Das große Missverständnis: Apples problematische Beziehung zur Wall Street

Man stelle sich vor, das Imperium bricht zusammen – und der Kaiser sieht zu. So fassungslos standen Aktionäre vor dem Kurseinbruch, der binnen eines halben Jahres die furiosen Zugewinne des ganzen Börsenjahres 2012 schluckte und Apple bei 385 $ tatsächlich auf Niveaus von Mitte 2011 stürzen ließ.

Zwar hatte Apple in der weltweiten Finanzkrise im Zuge der Lehman-Pleite 2008/09 mit 60 % noch massiver verloren als 2012/2013, doch dieser Kurssturz hatte eine andere Qualität, zumal keine externen Faktoren dafür verantwortlich zu machen waren. Dieser Börsenabsturz war eindeutig hausgemacht: Während Apple-Aktionäre im Frühjahr 2013 ihre Wunden leckten, feierte der Rest der Börsenwelt eine einzige, rauschhafte Party – Dow Jones und Dax notierten auf Allzeithochs. Google sprang von Rekordhoch zu Rekordhoch und war auf dem besten Weg, die 1000-Dollarmarke ins Visier zu nehmen, die es schließlich im Oktober knacken sollte, während Apple kaum die Kraft für die 500-Dollarmarke zu haben schien – dabei hatten beide Aktien ein Jahr zuvor bei 630 $ noch gleichauf notiert.

Das Ausmaß von Apples Wertvernichtung war historisch: Mit dem Einbruch von 705 auf 385 $ in nicht mal sieben Monaten hatte Konzernchef Tim Cook 300 Mrd. $ Börsenwert eliminiert – und damit sogar den Uraltnegativrekord von Steve Ballmer zu seinem Amtsantritt bei Microsoft im ersten Halbjahr 2000 überboten.

Cupertino brannte, doch Tim Cook schwieg und presste bestenfalls im Februar bei Goldman Sachs die Floskel heraus, der Absturz sei „sehr schmerzhaft“, die er einige Monate später auf der Analystenkonferenz wiederholte. Wie schmerzhaft könnte er wirklich sein, wenn die Aktienoptionen erst 2016 bzw. 2021 fällig wären?

„Tim Cook muss etwas mehr tun, als nur zur Arbeit zu kommen und das Flugzeug in der Luft halten. Steve Jobs hätte längst ein neues Flugzeug entworfen und designt. Tim aber scheint glücklich, die Aussicht zu genießen“, formulierte selbst der langjährige Apple-Bulle Cody Willard unverhohlen Kritik.

Dabei hätten Anleger gewarnt sein müssen: Auch wenn es lange Zeit nach Rekordwertsteigerungen von 10.000 % und mehr so aussah, als sei Apple das vermeintlich anlegerfreundlichste, renditeorientierteste Unternehmen mit dem vermeintlich besten Shareholdervalue, ist doch bei näherer Betrachtung das ziemliche Gegenteil der Fall.

Apple war nie ein Wall Street-Darling. Tatsächlich war die Apple-Aktie immer ein problematisches Investment, selbst als die Kurse schier in den Himmel zu schießen schienen. „Apple lässt immer Geld auf dem Tisch liegen“, erklärte Fortune-Reporter Adam Lashinsky in seinem Bestseller Apple Inside. Der Ausblick am Ende eines Quartals auf das nächste fiel unter Steve Jobs notorisch so konservativ aus, dass die Guidance immer zum Teil die beeindruckende Bilanz überschattete.

