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10.2 Anmerkungen zu Symboliken des Stadtlandhybriden Los Angeles

Der Mensch lebt als Animal symbolicum in einer Welt der Symbole, die er selbst konstruiert, deutet und sein Handeln darauf bezieht (Cassirer 1990, zuerst 1944, 2010a, zuerst 1923, 2010b, zuerst 1925, 2010c, zuerst 1929). Diese Symbolisierung beschränkt sich nicht auf Sprache und Ratio, sondern geht weit darüber hinaus und schließt Emotionen wie auch die symbolische Besetzung physisch-materieller Objekte ein. Auch wenn die physischen Grundlagen angeeigneter physischer Landschaften, und damit auch des Stadtlandhybriden Los Angeles, zumeist primär aus funktionalen Überlegungen (vielfach Derivationen) gestaltet wurden und werden, lassen sich zahlreiche symbolische Verweise der profan scheinenden Objekte und Objektgruppen rekonstruieren, denn

Symbole umfassen Bedeutungsgehalte, die über das Gegenständlich-Denotative hinausgehen, nämlich tiefere, auch emotionale Sinngehalte und Konnotationen, die diskursiv nur unvollständig erfassbar sind (Knappstein 2002: 7; vgl. auch Ipsen 2006). Das Erlernen symbolischer Zuschreibungen ist Teil des (letztliche lebenslangen) Sozialisationsprozesses[1]. Im Folgenden sollen einige symbolische Verknüpfungen mit städtischen Landschaften im Allgemeinen und Los Angeles im Besonderen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) vorgestellt werden.

Los Angeles wird häufig als metropolitaner Raum konstruiert und verweist so auf das Symbol der Stadt. Stadt, als feste und geordnete Ansammlung von Wohn- und Arbeitsstätten, symbolisiert göttliche Ordnung (Cooper 2004, Becker 2008). Stadt wird häufig mit der Vorstellung der vormodernen Stadt konnotiert da sie so ihre Bürger beschützt und birgt wie eine Mutter (Becker 2008: 285) , als mütterliche Stadtgöttin, häufig mit einer Mauerkrone auf dem Kopf, personifiziert (Becker 2008: 285). In der Symbolik des Mittelalters verweist Stadt auf das himmlische Jerusalem (Becker 2008). Ein wesentliches konstituierendes Element von Stadt stellen Häuser dar, die mit umfangreichen symbolischen Bedeutungen versehen sein können. In seiner Studie über den Symbolgehalt von Städten weist Knappstein (2002) 20 symbolische Bezüge zum Thema Haus nach:

1. die psychische Ganzheit,

2. Schutz, Sicherheit und Geborgenheit, eine feste Burg des Mutes,

3. Familien und Beziehungszentrum,

4. die Persönlichkeit, die Identität, die Individualität,

5. die individuelle Lebensart eines Menschen oder einer Gruppe,

6. ein Ort der Gemeinschaft, eine Sozialisationsinstanz,

7. die bewohnbare Welt,

8. das Zuhause, der eigene Mikrokosmos,

9. die Freiheit des eigenen Raumes,

10. den menschlichen Körper,

11. die letzte Wohnstatt des Menschen (Grab),

12. die Abbildung des Tempels, des Kosmos, der himmlischen Stadt,

13. der Mittelpunkt der Welt,

14. ein Weltenzentrum,

15. ein Statussymbol,

16. der schützende Aspekt der großen Mutter, der Mutterschoß,

17. die Kultursensibilität der Hausbewohner,

18. Immobilität und Unbeweglichkeit,

19. das Gefängnis,

20. das (Ein-)Gefangensein oder die Umschließung.

