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2.4 Hybridität und Postmoderne: Natur und Gesellschaft

Hybride lassen sich grundsätzlich als Mischwesen bezeichnen (Latour 1998). In den

Rassentheorien des neunzehnten Jahrhunderts wurde der Begriff des Hybriden für die menschlichen Sprösslinge verschiedener Rassen verwendet: Die wissenschaftliche Thematisierung der Differenzen zwischen verschiedenen Rassen brachte das Urteil mit sich, dass die Menschheit in verschiedene Spezies eingeteilt sei: Es gab nicht die eine gemeinsame menschliche Rasse, sondern eine Vielfalt menschlicher Spezies (Aydin 2003: 7). Im Zuge der Entwicklung postmoderner Perspektiven wurde der Begriff des Hybriden aus seinen ursprünglichen Konnotationen mit Biologismus, Rassismus, Organismus, Essentialismus (Aydin 2003: 9) gelöst und der sozialwissenschaftlichen Analyse verfügbar gemacht. Die Postmoderne ist konstitutiv mit einer Sensibilisierung für Differenzen und gleichzeitig einer wachsenden Skepsis gegenüber den (normativen) Vorstellungen von Einheitlichkeit, Widerspruchslosigkeit und Kohärenzen verbunden (Hoesterey 2001, Eickelpasch/Rademacher 2004): Hybridität hat keine derartige Perspektive von Tiefe oder Wahrheit zu bieten: sie ist kein dritter Begriff, der die Spannung zwischen zwei Kulturen oder die beiden Szenen des Buches in einem dialektischen Spiel der Erkenntnis auflöst (Bhabha 2000: 168). Dabei wird die Identitätslogik der Moderne durch eine Logik der Differenz abgelöst, die eine Vielzahl an Zuständen akzeptiert und einen spielerischen Umgang mit Interpretationen pflegt: Die eine [Interpretation; Anm. O. K.] träumt davon, eine Wahrheit und einen Ursprung zu entziffern, die dem Spiel und der Ordnung des Zeichens entzogen sind, und erlebt die Notwendigkeit der Interpretation gleich einem Exil. Die andere, die dem Ursprung nicht länger zugewandt bleibt, bejaht das Spiel und will über den Menschen und den Humanismus hinausgelangen, weil Mensch der Name des Wesens ist, das die Geschichte der Metaphysik und der Ontotheologie hindurch, das heißt im Ganzen seiner Geschichte, die volle Präsenz, den versicherten Grund, den Ursprung und das Ende des Spiels geträumt hat (Derrida 1990: 138).Gerade Menschen, die auf eine persönliche Migrationsgeschichte zurückblicken, sind (häufig, sofern sie sich nicht in Enklaven organisieren) von kultureller Hybridität geprägt. Sie mussten den Traum oder die Ambition aufgeben, irgendeine

verlorene kulturelle Reinheit, einen ethnischen Absolutismus, wiederentdecken zu können. Sie sind unwiderruflich Übersetzer (Hall 1994b: 218; Hervorh. i. O.).

Neben den dichotomen Trennungen innerhalb des Gesellschaftlichen erweist sich auch die dichotome Trennung von Natur von Gesellschaftlichem/Kulturellem als unhaltbar. Sie lässt sich als ein Konstrukt modernistischen Denkens bezeichnen, das den Konstruktionsprozess, der diese Bereiche erst definiert und hervorbringt, zugleich verdunkelt (Peuker/Voss 2006: 13). Das Problem der dichotomen Konstruktion von Welt (hier von Natur und Gesellschaft) lässt sich mit Passoth (2006: 46) folgendermaßen charakterisieren: Diese moderne Welt, wie sie die Verfassung der modernen Welt beschreibt, hat es so nie wirklich gegeben. Tief unter den sauber getrennten Bereichen brodeln immer die Hybride. Die hybriden Doppelzuordnungen (z. B. des Menschen als natürliches und soziales Wesen) werden (normativ) systematisch ausgeblendet oder getrennt (Latour 1998, vgl. auch Zierhofer 1999 und 2003). Die modernistische Trennung von Natur und Sozialem ist das Ergebnis bestimmter Erkenntnispraktiken (Zierhofer 2003: 199): Natur und Kultur liegen der Erkenntnis nicht voraus, sondern umgekehrt, bestimmte Praktiken gehen der Unterscheidung von Natur und Kultur voran (Zierhofer 2003: 1999). Damit wird deutlich, dass das Soziale kein sinnvoll abgegrenzter Bereich der Wirklichkeit ist, sondern ein Prinzip der Verbindung, Verknüpfung und Beziehung (Groß 2006b: 173). Auch Natur ist demnach kein eindeutig definierbarer Bereich von Welt: Sie ist immer definiert, domestiziert und zugerichtet (Köstlin 2001: 7; vgl. auch Mellemgaard 2001, Bonsdorff 2005).

