im neuen Börsenjahr hatte Apple bereits 21 % an Wert verloren. Seit dem epochalen Allzeithoch im September vergangenen Jahres hatten sich die erdrutschartigen Verluste gar auf 40 % summiert. Apple war mit Abstand zur schlechtesten Aktie im Technologie-Index Nasdaq 100 verkommen.

Der jahrelange Börsenüberflieger hatte sich für Aktionäre in Kursgift verwandelt: Während die neue Generation von Technologie-Unternehmen wie Facebook, Amazon oder selbst Google ihren Anteilseignern Wertsteigerungen von über 50 % auf Jahressicht beschert hatten, gewann Apples Börsenabsturz weiter an Dramatik und Dynamik.

Dabei war der atemberaubende Ausverkauf fundamental nicht zu erklären. Überraschenderweise war Apple trotz seines noch immer hohen Börsenwerts von 400 Mrd. $ eine der günstigsten Aktien auf dem Planeten. Tatsächlich gab es in der Technologiebranche kein zweites Unternehmen, das so billig war wie Apple: Die maßgebliche Kennziffer der fundamentalen Börsenbewertung, das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), der seit den Tagen von Benjamin Graham und Warren Buffett verlässlichste Indikator für die Bewertung einer Aktie, war bei Kursen unter 440 $ unter einen Wert von 10 zurückgefallen.

Historisch betrachtet war das extrem günstig: Der marktbreite S&P 500, der die 500 größten börsengelisteten Aktiengesellschaften der USA umfasst, kam durchschnittlich auf einen Wert von 14. Anfang 2013 ließ der Risikoappetit der Anleger den Wert sogar auf 17 anschwellen. Bei Apple indes herrschte Skepsis pur vor: Selbst aus der Mode gekommene Tech-Schwergewichte wie Cisco, Dell oder Intel, die in den 90er-Jahren ihre große Zeit hatten und meist nur noch einstellig oder gar nicht mehr wuchsen, wurden mit Multiplen zwischen 10 und 13 gehandelt – der langjährige Rivale Microsoft kam sogar auf 15.

Das Börsenparadoxon war komplett: Das lange Zeit wertvollste Unternehmen der Welt, das bis vor wenigen Quartalen noch Gewinnzuwächse von über 100 % verbucht hatte und nach dem Börsenwert immer noch alle Listen anführte, war über Nacht zur schlechtesten und billigsten Aktie der US-Technologiebranche verkommen.

 
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