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Die Macht der kreativen Zerstörung

Steve Jobs hatte immer schon das Gespür für drastische Worte. „Der Tod ist wohl die mit Abstand beste Erfindung des Lebens“, erklärte er 2005 in seiner wohl meistbeachteten Rede vor Absolventen der US-Eliteuniversität Standord. „Er ist der Katalysator des Wandels. Er räumt das Alte weg, damit Platz für Neues geschaffen wird. Jetzt sind Sie das Neue. Doch eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft werden Sie das Alte sein und aus dem Weg geräumt werden.“

Nicht anders geht es im Lebenszyklus der Wirtschaft zu, die einem ständigen Selbsterneuerungsprozess unterworfen ist. Karl Marx, maßgeblich aber Josef Schumpeter prägten dafür den Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ als „das für den Kapitalismus wesentliche Faktum. Darin besteht der Kapitalismus und darin muss auch jedes kapitalistische Gebilde leben“, schrieb Schumpeter bereits 1942 in seinem epochemachenden Standardwerk Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Für wohl keine andere Branche in der modernen Wirtschaftswelt gilt Schumpeters These, die sich im Englischen als creative destruction einbürgte, wohl so sehr wie für die schnelllebige Hightechindustrie. Der Markt ist allem Anschein nach der am meisten umkämpfte der Welt – in keiner Branche wechseln sich die Entwicklungsschübe so schnell ab. Das gilt in besonderem Maße für den extrem dynamischen Mobilfunksektor. Wer einen Trend verpasst, gerät schnell aus dem Tritt, rutscht in die Verlustzone ab und muss oft ums Überleben kämpfen.

Der finnische Handy-Pionier Nokia etwa, der vor einem Jahrzehnt noch die Branche scheinbar nach Belieben dominiert hatte, verpasste den Sprung in die Smartphone-Ära und war erst von Blackberry, dann von Apples iPhone brutal abgehängt und von Android-Smartphones dann an die Grenze der Relevanz zurückgedrängt worden. Die langjährige Führung machte den Weg für den Microsoft-Manager Stephen Elop frei, der seinen Kampf mit der Löschaktion einer brennenden Ölplattform verglich. Nokia verlor 2012 Milliarden und kämpfte buchstäblich ums Überleben. Bei Kursen um zeitweise 1,30 € hatte der einst wertvollste Konzern Europas bis zu 98 % seines früheren Marktwerts verloren und wurde mit gerade mal 5 Milliarden Euro bewertet. Im September wurde Nokias Handysparte schließlich für etwa diese Summe an Microsoft verkauft. So hart konnten Marktführer abstürzen, die den Trend verschliefen.

Beim kanadischen Smartphone-Pionier Blackberry, der lange als Research in Motion fi t hatte, glich das Bild fatal dem von Nokia. Auch die Kanadier aus Waterloo erlebten einen drastischen Absturz sondergleichen: Das Papier taumelte von 148 $ auf Kurse von 6 $ – ein Wertverlust von in der Spitze 96 %, ehe in beiden Fällen die Restrukturierungsmaßnahmen der neuen CEOs mit neuen Modellen erste Früchte trugen. „Nokia ist wie RIM im totalen Zusammenbruch begriff und wird sich nie wieder erholen“, glaubt etwa der Hedgefondsmanager Whitney Tilson. Gerade mal 4,7 Milliarden Dollar bot die kanadische Investorengruppe Fairfax Financial noch Ende September für eine Übernahme Blackberrys. Ausgang: off Könnte Apple ein ähnliches Schicksal drohen? „Jeder, der glaubt, Apple wird die Welt für immer beherrschen, sollte sich dies Bild anschauen“, legte Henry Blodget vom Business Insider den Finger in die Wunde. Zu sehen war beim Blogkonglomerat eine Abbildung des PDP-8 der Digital Equipment Corporation aus dem Jahre 1965. Der PDP-8 war der erste kommerziell erfolgreiche Mini-Computer, der seinerzeit für 18.000 $ auf den Markt kam und die Größe eines Kühlschranks besaß. Die Digital Equipment Corporation erlebte zwei Jahrzehnte des Booms und stieg in den 80er-Jahren gar zum nach IBM zweitumsatzstärksten ComputerHersteller der Welt auf. Doch Mitte der 80er-Jahre riss die Erfolgsserie, als ein gänzlich neuer Computer mit grafischer Oberfläche auf den Markt kam und sich plötzlich anschickte, die Wohnzimmer zu erobern. „Niemand wird sich zu Hause einen Computer zu Hause hinstellen“, höhnte Unternehmensgründer Ken Olsen. Ein solcher Computer war der Macintosh, der buchstäblich alles verändern sollte – für Apple, aber auch für die Digital Equipment Corporation, die bald ihre besten Tage hinter sich haben sollte und 1998 von Compaq gekauft wurde. Compaq seinerseits wurde 2002 von Hewlett-Packard geschluckt, das sich ein Jahrzehnt später selbst in der existenziellsten Krise seines fast 75-jährigen Bestehens befinden sollte.

„Die Lehre der Geschichte?“ folgerte Henry Blodget: „Technologie verändert sich schnell. Der heutige Marktbeherrscher ist oft die Digital Equipment Corporation von morgen. Unternehmen, die einen Innovationszyklus anführen, bestimmen selten den nächsten.“ Aber war Apples Zyklus tatsächlich schon zu Ende?

 
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