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5.4.3 Die exzentrische Zentralisierung und die Dezentrierung: Edge-Cities und Edgeless Cities

In den Vereinigten Staaten von Amerika lassen sich drei teilweise parallele große Wellen der Suburbanisierung nachweisen (Müller/Rohr-Zänker 2001; vgl. auch Calthrope/Fulton 2001, Nicolaides 2001, Hardinghaus 2004):

1. Die erste Phase der Suburbanisierung (etwa ab den 1920er Jahren) war durch die Verlagerung großer Industriebetriebe aus den engen und von Arbeiterunruhen bedrohten Innenstädten im industrialisierten Nordosten und mittleren Westen gekennzeichnet. Dadurch entstanden die ersten industriellen Satellitenstädte wie Gary, Flint, Pullman bei Chicago, East St. Louis oder Wanwatose bei Milwaukee. Die Entfernung zu den Kernstädten wurde dabei so gewählt, dass ein tägliches Pendeln der Arbeiter von der Kernstadt zum Arbeitsort schwer möglich war. Durch steuerliche Begünstigung des Eigenheimbaus, die frühe Massenmotorisierung, den extensiven Straßenbau, sowie den spekulativen Eigenheimbau und dessen Standardisierung wurde die Suburbanisierung der weißen Mittelschicht zur Massenbewegung, die durch die Unruhen insbesondere schwarzer Bevölkerungsteile in den Kernstädten weiter verstärkt wurde.

2. Die zweite Welle der Suburbanisierung lässt sich durch die Ansiedlung wirtschaftlicher Aktivitäten in der Nähe der suburbanen Wohnsiedlungen charakterisieren (seit etwa den 1940er Jahren). Die Standortgunst hierfür ergab sich aus der günstigen Verkehrsanbindung, den niedrigen Bodenpreisen sowie dem Vorhandensein qualifizierter Arbeitskräfte. Entlang der axialen Ausfallstraßen entstanden neben Einkaufszentren auch Industrie- und Gewerbeparks, die so genannten Commercial Strips. Die suburbanen Wohngebiete blieben jedoch weiterhin durch geringe Baudichten und Monofunktionalisierung geprägt.

3. Die dritte Welle der Suburbanisierung ist durch die seit den 1970er Jahren stattfindende Konzentration der Investitionen des sekundären und tertiären Wirtschaftssektors in die suburbanen Räume gekennzeichnet. Vorreiter dieser Dezentralisierung der Investitionen waren die südlichen und westlichen Bundesstaaten. In den 1980er Jahren übertraf hier die Zahl der Arbeitsplätze jene der Kernstädte. Dabei siedelten sich die Betriebe nicht in disperser Streuung in den suburbanen Räumen an, sondern in gewerblichen Zentren besonderer Lagegunst.

Die dritte Welle der Suburbanisierung stellt eine Überleitung zu aktuellen Entwicklungstendenzen der Edge-City-Bildung dar: Als Edge-Cities lassen sich große, multifunktionale Zentren beschrieben, deren zentralörtliche Ausstattung jenen eigenständiger Städte hinsichtlich ihres Angebotes an Arbeitsplätzen, Wohn-, Freizeit- und Einkaufsinfrastruktur vergleichbar ist, die jedoch über keinen eigenständigen politischen Rechtsstatus verfügen. Dabei grenzt Garreau (1991: 29) die Edge-Cities gegenüber den klassischen suburbanen Räumen strikt aufgrund ihres eigenständigen Charakters, ohne Unterordnung unter ein höherrangiges Innenstadtzentrum ab: Edge Cities sind keine suburbanen Siedlungen, sie sind kein sub von irgendetwas. Die neue Qualität der Edge-Cities gegenüber den klassischen Wohnsiedlungen des suburbanen Raumes ist ihre tertiärwirtschaftliche Bedeutung. Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung von EdgeCities ist ihre hohe Transformativität. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sie sich von unbesiedelter Fläche oder suburbanem Raum entwickelt. Von der Bevölkerung wird die Edge-City jedoch als geschlossener Ort wahrgenommen. Die Standorte im suburbanen Raum werden selbständiger und beginnen, sich wirtschaftlich zu spezialisieren und funktional zu ergänzen (Müller/Rohr-Zänker 2001: 29; vgl. auch Graham/Marvin 1996, Hayden 2004a, Teaford 2007)[1]. Edge-Cities stellen zum einen hohe Ansprüche an den Standort und sind zum anderen auf Agglomerationsvorteile angewiesen. Standortbedingungen (neben grundsätzlichen naturräumlichen Gegebenheiten) sind vor allem eine gute Verkehrsanbindung hinsichtlich des Individualverkehrs und die Verfügbarkeit großer bebaubarer Flächen. Sie entstehen häufig in der Nähe von Autobahnkreuzen bzw. anderen Verkehrskreuzungspunkten und benötigen zudem eine gute überregionale Verkehrsanbindung (insbesondere Flughäfen; Hartwig 2000). Dabei geraten EdgeCities der ersten Generation zunehmend unter Konkurrenzdruck neuerer Edge-Cities, die im zweiten Verdichtungsring liegen. Den Edge-Cities der ersten Generation bleibt letztlich eine ähnliche Entwicklungsstrategie wie den Kernstädten: Erzeugung von Urbanität und architektonischer Qualität. Damit sind Masterplan-gesteuerte Edge-Cities bzw. Siedlungen des New Urbanism (wie Teilen von Irvine, Kalifornien, oder Celebration, Florida) im Entwicklungsvorteil gegenüber ungeplant gewachsenen suburbanen Edge-Cities (siehe Müller/Rohr-Zänker 2001, Teaford 2007).

