Ein Sturz ins Bodenlose: Vom Saulus zum Paulus der Wall Street

Im Rückblick sieht das Investment in Apple aus wie eine Einbahnstraße zum sicheren Reichtum. Wie logisch erscheint aus heutiger Sicht der märchenhafte Aufstieg dank iPod, iPhone und iPad. Und doch: Wie schwer war es gleichwohl, den Einstieg in eine Aktie, die höher und höher schoss, ohne sich umzudrehen, nicht zu verpassen. „Im Unterschied zur Straßenbahn wird an der Börse zum Ein- und Aussteigen nicht geklingelt“, wusste schon der Berliner Bankier Carl Fürstenberg im 19. Jahrhundert zu berichten.

Tatsächlich war es nie einfach, Apple-Aktionär zu sein – die Aktie ist ein hoch emotionales Investment, a battleground stock, wie es amerikanische Finanzmedien so treffend beschreiben. Das liegt bereits im Faszinosum, das Apple ausmacht: Schon die Marke ist emotional aufgeladen und wird von Fanboys frenetisch verteidigt wie von Kritikern scharf attackiert. Apple war immer eine Glaubensfrage – auch an der Börse. Wer das nicht glaubt, sollte sich einmal die Mühe machen, die Kommentare zu kritischen Apple-Artikeln in Finanzmedien zu verfolgen: Selten wurden Gefechte intensiver geführt als hier.

Entsprechend waren auch die Ausschläge an der Börse bei Apple immer etwas extremer. So auch, als es plötzlich vom Gipfel wieder bergab ging. Erneut sah es scheinbar nach irrationaler Übertreibung aus – wie sooft an der Börse. „Die Märkte können länger irrational bleiben als man solvent ist“, hatte Weltökonom John Maynard Keynes das Wesen der Börse einst so treffend auf den Punkt gebracht.

So mag es auch manchen Apple-Aktionären ergangen sein, die den gesamten Ritt der Aktie seit September mitgemacht hatten. Einen jähen Absturz von fast 50 % hatte im September 2012 schließlich niemand kommen sehen. Es gab viele prominente Fanboys unter den Analysten, die im Kursverfall ihr Waterloo erlebten. Praktisch die gesamte Wall Street befand sich im Spätsommer auf dem epochalen Hoch bei 700 $ auf der falschen Seite des Trades. „Die Apple-Aktie geht höher. Viel höher. Bis auf 1000 $ vor 2015“, legte sich etwa Cody Willard fest, der früher einen Hedgefonds verwaltete und heute seine Tech-Investments in einem Börsenbrief dokumentiert. „Es ist wieder Zeit, Apple zu kaufen“, erklärte Willard

auf dem Finanzportal Marketwatch.com zu Kursen um 630 $.

Er war nicht der Einzige, der sich damit die Finger verbrannte. Andere Apple-Befürworter traf es noch härter. Der unabhängige Hedgefondsmanager Andy Zaky, der sich in der Investmentcommunity seit 2008 mit vielen genauen Apple-Analysen einen Namen gemacht und 2011 seinen kostenpflichtigen Börsendienst Bullish Cross etabliert hatte, reagierte im Abschwung vorschnell und gab eine Kaufempfehlung zu 630 $ heraus.

„Die Geschichte lehrt, dass der beste Zeitpunkt, um Apple zu kaufen, der ist, wenn die Stimmung um die Aktie einen extrem negativen Höhepunkt erreicht“, schrieb Zaky am 10. Oktober, als der Abschwung kaum richtig begonnen hatte. Kurse zwischen 650 bis 630 $ wären eine „großartige Kaufgelegenheit“, Kurse unter 630 gar „eine außergewöhnliche Kaufgelegenheit. Wir glauben aber nicht, dass Apple ein Niveau unter 615 $ erreicht“, erklärte Zaky. Vielmehr würde es bald wieder steil nach oben gehen: „Die Aktie nimmt Kurs auf 1000 $. Es ist Zeit, Apple zu kaufen“, riet Zaky seinen Lesern und auch Kunden. Eine verhängnisvolle Empfehlung, wie sich herausstellen sollte: Nur zwei Wochen später durchbrach die Aktie die 600-Dollarmarke und beschleunigte ihren dramatischen Ausverkauf.

Doch auch die großen Namen der Wall Street wurden von Apples Absturz schwer auf dem falschen Fuß erwischt. Staranalyst Gene Munster von Piper Jaffray, der sich in den vergangenen Jahren als lautstärkster Befürworter der Aktie einen Namen in der Investmentszene gemacht hatte, korrigierte seine Kursziele 2013 binnen vier Monaten gleich viermal nach unten.

Nachdem sich Banken jahrelang im Volkssport der immer höheren Kursziele überboten hatten, kamen sie nun in der Anpassung an neue Realitäten kaum mehr hinterher und befeuerten damit selbst den immer stärkeren Sinkflug. Als der Trend kippte, verwandelte sich der jahrelange Segen der vermeintlich beständigen Zugewinne in einen regelrechten Fluch.

Nach der alten Lebensweisheit des französischen Philosophen und Schriftstellers La Bruyére – „Alles ist möglich. Auch das Gegenteil von allem“ – nahm das Albtraum-Szenario seinen Lauf. Worstcase-Szenarien wurden immer wieder unterboten: Nachdem die 600-Dollarmarke gefallen war, folgte schnell der Sturz auf die 550 $, die ebenfalls nicht hielt. Nächste Haltestelle wenige Wochen später: 500 $ Mitte November.

Doch selbst diese psychologisch wichtige Marke fiel kurz vor den Quartalszahlen im Januar, so wie selbst die 400-Dollarmarke kurz vor den März-Quartalszahlen nach unten durchbrochen wurde. Die Kursstürze folgten auffällig nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung: Nach drei Jahren rasanter Kurszuwächse hatten Anleger extrem viel zu verlieren und sicherten, was noch zu sichern war – raus, raus, raus.

Es gibt kaum bessere Beispiele als den drastischen Kursverfall der Apple-Aktie binnen jener sieben Monate von Ende September 2012 bis Ende April 2013, die das Wesen der Börse besser versinnbildlichen. „Die Börse schwankt zwischen Gier und Angst“, hatte der ungarische Börsenaltmeister André Kostolany das ewige Wechselspiel zwischen Auf und Ab einst beschrieben: „Der Angst, alles zu verlieren, und der Gier, noch mehr Geld zu machen.“

Binnen einem halben Jahr hatte sich die größtmögliche Euphorie in komplette Weltuntergangsstimmung verwandelt. Apple war zum Sinnbild des fallenden Messers geworden, in das man sprichwörtlich besser nicht hineingreifen sollte. Wie eine Internetaktie im Frühjahr 2000 wurde Apple immer tiefer durchgereicht. Panik und Kapitulation wurden als bodenbildende Maßnahmen beschrieben.

Selbst die größten Befürworter vergangener Tage schienen den Glauben verloren zu haben und äußerten sich nun zunehmend skeptisch: „Ich bin bezüglich Tim Cooks Führung nicht mehr so zuversichtlich“, klagte selbst Cody Willard wenige Tage vor Bekanntgabe der März-Quartalszahlen, als die Aktie gerade unter 400 $ gefallen war – derselbe Willard, der noch rund 200 $ höher nachgekauft hatte und immer wieder das Kursziel von 1000 $ verkündet hatte. Am Ende hatte der brutale Kurssturz von 705 auf 385 $ so ziemlich jeden Apple-Aktionär im Mark erschüttert.

 
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