Der Stadtlandhybride von Los Angeles wird von zahlreichen vielfach heute kanalisierten Flüssen durchzogen, die in einigen Spielfilmen und Internetvideos einer Inszenierung unterzogen werden. Flüsse verweisen symbolisch auf einen beständigen Wechsel der Welt und ihrer Ausprägungen, für Vergänglichkeit einerseits, andererseits aber auch auf ständige Erneuerung. In den meisten Kulturen ist die Vorstellung des Flusses als etwas Heiliges und Göttliches weit verbreitet (Bauer/Dümotz/Golowin 1997, Zerbst/ Kafka 2010). Aufgrund der zentralen Bedeutung für frühe bäuerliche Hochkulturen in ariden und semiariden Gebieten werden Flüsse auch mit Fruchtbarkeit konnotiert und als Leben erhaltendes Element, oft auch als Gottheit verehrt (Zerbst/Kafka 2010: 183). Insbesondere bei der Bewerbung der Region um Los Angeles Ende des 19. Jahrhunderts als arkadische Landschaft, geprägt durch aus den Flüssen der Region bewässerte Gärten und Orangenplantagen, verweist neben der Symbolik des Flusses auf jene des Gartens. Garten ist dabei ein stark positiv besetztes Symbol: Er ist mit dem Paradies, der kosmischen Ordnung, dem sündenfreien Urzustand des Menschen konnotiert. Zudem ist der Garten auch das Symbol für die Seele und die Eigenschaften, die in ihr herangezogen werden, sowie für die gezähmte und geordnete Natur (Cooper 2010: 89). Die Orange stellt ein Symbol der Fruchtbarkeit dar (Becker 2008), die Blüte der Orange steht für Reinheit, Keuschheit, Jungfräulichkeit und wird daher im Brautkranz getragen (Cooper 2004: 193), ähnlich dem umzäunten Garten, der das weiblich schützende Prinzip und die Jungfräulichkeit repräsentieren. Die Umwandlung von Orangenplantagen eigens in Orange (!) County in Gewerbeflächen, Wohnsiedlungen und Bürokomplexe kann somit auch als ein symbolischer Verlust von Unschuld gedeutet werden.

Eine (häufig auch filmisch repräsentierte) Dominante des Lebens in der Agglomeration von Los Angeles sind Straßen (von der Wohngebiete erschließenden Sackgasse bis zum Freeway). Straßen als befestigte Formen von Wegen verweisen auf eine vielschichtige, in vielen Kulturen verbreitete und alte Symbolik: der Mensch ist ein Wanderer, sein Weg ist charakterisiert durch Ziellosigkeit und Zeitlosigkeit, und, was ganz wesentlich ist, der Weg führt zurück zum Ursprung (Becker 2008: 328), was sich in moderner symbolischer Aufladung von Straßen als Orte der Komplexität und Gefahr (z. B. durch Verbrechen) äußert (Sennett 1991). Die Anlage der Straßen (insbesondere jener höherer Ordnung) und Grenzen (des American Grids) in vielzitierter und in Karten repräsentierter Netzform (siehe auch Abbildung 43) verweist auf eine unbegrenzte Beziehung über Zeit und Raum hinweg; eine Struktur aus Sichtbarem und Unsichtbarem (Cooper 2004: 186), die auch als Einheit lesbar ist. Insbesondere in der christlichen Symbolik ist das Netz mit den Aposteln konnotiert, die vielfach als Menschenfischer mit Netzen abgebildet werden: Fische symbolisieren den bekehrten bzw. getauften Christen; dementsprechend ist ein mit kleinen Fischen gefülltes Netz Sinnbild der Kirche (Zerbst/Kafka 2010: 316). In der säkularen Symbolik von Städten verspricht die netzartige Anlage von Straßen eine Entkomplexisierung, da sie auch dem ortskundigen Zuwanderer die Orientierung erleichtert im Gegensatz zu Europa, dessen städtische Grundrisse die Kompliziertheit und Komplexität historischer Genese und sozialer Verhältnisse repräsentierten (vgl. Sennett 1991). Richard Sennett (1991: 80) verweist darüber hinaus auf die Symbolik der Flächen zwischen den Linien des Netzes: Das Gitter bildete ein Feld für den ökonomischen Konkurrenzkampf, auf dem man spielen konnte wie auf einem Schachbrett. Die physischen Repräsentationen eines anderen zentralen christlichen Symbols dominieren den Straßenraum insbesondere wohlhabender Viertel: Palmen. In der christlichen Symbolik steht die Palme für Unsterblichkeit, d. h. den Sieg über den Tod: Wenn Märtyrer mit Palmzweigen inder Hand dargestellt werden, deutet dies auf ihre Auferstehung nach dem Märtyrertod hin (Zerbst/Kafka 2010: 324). Doch auch in anderen Kulturen sind Palmen symbolisch stark konnotiert: Im Nahen Osten sind sie eines der ältesten Symbole für den Lebensbaum, in der Antike galten Palmen als Symbole des Sieges (Bauer/Dümotz/Golowin 1997, Becker 2008, Cooper 2004; zu Bäumen im Allgemeinen vgl. Davies 1988), auch Siedlungsnamen, die einen Palmenbezug aufweisen (Twentynine Palms, Palm Springs), sind insbesondere in einer Kultur mit konstitutivem religiösen Bezug zunächst positiv symbolisch konnotiert (was sie für eine Dekonstruktion. wie im Film Twentynine Palms oder O. C. California für Palm Springs, ironisch als Rentnerstadt, attraktiv erscheinen lässt, da hier große Sein-Sollen-Differenzen konstruierbar sind). In Alleeform angepflanzt symbolisieren Bäume die Domestizierung von Natur (Stonus 2001), die Anordnung von Palmen als Alleebäume lässt sich somit als doppelter