Das Wachstum von Edge-Cities rührt dabei nicht vorrangig von Betrieben, die aufgrund ihrer Flächenanforderungen in den Kernstädten keinen Platz fanden oder aufgrund ihrer geringen Wertschöpfung die hohen Mieten in den Städten nicht bezahlen konnten. Vielmehr finden sich in Edge-Cities vor allem Wachstumsbranchen wie Unterhaltungsindustrie, neue Medien- und Kommunikationstechnologien, produktionsnahe Dienstleistungen, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen sowie Produktionsbetriebe des High-Tech-Bereichs (Müller/Rohr-Zänker 2001: 27). Dabei weisen viele Edge-Cities Eigenschaften auf, die bis vor wenigen Jahren noch als Inbegriff der Urbanität galten (Müller/Rohr-Zänker 2001: 27): Konzentration und Vielfalt von Arbeitsplätzen, Einkaufszentren, die auch die Bedürfnisse anspruchsvollster Kunden bedienen, hochwertige Infrastruktureinrichtungen, Unterhaltungs- und Kulturangebote, Hotels und Restaurants.

Mit der Entwicklung der Edge-Cities hat die Peripherie der Verdichtungsräume neben ihrer politischen auch zunehmende ökonomische Selbstständigkeit gewonnen (Müller/Rohr-Zänker 2001: 27). Diese ökonomische Selbständigkeit drückt sich auch in der Marginalisierung der Downtowns hinsichtlich der Einzelhandelsaktivitäten, die mittlerweile eher zur Deckung des Bedarfs der in den Kernstädten ansässigen Bevölkerung dienen, denn eine darüber hinausgreifende zentralörtliche Funktion haben (Hartshorn 1992). In Ko-Evolution hat sich hier ein Prozess vollzogen, der in globalem Maßstab durch die Ausbreitung moderner und postmoderner Lebensstile, die Trennung zwischen Zentrum und Peripherie, genauer gesagt zwischen der modernen (oder entwickelten) und der vormodernen (oder unterentwickelten, rückständigen) Lebensweise, mehr und mehr [aufgelöst hat] (Bauman 2008: 82). Ein wesentlicher Faktor in der Entwicklung dieses neuen Stadttypus liegt in den Nutzungsmöglichkeiten elektronischer Kommunikation begründet (Kotkin 2000): Anstatt auf den Versand von Papier und Waren angewiesen zu sein, können Informationen elektronisch distribuiert und zur Steuerung von Prozessen, die an anderen Orten ablaufen, verwendet werden. Dies ermöglicht eine neue Spezialisierung von Siedlungen, die auch mit massiven Gentrifizierungstendenzen in bestehenden Siedlungen in Konkurrenz zu Edge-Cities verbunden sein kann (Kotkin 2000, Teaford 2007).

Gegenwärtig haben Lang/Sanchez/Oner (2009) in Weiterentwicklung von Lang (2003) eine Dekonzentration von Büroflächen sowohl außerhalb von CBDs (Central Business Districts), als auch außerhalb von Edge-Cities anhand der Büroflächenverteilung in 13 US-amerikanischen Agglomerationen festgestellt und einen Siedlungstyp, den sie als Edgeless Cities beschreiben, herausgestellt. Edgeless Cities finden sich Lang/ Sanchez/Oner (2009: 727) zufolge in vielerlei Formen, Größen und Dichten, sie finden sich in entsprechend vielfältigen Anordnungen. Ihnen fehlen klar definiere Grenzen oder Ränder und sie bedecken große Flächen von bis zu mehreren hundert Quadratkilometern. Gemein ist ihnen, dass ihnen zumeist wenig Identität zugeschrieben wird und sie nicht als ein Ort wahrgenommen werden (Lang/Sanchez/Oner 2009: 732). Zwar handelt es sich funktional noch um Städte, der Form nach sind sie als solche kaum zu erkennen (Gerhard 2006).

  • [1] So sind für Garreau (1991) eine Mindestbüroflächenausstattung von 460 000 Quadratmetern und eine Einzelhandelsflächenausstattung von mindestens 55 750 Quadratmetern als definitorisches Merkmal für eine Edge-City maßgebend. Edge Cities weisen eine deutliche Dominanz der Wirtschaft gegenüber der Wohnfunktion und somit einen erheblichen Einpendlerüberschuss auf. Wird diese Charakterisierung zugrunde gelegt, existierten zur Jahrtausendwende in den Vereinigten Staaten von Amerika rund 200 Edge-Cities, etwa das Vierfache im Vergleich zu alten Stadtzentren (Soja 2000, Teaford 2007).
 
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