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9.3.2 Video und Tourismus der geführte Pfad des Fremden als Anlass zu grundsätzlichen Diskussionen über Los Angeles

Reiseführer und Reiseberichte haben einen Anteil von 12,5 Prozent an den untersuchten YouTube-Videos (siehe Abbildung 79; eigene Kategorisierung). Im Vergleich zu der Gesamtstichprobe werden sie weniger häufig aufgerufen (arithmetisches Mittel = 63 281; Median = 36 976), sind von längerer Dauer (arithmetisches Mittel = 6 : 46 Minuten; Median = 5 : 42 Minuten) und verzichten häufiger auf sprachliche Äußerungen (10 der untersuchten Reiseführer- und Reiseberichtsvideos weisen keinerlei sprachliche Äußerungen weder mündlich noch schriftlich auf). Reiseführer fungieren als Expertensystem für das Sehenswerte und das Bedeutsame. Sie haben neben der Vermittlung von Orientierungswissen und organisatorischen Tipps die Funktion einer MentorRolle, um dem Leser interpretierend das vorzustellende Reiseziel näher zu bringen (Fröhlich 2007: 101, vgl. auch Popp 1994, Löfgren 2002, Glatter/Weber 2010)[1]. Dabei haben sie die Funktion der Entscheidungsfindung, der Vorbereitung des Urlaubs und der Orientierung im Urlaub (Kagelmann 1993). Reiseführer (ob als Video bei YouTube oder in Buchform) orientieren sich an den durchschnittlichen stereotypen Erwartungen der Touristen (die häufig mit jenen von Einheimischen kongruieren, vgl. Techentin 2009). Eine Differenz von Erwartung und Wahrnehmung bedeutet in der Regel Unbehagen, so dass mit der Bereisung eine Stärkung von Raumstereotypen erfolgt und Abweichungen diesen Unbehagen auslöst oder sogar als Bedrohung wahrgenommen wird (vgl. Bauman 1999) bzw. der Wandel der angeeigneten physischen Landschaft beklagt wird, da sie nun nicht mehr der stereotypen Vorstellung entspricht (Vogel 2003, Kühne 2008a, Glatter/Weber 2010).

Insbesondere bei den in den untersuchten Reiseführer- und Reiseberichtsvideos dargestellten signifikant symbolisch besetzten Objekten Abbildung 87) wird ein hochsignifikanter Unterschied zu den in der Gesamtheit der untersuchten Videos dargestellten signifikant symbolisch besetzten Objekten deutlich (Abbildung 81). Reiseführer- und Reiseberichtsvideos sind auf (stereotyp) signifikant symbolisch besetzte Objekte ausgerichtet, jene Objekte also, die in rekursiver touristischer und medialer Simulacrisierung auch von der heimischen Bevölkerung als Repräsentationen städtischen Lebens als Spektakel (Keil 1998: xxvi) gelten können. Lediglich zwei der untersuchten Reiseführer- und Reiseberichtsvideos weisen keinen Bezug darauf aus. Bei der rekursiven stereotypen Konstruktion von Los Angeles als vertikal orientierte Metropole über riesige Freeways erschlossen (gerade die Darstellung von Freeways hat Los Angeles auch in der Malerei eine Tradition, wie Avila 2007 in der Analyse der Bilder von hispanischen Malern feststellt), mit unendlich scheinenden Stränden und einem glamourösen Hollywood, wird auf eine Verortung sozialer Konflikte und ihrer physischen Repräsentan-

Abbildung 87 In den untersuchten Reiseführer- und Reiseberichtsvideos dargestellte signifikant symbolisch besetzte Objekte (mehrere Objekte pro Video waren die Regel).

zen völlig verzichtet: South Central Los Angeles findet in keinem der Reiseführer- und Reiseberichtsvideos Erwähnung, selbst ein Hinweis auf die Watts Towers, die in buchförmigen Reiseführern als sehenswert klassifiziert warden[2], unterbleibt. Entsprechend sind die Reiseführer- und Reiseberichtsvideos nahezu frei von Darstellungen verbaler oder physischer Gewalt.

