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5.7 Ästhetik, Macht und Distinktion in den angeeigneten physischen Stadtlandhybriden der Vereinigten Staaten

Standlandhybride symbolisieren neben den historischen Anlagen die zunehmende postmoderne Individualisierung, schließlich erfordern das Wohnen und alle anderen Nutzungen [] in den neuen Stadtlandschaften einen hohen Grad an Eigeninitiative und Selbstorganisation (Hauser/Kamleithner 2006: 113; vgl. hierzu auch Pred/Watts 1992). Im Suburbium gilt es, das weitgehende Fehlen öffentlicher und anderer kollektiver Einrichtungen und Ausstattungen in der unmittelbaren Umgebung (Hauser/ Kamleithner 2006: 113) durch die Nutzung des beweglichen Gehäuses der Privatsphäre (Auto) als Symbol der Möglichkeit des In-Kontakt-Tretens mit der Welt (Jackson 1990) zu kompensieren. Das Auto wird zum zentralen Kommunikationsmittel. Der Stadtlandhybrid wird zum Symbol und Leitbild einer auf individuelle Lebenschancen rekurrierenden Gesellschaft, die sich in der WASP-Kultur ausgeprägt hat und zumeist mit einer Marginalisierung der Nicht-WASPs mit entsprechendem Anpassungsdruck verbunden ist. Dieser Anpassungsdruck lässt sich in den Worten Zygmunt Baumanns (1993, 1997 und 1999) als Hoffnung charakterisieren, von Vagabunden zu Touristen zu werden. Dabei sind die gegenwärtigen Stadtlandhybride der Vereinigten Staaten auch das Ergebnis einer Wachstumsmaschine, von der Grundbesitzer (durch Verkauf von Flächen) ebenso profitieren wie Banken (aufgrund der Vergabe von Krediten), Immobilienmakler, Immobilienentwickler und Lokalpolitiker (schließlich sind die kommunalen Finanzen in den Vereinigten Staaten in hohem Maße von Grundsteuern abhängig; Molotch 1976, Harlander 2009). Diese Wachstumsmaschinerie ist mit sich immer stärker ausweitenden Wohnraumansprüchen (erzeugt bzw. verifiziert durch Zeitschriften, Fernsehserien u. a.) rückgekoppelt (vgl. Richmond 2009). Durch die weite Verbreitung des American Grid wird die Suburbanisierung zudem erleichtert: Flurgrenzen bilden (sofern nicht bereits für landwirtschaftliche Zwecke geschehen) vorgefasste Linien zur verkehrsmäßigen Erschließung der Flächen, die weitgehende Eigentumsarrondierung bietet die Möglichkeit, Flächen blockhaft zu erschließen, die Verringerung der Reizkomplexität von angeeigneter physischer Landschaft (durch eine geringe Zahl an Elementtypen (wie Wiesen, Straßen, Eisenbahnen u. a.) bei Verteilung auf wenige Einzelelemente pro Flächeneinheit bei hoher (sogar geometrischer) Strukturiertheit der elementaren Anordnung lässt eine Zunahme an landschaftlicher Komplexität (hier durch Bebauung) attraktiv erscheinen. Diese Komplexitätszunahme wiederum war nicht so groß, dass eine Beschleunigung des Verkehrs (durch Übergang von Fuß- und Fahrradverkehr zu Automobilverkehr) eine Überkomplexisierung der städtischen Landschaft durch eine raschere Reiztaktung hervorgerufen hätte. Vielmehr wurde die Gestaltung des Straßenraumes sowohl in innerstädtischen Bereichen als insbesondere der Ausfallstraßen auf die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit bei automobiltypischer Geschwindigkeit, z. B. durch größere Werbeflächen mit größerer Beschriftung, ausgerichtet (vgl. auch Venturi/Scott Brown/ Izenour 1972, Basten 2009, Jakle 2010).

