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7.1.3 Los Angeles als Matrix von Restriktionen und Transformationen die poststrukturalistische Sicht von Edward Soja

Gerade für die Vertreter der Los Angeles School of Urbanism gilt Los Angeles als die postmoderne Agglomeration schlechthin. Der Weg dorthin gliedert sich so Soja (1993 und 1995) in einen Modernisierungsschub in den 1960er Jahren und sechs sich daran anschließenden Restrukturierungen. Im Verlauf der 1960er Jahre entwickelte sich innerhalb eines Gebietes kleinerer Industriestandorte eine riesige Industriezone,

die sich direkt an der Grenze des Central Business Districts über zwanzig Meilen nach Süden bis zum Stadthafen von Long Beach erstreckt (Soja 1993: 214215). In diesem Gebiet, der fordistischen Kern-Region von Los Angeles, konzentriert sich die gewerbliche Massenproduktion der Stahl-, Automobil- und Konsumgüterindustrie. Doch anstatt das Wachstum des Central Business Districts zu stimulieren und zu intensivieren,

führte dieser Industrialisierungsschub zu einer weiteren, noch größeren Suburbanisierung (Soja 1993: 215). Die weitere postmoderne Entwicklung von Los Angeles gliedert sich so Soja (1993, 1995, 1997, 1998 und 2000) wie folgt:

t Restrukturierung I: Die Entstehung der Exopolis. Als Exopolis wird eine Stadt bezeichnet ohne im doppelten Sinne Außen-Stadt, outer city (im Gegensatz zu Innen-Stadt inner city) wie auch die Stadt, die es nicht mehr gibt, die ex city. Diese doppelte Bedeutung ist vor dem Hintergrund gedacht, dass unser konventionelles Verständnis von dem, was städtisch und was vorstädtisch ist, nun insofern verändert werden muss, als das Vorstädte nicht länger vor-städtisch sind, sondern volle, multifunktionale, dichte und sich voneinander unterscheidende, in sich geschlossene städtische Agglomerationen (Soja 1993: 214215). Neben der wohl bekanntesten Außen-Stadt Orange County (ihrerseits eine Agglomeration von etwa 50 Städten mit maximal 300 000 Einwohnern), nennt Soja drei weitere Außenstädte: Eine, die das nahezu halbe Gebiet der City von Los Angeles umfasst, ergänzt durch rund ein Dutzend weiterer Gemeinden in Richtung Ventura County, eine weitere, die sich entlang der Küste von Malibu nach Long Beach erstreckt, und eine vierte, die vom östlichen Rand von Los Angeles bis zu Teilen von San Bernadino und Riverside County reicht. Exopolis muss als neue Region gesehen werden, als ein komplexes Mosaik, wenn nicht gar als Kaleidoskop, mit sich schnell verändernden Mustern von ungleicher Wertigkeit (Soja 1993: 218).

t Restrukturierung II: Die Einführung einer neuen Industriegeographie. Diese Restrukturierung resultiert aus den räumlichen Folgen des Übergangs vom fordistischen zum postfordistischen Akkumulationsregime. Der Schlüssel zum Wachstum neuer, großer und erfolgreicher Außen-Städte war beispielsweise das Entstehen neuer Industriegebiete, die auf Basis flexibler Herstellungsverfahren technologisch fortgeschrittener, meist im elektronischen Bereich angesiedelter Produkte spezialisiert waren (Soja 1993: 219), die so genannten Technopolen. Neben den Technopolen konstatiert Soja die Existenz zweier weiterer Typen von Industriegebieten in der Agglomeration von Los Angeles: Der erste entwickelt sich im Umfeld von Produktionsnetzen, die auf handwerklich-gewerblicher Basis arbeiten und aus zahlreichen kleinen Firmen zusammengesetzt sind, der zweite Typus entsteht durch die Bereitstellung insbesondere von finanziellen Dienstleistungen und technologisch fortgeschrittenen Verfahren des Kommunikations- und Informationssektors.

