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3.5.3 Die individuell aktualisierte gesellschaftliche Landschaft

Die individuell aktualisierte gesellschaftliche Landschaft wird durch die persönliche Rekonstruktion auf Grundlage gesellschaftlicher Vorstellungen von Landschaft gebildet. Sie lässt sich als Teil der Welt 2 im Sinne Poppers (1973) umreißen, also der Welt der individuellen Wahrnehmung und des Bewusstseins. Einerseits ist die individuell aktualisierte Landschaft durch individuelle Deutungsmuster, ästhetische Präferenzen, Gefühle und Wissensbestände geprägt (etwa im Sinne des individuellen Wissensvorrates von Berger/Luckmann 1970), andererseits transzendieren in ihr die sozialen Wissensbestände und Erwartungen im Sinne der gesellschaftlichen Landschaft. Die gesellschaftliche Landschaft schließlich enthält die sozialen Codes von Landschaft und ist damit die Basis der individuellen Ausprägung des Landschaftsbezugs der individuell aktualisierten gesellschaftlichen Landschaft (vgl. Certeau 1988). Physische und virtuelle Objekte werden in der ihnen sozialbestimmten Anordnung beobachtet und die ihnen zugeschriebenen Symbolgehalte werden unter Nutzung inkorporierter gesellschaftlicher Interpretationsmuster (siehe Bourdieu 1974, Schelske 2005) individuell interpretiert und einer ästhetischen Wertung zugeführt (siehe auch Duncan 1973, Appleyard 1979, Duncan/Duncan 2004)[1]. Die individuell aktualisierte gesellschaftliche Landschaft kann dabei als in fünf Dimensionen gegliedert verstanden werden (vgl. Costonis 1982, Turner 1996, Wagner 1997, Ipsen 2002, Peil/Sooväli 2005, Kühne 2006a und 2008a):

1. In ihrer symbolischen Dimension werden einzelnen physischen Objekten oder ganzen angeeigneten physischen Landschaften sozialpräformiert individuell Bedeutungen zugeschrieben, die unabhängig von ihrer physischen Struktur und unmittelbaren (insbesondere ökonomischen) Inwertsetzung sind.

2. In ihrer ästhetischen Dimension wird angeeignete physische Landschaft insbesondere nach dem Schema schön/hässlich bezüglich der wahrgenommenen Objekte und Symbole und in der Zusammenschau individuell konstituiert.

3. In ihrer kognitiven Dimension werden mehr oder minder differenzierte Kenntnisse über Landschaft (in ihren unterschiedlichen Dimensionen) individuell bereitgehalten.

4. In ihrer emotionalen Dimension wirkt angeeignete physische Landschaft als Projektionsfläche von Gefühlen (wie Heimatgefühl oder Fernweh), die insbesondere an Raumsymbole geknüpft sind (vgl. auch Costonis 1982, Peil/Sooväli 2005, Peil 2007, Paasi 2008, Kühne/Spellerberg 2010).

5. In ihrer normativen Dimension wird angeeignete physische Landschaft anhand der Differenz eines wahrgenommenen gesellschaftlich präformierten Ist- und eines SollZustandes individuell konstruiert (vgl. auch Henderson 2003, Schein 2003)[2].

Der Konstitutionsvorgang von individuell aktualisierter gesellschaftlicher Landschaft vollzieht sich durch ein Verfahren der Mustererkennung physischer Objekte und ihrer symbolischen Verknüpfung vor dem Hintergrund der individuellen Kenntnisse gesellschaftlicher Landschaft mit dem Ergebnis einer synthetisierenden Bezeichnung[3]. Da diese sozial präformierte individuelle Konstruktion als Wirklichkeit verstanden wird und keiner Überprüfung unterzogen wird, wirkt sie individuell wie sozial stabilisierend und konservierend (Ipsen 2006). Die fünf oben genannten Dimensionen gesellschaftlicher Landschaft gehen in unterschiedlicher Gewichtung in die Synthese ein: Bei der Synthese schöne Landschaft überwiegt die ästhetische Dimension der Bewertung (wobei auch die zumeist affirmative emotionale Komponente wie auch die weitgehende Kongruenz der Konstruktion von Ist- und Soll-Zustand von Bedeutung sind), während die kognitive Dimension eine untergeordnete Rolle spielt. Bei der Synthese

Heimatlandschaft wiederum dominiert die emotionale Dimension; bei der Synthese

Stadtlandschaft hingegen überwiegt die kognitive Dimension, Kenntnisse über Stadtentwicklungstheorien, Stadtgestalt und Landschaftsentwicklung dominieren hier die emotionale Dimension. Für die Konstruktion von Landschaft sind die ästhetische Dimension und die Kenntnisse der landschaftlichen Codes (symbolische Dimension) von konstitutiver Bedeutung, so dass die Konstruktion einer individuell aktualisierten gesellschaftlichen Landschaft unter Ausschluss dieser beiden Dimensionen lediglich als Raum, nicht als Landschaft möglich erscheint.

  • [1] In der Terminologie von Gombrich (1960) ließe sich die angeeignete physische Landschaft in die Ebene des phänomenalen Bildgehaltes (als Image), also den aus der gesellschaftlichen bzw. der individuell aktualisierten gesellschaftlichen Landschaft erfolgenden Zuschreibungen, und die Ebene der Objekte (als Tableau), also jenen physischen und virtuellen Objekten, die aus der Gesamtheit der Objekte des physischen Raumes zur Konstruktion von Landschaft selektiert werden, einordnen.
  • [2] Diese Differenzkonstruktion bezieht sich auf einzelne Objekte und Symbole, aber auch hinsichtlich der Synthese von Objekten und Symbolen zu Landschaft. Bei der Konstruktion von Soll-Zuständen von angeeigneten physischen Landschaften wird insbesondere auf kollektive Vorstellungen von (schöner oder erhabener) Landschaft zurückgegriffen, wie sie beispielsweise in den Panoramen der Landschaft lerei und literarischen Landschaftsbefassung, in Werbung, Film und Fernsehen, aber auch Schul-, Kinder- und Jugendbüchern angelegt sind (Hartmann 1982, Franke 2008, Kühne 2008a).
  • [3] Beispielsweise kann eine solche Bezeichnung als schöne Landschaft , als hässliche Landschaft , alsStadtlandschaft möglich sein oder es wird eine zu geringe Schnittmenge zwischen den wahrgenommenen Objekten und den Deutungsmustern zu Landschaft gefunden und eine Bezeichnung des Wahrgenommenen als Landschaft abgelehnt, wie es bei der Synthese Stadtlandschaft durchaus möglich ist. Schließlich persistiert das im Mittelalter angelegte Deutungsmuster der Trennung von Stadt und Landschaft noch sehr häufig.
 
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