Suburbanisierung mit dem Rückzug in die Gemeinschaft der Gleichen stellt eine Reduktion von Komplexität dar. Diese lässt sich Ipsen (2004: 262) zufolge als Problem und Ressource städtischen Lebens zugleich beschreiben. Kulturelle Komplexität wirft dann Probleme auf, wenn sie nicht mit kommunikativer Kompetenz verbunden ist. Und eine Ressource ist sie, wenn sich die verschiedenen Deutungen und ihre Artefakte vermitteln und neue hybride Formen bilden, also aus postmoderner Perspektive kulturelle Polyvalenzen entstehen (vgl. hierzu auch Ipsen 2002b). Waldie (2005: 94) relativiert die auch hier angedeutete Vorstellung, suburbanes Wohnen führe zu verengtem Lebensstil, indem er feststellt: Ich stimme zu. Mein Leben ist eng. Von einer Perspektive oder einer anderen, sind all unsere Leben eng. Nur wenn Leben nebeneinander platziert sind, scheinen sie größer zu sein.

Diese weitgehende Ausrichtung von physischem Raum auf die Bedürfnisse der WASPs manifestiert sich in einer differenzierten Grenzbildung in den Stadtlandhybriden: Marcuse (1998) unterscheidet hier in einschließende Grenzen, die prison walls, in ausschließende Grenzen, die barricades, in jene, die Privilegierte schützen (stucco walls) und in imperialistische Grenzen, die walls of aggression. Dabei repräsentieren diese Grenzen anders als Ränder das moderne Streben nach Exklusion des Anderen, allgemein als Ausschluss von Möglichkeiten des Zugangs zu Kommunikation (Stichweh 2010: 149) zu verstehen, aus Identitätssorge, Selbstdarstellungsimpulse[n] und Repräsentationskommunikation (Drepper 2003: 119; Bourne 1996) und tragen zur rekursiven Produktion der Ästhetik der Angst bei: Eindeutiges wird ästhetisiert, Grenzen zum Anderen als Muster der Ordnung sakralisiert. Die räumliche Trennung der Sphäre der Arbeit von der Sphäre des Wohnens und insbesondere das Wohnen in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten bedeutet eine radikale Kontingenzvernichtung und Sublimierung:

Für die Bürger, die Ambitionenträger, die Chancensucher ist die Stadt der Ort, wo sie vage erfahren, dass sie einander nicht geben können, was sie vage suchen. Sie können sich nur gegenseitig bei ihrem Scheitern beobachten (Sloterdijk 2007: 192). Suburbane Siedlungen als physische Manifestationen der Gemeinschaft der Gleichgesinnten stellen das Ergebnis des Strebens nach Vereinfachung, nach einer direkten, unstrittigen, eindeutigen Verbindung von Wünschen und Gelegenheiten, Handlungen und ihren Formen zu verschmelzen nach Eindeutigkeit der Welt und des Ich und der vollkommenen Vereinigung beider (Bauman 2000a: 229) dar, sie verkörpern die romantisierte Sehnsucht nach umfassender und eindeutiger Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, in der das Subjekt fraglos akzeptiert wird, in dem das Scheitern ausgeblendet werden kann (vgl. Sennett 1991, Bauman 2000a, Gerhard/Warnke2004, Sloterdijk 2007). Das Leben scheint dadurch überschaubarer und vorhersagbarer zu werden (Waldie 2005), da ungeplante Konfrontationen in Form primärer Sozialkontakte mit Vertretern fremder Kulturen oder Milieus weitgehend unterbunden werden, während auch infolge der Exklusion der Andersartigen erwünschte Kontakte mit Gleichartigen wahrscheinlicher werden und auch gesucht werden. Diese Steigerung an Übersichtlichkeit von Nachbarschaft begründet die Verschiebung der Perspektive in einer Kultur, in der Unterschiede vor allem als gegenseitige Bedrohung und nicht als gegenseitige Anerkennung empfunden (Sennett 1991: 1213) werden. Die Nachbarschaft der Gleichen wird zu einer Erweiterung des Heims, das zu einer säkularen Version der spirituellen Zuflucht [wurde]; die Geographie der Sicherheit wandelte sich, und die Schutzzone verlagerte sich vom Mittelpunkt der Stadt in das Innere des Hauses (Sennett 1991: 39). Von der Beobachtung der Umgebung des eigenen Wohnortes von der Perspektive eines Fremden aus wird die Perspektive des Heimischen erweitert, der physische Raum der Objekte und Symbole, die fraglos ge- und anerkannt werden, wird dabei ebenso erweitert wie rollenbezogenes in personenbezogenes Handeln transformiert werden kann (Sack 1992, Knox/Pinch 2010, Kühne/Spellerberg 2010). Diese Erweiterung der Lebenswelt gegenüber dem Systemischen (im Sinne von Habermas 1985a und 1985b) schlägt sich auch in einer Ästhetik des Schönen (des Bekannten) gegenüber der Ästhetik des Erhabenen (des Un- und Teilbekannten) nieder, an deren Demarkationslinie die Ästhetik der Angst ihren Ursprung hat: Der Angst vor den Übergriffen des Systemischen auf die Lebenswelt, die Angst, lebensweltliche Erweiterungen des Heimischen preisgeben zu müssen, die Angst, der Infiltration der (scheinbaren) Sicherheit durch Unsicherheit. Suburbane angeeignete physische Landschaft wird damit auf die Funktion einer Kompensationssymbolik reduziert, die aus verständlich scheinenden Codes resultiert (vgl. Hasse 2000). Ein Aspekt der Stadtlandhybriden ist das Bemühen der Angstreduktion: Zwischen den Stereotypen Stadt und Land angesiedelt, scheint die Sicherheit vor den von Tuan (1979) herausgearbeiteten mit dem Städtischen konnotierten Ängsten (z. B. vor Kriminalität, Luftbelastung, Verkehr, Enge, Seuchen) und den mit dem Ländlichen konnotierten Ängsten (beispielsweise vor wilden Tieren, Langeweile, geringe berufliche Aufstiegsoptionen) zu stehen.