In den Video-Reiseführern werden somit bereits existierende stereotype Vorstellungen von Los Angeles konkretisiert und (reise)handlungsleitend verfestigt. Auf YouTube publizierte Reiseberichte wiederum stärken aus ex-post-Perspektive die in den Reiseführern angelegten stereotypen gesellschaftlichen Konstruktionen von Los Angeles als vertikal orientierte Metropole mit unendlich scheinenden Stränden und einem glamourösen Hollywood, alles erreichbar über riesige Freeways (vgl. auch Braudy 2011). Dabei wird auf das Deutungsmuster der Authentizität aktiviert: Ich bin wirklich da gewesen, ich habe es wirklich gesehenen, Los Angeles ist wirklich so, wie wir es kennen (oder eben stereotypisieren).

Reiseführer bzw. Reiseberichte sind Grundlage für relativ umfangreiche Forumsdiskussionen über Los Angeles im Allgemeinen, einzelne Stadtteile, den Verkehr, das Klima

u. a. Dabei wird die Auswahl der dargestellten Objekte weniger diskutiert als deren Bewertung. Die stereotypen physischen Repräsentanzen von Los Angeles können also als weitgehend geteilt angesehen werden, wie es auch Techentin (2009) für Einheimische und Fremde feststellt. Das Video The City of Los Angeles (Laufende Nummer 6), eine Diashow der Sehenswürdigkeiten, also stereotypen physischen Repräsentanzen von Los Angeles, mit Musikuntermalung, bot die Basis zu einer kakophonischen, widersprüchlichen, mit Stereotypen und Rassismen beladenen Diskussion, die sich allerdings nur rudimentär auf das dargestellte Video bezog[3]: So stellte Sverige Lukas den Kommentar ein, Los Angeles sei seine Traumstadt, MsJujubean96 erklärte ihren Wunsch, ein Californian Girl zu sein. FreeqGingers, nach eigener Aussage in Polen lebend, pflichtete mit dem Wunsch bei, er wolle nach Los Angeles fliegen und trotz ihres/seines schlechten Englischs, das sie/er verbessen wolle in der schönen Stadt leben. Mit dem Gruß an alle Menschen in der Stadt wurde die Frage verbunden was der Treibstoff koste (diese Frage wurde von h6h7pker in polnischer Sprache (2,30 bis 3,00 Dollar pro Gallone) beantwortet). Neben der Erzählung von L. A. als Traumstadt zieht sich die Erzählung von Los Angeles als Slum durch die Kommentare. Dabei wurden auch politisch-nationalistische Parolen, wie von AMERICANATIONALISM, L. A. solle den Amerikanern gehören, laut, die von MrExit15 (möglicherweise ironisch gemeint) mit den Worten kommentiert wurde, AMERICANATIONALISM meine wohl mexikanische Amerikaner. Nochance101 wiederum stellt fest, N*ggers und Wetbacks (eine diskriminierende Bezeichnung für illegal in die USA eingewanderte Mexikaner, verallgemeinert von jenen Personen, die den Rio Grande durchschwimmen) ruinierten die Stadt (Los Angeles). Einer Auffassung, der TheQueenmama1960 entgegentritt, indem die ironische Frage gestellt wird, ob bislang denn weiße Hinterwäldler (Rednecks), weißer Abschaum (white trash) oder der rassistische Ku-Klux-Klan den Süden (besser) beherrscht hätten.