Das blieb nicht ohne Wirkung. Selbst zu Zeiten des absoluten Hyperwachstums, als Apples Gewinne um mehr als 100 % explodierten, notierte die Bewertung unter dem Marktdurchschnitt oder unter Shareholdervalue-Favoriten wie Procter & Gamble, L'Oreal, die mit KGVs von 20 gehandelt wurden, obwohl sie nur einstellig wuchsen – von Google, das mit Multiplen von mehr als 25 gehandelt wurde, ganz zu schweigen. Selbst auf dem Allzeithoch bei 705 $ bewilligten Anleger für Apple gerade mal ein marktkonformes KGV von 16.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass Apple nie einen Hehl daraus machte, dass dem Kultunternehmen aus dem Silicon Valley die Profitfixierung der Wall Street seit jeher ziemlich egal war. Steve Jobs betonte etwa auf der „D8“-Konferenz im Interview mit der Techreporter-Ikone Walt Mossberg im Mai 2010 genüsslich, dass die Leute nicht mehr Apple-Produkte kaufen würden, weil Apple nun vor Microsoft der wertvollste Technologiekonzern der Welt wäre.

Auch beim „Antennagate“ wenige Monate später reagierte Jobs achselzuckend gegenüber Aktionären: „Es tut mir nicht leid für die Leute, die kurzfristig Geld verloren haben“, kommentierte Jobs den kurzfristigen Kursrückgang an der Börse. Kaum anders hatte der Apple-Chef zwei Jahre zuvor den weitaus deutlicheren Absturz von 200 auf 118 $ kommentiert.

„Ich glaube, wir waren ziemlich gut zu unseren Aktionären im vergangenen Jahrzehnt“, gab Steve Jobs seinerzeit dem CNBC-Moderator Jim Goldman im Juni 2008 mit auf den Weg und fügte leicht ironisch hinzu: „Vielleicht wissen wir also, was wir tun“. Und für den New Yorker Finanzdistrikt hatte der AppleGründer noch eine besondere Botschaft parat: „Uh, wissen Sie, Wall Street: Ich war nie in der Lage die Wall Street zu verstehen.“

Am Sterbebett bekräftigte der frühere Buddhist noch einmal seine Absage an die Renditeorientierung der Kapitalmärkte: „Meine Leidenschaft bestand darin, eine überdauernde Firma aufzubauen, in der die Leute motiviert waren, großartige Produkte herzustellen. Alles andere war zweitrangig“, beschreibt Steve Jobs auf den letzten Seiten der Biografie von Walter Isaascson sein Vermächtnis. „Sicher, es war toll, dass wir Profit machten, denn es erlaubte mir, großartige Produkte herzustellen. Doch meine Motivation waren die Produkte, nicht der Profit.“

Deutlicher kann man seine Unternehmensphilosophie kaum formulieren. Vielleicht sollten sich Anleger darüber vorher klar werden, wenn sie in gründergeführte Technologie-Unternehmen investieren – auch Mark Zuckerberg führt Facebook nach ganz ähnlichen Grundsätzen. („Wir stellen keine Produkte her, um Geld zu machen. Wir machen Geld, um Produkte herzustellen.“) Die Erwartungen an ein Technologieoder Internetunternehmen können nie dieselben sein wie an Procter & Gamble, Coca-Cola oder ExxonMobil, die in weniger zyklischen Branchen agieren.

Ob es mit diesem Selbstverständnis, das an eine Stiftung erinnert, Sinn macht, ein Unternehmen an die Kapitalmärkte zu führen oder es dort zu belassen, ist eine andere, fast philosophische Frage. Fest steht: Apple braucht das Geld der Börse nicht. Vor 33 Jahren, als das Start-up schnell wachsen wollte und dafür Kapital benötigte, war das anders.

Der frühere Rivale Dell etwa hat vorgemacht, dass der Computerhersteller nicht mehr gewillt ist, sich dem Dauerdiktat der Kapitalmärkte zu unterwerfen und stattdessen ein Delisting angestrebt. Dass dies langfristig ein Modell für Apple sein könnte, erscheint angesichts von Barmitteln in Höhe von 150 Mrd. $, die zeitweise 40 % des Unternehmenswertes ausmachten, nicht komplett abwegig. Zumindest sorgt Apple in Zukunft schon mal dafür, gleich 15 % seiner Anteile von freien Aktionären zurückzukaufen, wie Tim Cook überraschend Ende April ankündigte.

 
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