Infolge der großen Bedeutung von Infrastrukturen für die Entwicklung der physischen Grundlagen der US-amerikanischen angeeigneten physischen Landschaft lässt sich deren Entwicklung auch teilweise als Geschichte der Infrastruktur lesen: Auf immer neue gesellschaftliche Herausforderungen und (vielfach distinktiv erzeugte) Bedürfnisse wurde mit immer neuen physischen Infrastrukturen reagiert, wie Abbildung 29 zeigt.

Gegenüber der Suburbanisierung werden drei Kritiklinien verfolgt: Aus ökologischer Perspektive wird die große Inanspruchnahme an Fläche durch Gebäude und technische Infrastruktur, die durch die Suburbanisierung erzeugten Verkehrsströme (und die mit ihr verbundenen Emissionen von Stoffen und Lärm) und die Ausbreitung von Xenophyten (also nun frei wachsender Pflanzen mit anderem geographischen Ursprung) kritisiert. Aus humanistischer Perspektive wird der Mangel an Originalität suburbaner Siedlungen hinsichtlich der Baugestaltung, ihre Monotonie sowie ihre geringe Anpassung an die existierende angeeignete physische Landschaft kritisiert. Zukin (1991: 20) nennt Suburbien (insbesondere jene von Los Angeles) in Anlehnung an Augé (2011, zuerst 1992) entsprechend Nicht-Ort Orte. Aus feministischer Sicht wird hingegen die der Suburbanisierung scheinbar inhärente stereotype Geschlechterrollendifferenzierung kritisiert, die Frauen (insbesondere Mütter) in den Kontext der Reproduktion und Konsumption verweise, also in die Sphäre des Privaten, und ihnen aufgrund der starken Ausrichtung auf die Nutzung des Automobils vielfach den Zugang zu Erwerbsbeschäftigung, also die Sphäre des Öffentlichen, erschwere, Hayden (2004a: 6) spricht hier von der Domestizierung des Weiblichen (siehe auch Hayden 1980, Wilson 1991, Jakle/ Sculle 2004, Menzl 2006, Hall 2006, Kühne 2007, Weller 2008). Die solchermaßen entstehenden physischen Strukturen verweisen auf die Ästhetisierung der aus modernen Fundamentaldichotomien (hier insbesondere Stadt-Land und Mann-Frau) erwachsenen physischen Strukturen als normative gesellschaftliche Landschaft als Ausdruck der Angst vor Macht- und Kontrollverlusten des Männlichen gegenüber dem räumlich-temporär segregierten Weiblichen.