Teile der Diskussion um das Video nehmen aber auch vergleichende Perspektiven ein: So stellt NeutronCin3ma fest, Los Angeles sei interessant, aber eben nur so interessant, wie eine übliche Großstadt. Der Verkehr auf den Straßen von Los Angeles sei eben nicht geprägt von Ferraris und Lamborghinis und Hollywood bedeute nicht, dass alles und jeder berühmt sei. Libertylovingyankee stellt im Zuge dieser Diskussion den häufig aktualisierten Vergleich zu New York an, indem die Skyline von beiden Städten mit dem Ergebnis verglichen wird, Los Angeles sei die kleinere, flachere und eben ärmere Stadt. Wobei hier die symbolische Übertragung von Vertikalität und Reichtum bemerkenswert erscheint. Dlferich wiederum wägt das bessere Wetter in Los Angeles gegen das Fehlen von Erdbeben in New York ab, allerdings ohne zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen. TheArthurAndersen bringt einen Machtbezug in die Diskussion ein, indem er feststellte, L. A. sei zwar berühmt, aber die Elite residiere in New York, London oder Paris. Rao665 beschreibt als Antwort auf den von dem/der nach eigenen Aussagen in Griechenland lebenden 13tifozi Los Angeles als Allerweltsstadt, in der es nichts Sehenswertes gäbe und die zudem völlig verschmutzt sei, verbunden mit dem Rat, in Griechenland zu bleiben, denn für einen Griechen/eine Griechin könne das Wetter in

L. A. kein Besuchsargument sein.

Im Gegensatz zu dem an touristischen Stereotypen ausgerichteten Video werden zahlreiche auch wissenschaftlich diskutierte Aspekte der Entwicklung der Agglomeration von Los Angeles aufgegriffen und in prägnanter, bisweilen überspitzter Form (die wenigsten Kommentare übersteigen den Umfang von 200 Zeichen) dargestellt. Neben wenig differenzierten und plakativen Diskussionssträngen, die auch extremen und rassistischen Meinungen (allerdings selten unkommentiert) ein Forum bieten, und L. A. zumeist dichotom entweder als urbanes Zentrum oder als Ghetto darstellen, finden sich auch Diskussionsbeiträge, die differenziertere Positionen zur Agglomeration einnehmen und sich reflexiv mit der gesellschaftlichen Konstruktion von Los Angeles auseinandersetzen.

  • [1] Eine andere Methode, stereotype Deutungs- und Konstruktionsmuster von Räumen zu decodieren, ist die Untersuchung von Postkarten (vgl. Lippard 1999), die dazu dienen, ein genormtes Bild einer Stadt in die Welt zu versenden (Löw 2010: 172). In einer solchen Untersuchung von 166 unterschiedlichen Postkarten in der Agglomeration hat Monnet (2001) folgende Lokalisierungen der Motive festgestellt: Los Angles (35 Prozent), Hollywood (11 Prozent), Santa Monica (10 Prozent), Laguna Beach (6 Prozent), Beverly Hills (5 Prozent) und 28 andere Siedlungen mit geringeren Prozentzahlen. Hinsichtlich der Motive ergab sich folgende Verteilung: Palmen (mehr als 50 Prozent), Hochhäuser (33 Prozent), Berge (33 Prozent), Küste (25 Prozent), Freeways (20 Prozent). Dabei lassen sich Unterschiede in Bezug auf die in den Postkarten verwendete Sprache nachweisen: So erscheinen Palmen auf 70 Prozent der englischsprachigen Postkarten, aber nur auf 15 Prozent der spanischsprachigen, Freeways hingegen finden sich auf lediglich 38 Prozent der englischsprachigen, jedoch auf 50 Prozent der spanischsprachigen und Downtown L. A. ist Gegenstand von 54 Prozent der Postkarten in englischer, aber 75 Prozent in spanischer Sprache. Insgesamt so stellt Monnet (2001) fest ist der westliche Teil von Los Angeles stärker in Postkarten (aber auch Fotos in Zeitungen, Fernsehhintergrundbildern etc.) repräsentiert als der östliche Teil.
  • [2] Zur Untersuchung herangezogen wurden hierzu: Gerber (2004), Benson et al. (2009), Feltes-Peter/ Marx/Pinck/Grünewald (2009), Braunger (2010) undJenson (2010).
  • [3] Die Auswertung bezieht sich auf die 1009 Kommentare zu dem Film, die bis zum 6. 5. 2011, dem Tag des letzten Abrufs des Videos, eingegangen waren. Die Auswertung der Kommentare erfolgte nach der in Fußnote 343 beschriebenen Verfahren.
 
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