symbolischer Verweis auf Überlegenheit des Menschen interpretieren.

Eine besondere Bedeutung hat in der Geschichte des Stadtlandhybriden die Gewinnung von Wasser, wie auch die Konflikte darum. Die Mystifizierung von Wasser hinsichtlich der Stadtentwicklung (vgl. Davis 2004) ist auch mit seiner symbolischen Bedeutung als Ursprung des Lebens und Sinnbild für Fruchtbarkeit (Zerbst/Kafka 2010) und im Gegensatz zur Trockenheit und dem statischen Zustand des Todes (Cooper 2004: 303) konnotiert, andererseits wird Wasser auch mit Zerstörung und als Vernichter der Lebens (Becker 2008: 325) verstanden, was insbesondere auf Überflutungen durch Flüsse oder an Küsten verweist. Durch seine Lage am pazifischen Ozean und die starke lebensweltliche Strand- und Küstenbezogenheit ihrer Bewohnerschaft erhält Meer eine besondere symbolische Bedeutung für den Stadtlandhybriden von Los Angeles. Meer symbolisiert die ur-anfänglichen Wasser, das Chaos, die Formlosigkeit, aber auch materielles Sein, endlose Bewegung und die Quelle allen Lebens, die alle Möglichkeiten enthält (Cooper 2004: 193), was Bezüge zur US-amerikanischen Kultur des selbstbestimmten Lebens aufweist. In der Romantik wurde das Meer zum Sinnbild unheimlicher Naturgewalt. Im Christentum ist das Meer ein Symbol für die Gefahren und Wechselfälle des menschlichen Lebens, die der Mensch mit der Kirche als Schiff (Zerbst/Kafka 2010: 321) überqueren müsse. Zentrale ästhetische Zuschreibung zu Meer ist die Erhabenheit (die auch immer wieder in Spielfilmen aktualisiert wird[2]).

Der Stadtlandhybride Los Angeles wird immer wieder durch Brände bedroht und auch in Spielfilmen nicht nur mit Handlungsort Los Angeles sind (große) Feuer ein verbreitetes Motiv. Feuer ist dabei ein Symbol der Zerstörung, aber gleichzeitig auch der Erneuerung, Wiedergeburt und Regeneration; ein Sinnbild der Umwandlung, Reinigung und Erleuchtung (Zerbst/Kafka 2010: 159). Dabei wird seine Zerstörungskraft häufig als Mittel zur Neugeburt auf einer höheren Stufe gedeutet (Becker 2008: 87). In christlicher Symbolik wird der Brand Sodoms und Gomorrhas als Vorbote des Höllenfeuers verstanden.

Die (vielfach ambivalent gedeuteten) physischen Manifeste sozialer, kultureller, politischer und ökonomischer Entwicklungen im Stadtlandhybriden Los Angeles sind ebenfalls ambivalent symbolisch konnotiert: Symbole der Hoffnung und der Zerstörung, der Läuterung und der Gefahren, der Hoffnung und der Angst werden polyvalent miteinander in Beziehung gesetzt, womit deutlich wird: Ambivalenz ist ein Charakteristikum der Postmoderne (z. B. Bauman 1991).

  • [1] In sozialen (auch objektvermittelten) Interaktionen werden symbolische Zuschreibungen und Deutungen aktualisiert, somit rekursiv verfestigt oder auch gewandelt, wobei milieu-, kultur- und altersspezifi sche Differenzen in den symbolbezogenen Kenntnissen und Interaktion bestehen (und zu distinktiven Zwecken Verwendung finden können).
  • [2] Ein prägnantes Beispiel hierfür mag der Film The Day Aft Tomorrow (USA 2004, Regie Roland Emmerich) gelten, Handlungsort ist hierbei allerdings nicht Los Angeles, sondern New York (als metropolitaner Prototyp).
 
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