Suburbanisierung in den Vereinigten Staaten (aber auch andernorts) produziert letztlich eine paradoxe Situation, die das System des Siedlungswesens in eine positive Rückkopplung treibt: Der Suburbanit in seinem Streben nach Ländlichkeit, Ruhe, Sauberkeit, Sicherheit und Ordnung (alles auch ästhetische Kriterien) zerstört die physischen Repräsentanzen letztlich durch sein suburbanisierendes Handeln (als Nebenfolgen; Nicolaides 2001, Weinstein 1998, Beauregard 2006, Hayden 2009, Knox/

Abbildung 29 Die historische Entwicklung US-amerikanischer Infrastruktur (nach: Williamson 2003, Benedict/McMahon 2006).

Pinch 2010; siehe zur Funktion von Sauberkeit und Ordnung Engler 1997). Die Suburbanisierung greift in dünn besiedelte, vielfach land- und forstwirtschaftliche genutzte Räume über, wodurch der Suburbanit beeinflusst vom ästhetisierten Mythos des Pioniertums (Nicolaides 2001) letztlich das urbanisiert, nach dem er sich sehnt. Das immer weitere Ausgreifen der neuen Frontier lässt Suburbien und Edge Cities entstehen, die sich physisch-räumlich wie symbolisch immer weiter von dem sozialen Stereotyp des Randes von Stadt und Land entfernen (vgl. auch Angel 1977 zur suburbanen Frontier). Er produziert Luftbelastung und Lärm (durch sein KFZ-basiertes Pendeln von Wohnung zu Arbeitsort), produziert aus einer übersichtlichen und lesbaren Stadt eine sozial, funktional und strukturell fragmentierte Agglomeration, überlässt die ResidualSegregierten durch Abzug seiner Steuermittel und Konsumausgaben aus dem Stadtzentrum sich selbst, mit der Folge steigender Kriminalitätsraten infolge von Kürzungen in Bereichen der sozialen Fürsorge. Eine Stadt hat bezüglich dieser Entwicklung Berühmtheit/Berüchtigtheit erlangt: Los Angeles.

Hinsichtlich der Paradigmen der Entwicklung von Landschaft lassen sich grob vereinfacht zwischen den Vereinigten Staaten und Europa unterschiedliche Schwerpunkte feststellen: In den Vereinigten Staaten findet sich in den physischen Manifestationen wie in der gesellschaftlichen Landschaft eine stärkere Dominanz des Paradigmas der sukzessionistischen Entwicklung der physischen Grundlagen der angeeigneten physischen Landschaft, sowohl in ökologischer als auch insbesondere in ökonomischer Dimension: Beispiele physischer Inskriptionen sind die geringere Persistenz an Raumnutzungsmustern, die Dominanz rasch revidierbarer Holzbauweise, die Konzeption von Nationalparken nicht als Selbstzweck (gemäß einer biozentrischen Ethik), sondern zur ästhetischen Erbauung und zur Gesundheit des Menschen konzipiert, eine geringe Bedeutung des Denkmalschutzes (indikatorisch dafür, dass Veränderungen der physischen Grundlagen angeeigneter physischer Landschaften häufig nicht als Verlust konzipiert werden). Auch in der wissenschaftlichen Diskussion (als Teilmenge der expertenhaften gesellschaftlichen Landschaft) indiziert sich die stärkere Bedeutung des Paradigmas der sukzessionistischen Entwicklung: Sehr viel stärker als in Europa (insbesondere Deutschland) ist der Fokus der Diskussion auf (sehr volatile vernakuläre) Landschaften gerichtet. In Europa dominiert hingegen das Paradigma der Erhaltung der physischen Grundlagen angeeigneter physischer Landschaften insbesondere den fachlichen, aber auch vielfach den öffentlichen Diskurs. Indikatorisch wirken hier die Dominanz von Steinbauweise, die große Bedeutung des Denkmalschutzes (auch an wenig repräsentativ wirkenden Gebäuden), die staatliche Förderung der Landwirtschaft mit dem Ziel der Erhaltung der

historischen Kulturlandschaft, aber auch große Widerstände gegen Veränderungen der physischen Grundlagen angeeigneter physischer Landschaften[1]. Dabei ist auch der Naturschutz stärker auf das Konstrukt der Natur an sich (biozentrische Ethik) ausgerichtet (vgl. in diesem Zusammenhang Körner 2010).

  • [1] Als Beispiele hierfür mögen die Auseinandersetzungen um Stuttgart21, die Mittelrheinbrücke und die Waldschlösschenbrücke in Dresden dienen.
 
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