t Restrukturierung III: Die Formation von Weltstädten. Eine expansive Internationalisierung ist eine weitere Komponente des Transformationsprozesses von Los Angeles (Soja 1993: 220): Sie hat eine außergewöhnliche Mischung von Kapital und Arbeitsressourcen aus allen Teilen der Welt in die moderne Metropole herein gepresst. Neben der Zuwanderung von rund vier Millionen Menschen zwischen den 1960er und den beginnenden 1990er Jahren (insbesondere aus Lateinamerika und dem pazifischen Raum), kam es zu einem außergewöhnlichen Zufluss globalen Kapitals und globaler Investitionen (vorwiegend aus Japan, Kanada und Europa). Daraus entwickelte sich eine extreme Polarisierung: Los Angeles ist eine erstklassige Weltstadt des globalen Kapitals ebenso wie eine riesige Dritte Welt-Stadt mit einem globalen Arbeitskräfteangebot (Soja 1993: 221; Soja 2007).

t Restrukturierung IV: Die repolarisierte Metropole. Hinsichtlich der Beziehungen der gesellschaftlichen Klassen, der Einkommen, der Organisation des Arbeits-und des Wohnungsmarktes sowie der Art der gesellschaftlichen Produktion und Konsumtion von Gütern und Dienstleistungen (Soja 1993: 222) werden die sozioökonomischen Strukturen der Metropole revidiert. Indem über lange Zeit existierende Hierarchien zusammenbrechen, wird das sozioökonomische System der Agglomeration segmentiert und polarisiert. Sowohl Armut als auch Reichtum haben sich vergrößert und sind biographisch variabel geworden. Diese Polarisierung von Los Angeles geht quer durch ethnische, rassische und berufliche Kategorien und lässt sich auch für Einwohner konstatieren (Soja 1993: 223; siehe auch Haraway 1996).

t Restrukturierung V: Die kerkerhafte Stadt. Der Begriff der kerkerhaften Stadt geht auf Michel Foucault zurück. Sie ist eine Gefängnis-Stadt, eine von Mauern umgebene Stadt, die sorgsam überwacht und sozial kontrolliert wird, ein Ort, an dem die Polizei die Einhaltung gesellschaftlicher Verhaltensabsprachen überwacht, wo Polizei ein Substitut für polis wird (Soja 1993: 224). Die Kerkerhaftigkeit äußert sich so Soja ferner in geheimen Telefonnummern, durch verbarrikadierte und durch Sicherheitsanlagen bewachte Wohnungen, in Hochsicherheitsgebäuden, Sicherheitspatrouillen und Schildern, die schreierisch verkünden Wer hier durchgeht, wird erschossen (Soja 1993: 224) sowie der Überwachung durch eine hoch technisierte Polizei (Soja 1997 und 1998).

t Restrukturierung VI: Simulacrum das Trugbild Stadt. Dieser Restrukturierung liegt vornehmlich das Bedürfnis zugrunde, eine neue Art der Regulation und Kontrolle für diese noch unbeständige neue Phase der metropolitanen (Post)Modernisierung zu entwickeln, die außerhalb der autoritären Bürde der kerkerhaften Stadt liegt (Soja 1993: 225). Diese Interpretation stellt einen radikalen Wandel der Vorstellung von Urbanität und Städtischkeit dar. Los Angeles ist die Metropole der Simulacren, der Hyperrealitäten, der Simulationen also, die realer erscheinen als eine Realität, die es nicht mehr gibt. Los Angeles ist das Weltzentrum für die Produktion von Phantasiebildern von Hollywood bis Disneyland (Soja 1993: 226; Soja 1998).

Die Stadtregion Los Angeles lässt sich also als segmentiert, fragmentiert, dezentralisiert, amorph und außergewöhnlich vielfältig in Fragen der Kultur, der Politik und des Lebensstils (Soja 1993: 224; vgl. auch Olin 1995, George 2002, zuerst 1990, Dear 1998) begreifen. Damit lässt sich die postmoderne metropolitane Entwicklung von Los Ange-

Abbildung 39 Die physisch- und sozialräumlichen Folgen und Nebenfolgen von Globalisierung, Heterogenisierung und Desintegration lassen sich in kaum einer anderen Agglomeration in dieser Deutlichkeit ablesen wie in Los Angeles. Hier ein Obdachloser in West Los Angeles, am Santa Monica Boulevard, nahe Beverly Hills. Obdachlose zeigen im alltäglichen Leben die Polarisierung und Ungleichheit der westlichen Gesellschaften (Aufnahme: April 2006).

les als Folge von sechs miteinander verknüpften Restrukturierungsmustern beschreiben, die die Stadtlandschaft im Verlauf der letzten dreißig Jahre radikal verändert haben (Soja 1993: 227228; vgl. auch Wolch 1998).

 
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