Ein zentrales Beispiel für die Hybridität von Natur und Gesellschaft lässt sich in anthropogenen Umweltveränderungen finden (Latour 1998). Die Veränderungen der Natur lassen sich demnach als natürlich im Sinne der Unabhängigkeit vom Menschen, aber auch als sozial beschreiben, da sie vom Menschen hervorgebracht wurden, zudem sind sie nicht nur gleichzeitig natürlich und sozial, sondern auch diskursiv (Peuker 2006: 75). Natur wird stets vom Menschen beeinflusst, ihre Konstruktion durch soziale Diskurse bestimmt. Gesellschaftliches Leben basiert auf natürlichen Grundlagen (auch den metabolischen des menschlichen Körpers), soziales Handeln wird vielfach durch Artefakte auf natürlichen Grundlagen (z. B. Holz) symbolisch vermittelt. Letztlich ist jede soziale Leistung des Menschen auf seine Natur zurückzuführen (Böhme 1992 und 1999; vgl. auch Zierhofer 2003). Darüber hinaus können wir Objekte nicht mehr als feststehende Gegenstände vor unserer Erfahrung auffassen, sondern nur noch als Gegenstände, die erst durch unsere Interaktionen konstituiert werden (Zierhofer 2003: 210).

Die Akzeptanz der Hybridität von Natur und Gesellschaft lässt ein großes Projekt der Moderne unmöglich erscheinen: die Beherrschung der Natur. Diese Akzeptanz bedeutet, dass mit der Hybridisierung des Verhältnisses von Gesellschaft und Natur zu einem Melting-Pot die gesellschaftlichen Naturverhältnisse nicht im Vorhinein definiert sind,

sondern sie müssen aktiv und variabel gestaltet werden (Pelfini 2006: 160). Dies bedeutet auch, dass die Grenzziehung der Moderne mit ihren systemischen Deutungshoheiten erlöschen, wodurch die Institutionen ihre eigenen Grenzen und Dimensionen (Pelfini 2006: 161) erweitert sehen und Konsensbildung nun system- und bereichsübergreifende Vermittlungs- und Artikulationsfähigkeiten (Pelfini 2006: 161) erfordert. Die für die Durchsetzung von Macht zentralen Prinzipien der Generierung und Absicherung von Definitionshoheiten über die Hierarchie von ethischen und ästhetischen Bewertungsprinzipien (Bourdieu 2004) werden milieuspezifisch differenziert. Die Akzeptanz der Hybridisierung von Natur und Gesellschaft bedeutet darüber hinaus auch die Entgrenzung von in der Moderne isoliert gedachten Experimenten und ihren physischen Einschreibungen. So laufen für Latour (2004: 186) die Mauern des Laboratoriums nun um den ganzen Planeten herum, Häuser, Fabriken, Äcker sind zu Zweigstellen der Laboratorien geworden. Die Konsequenzen einer solchen Akzeptanz von Hybriden sind hinsichtlich der Gestaltung experimenteller Designs (in den Gesellschaft-Natur-Hybriden) weitreichend: Hierzu gehört (1) das beständige Neuverhandeln des Ablaufs des Experimentes zwischen heterogenen Akteuren, inkl. der Natur als Akteur, (2), die Einbeziehung von potenziell allen Bürgern als aktive Mitgestalter und Mitforscher, sowie

(3) ein Verfahren in dem überraschende Ereignisse (empfunden als natürlich oder als sozial) so verarbeitet werden, damit sie zu neuem Wissen über natürliche oder soziale Phänomene führen, das in Zukunft nützlich ist (Groß 2006b: 174175).

 
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