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1 Zusammenfassung

Innovationen sind für die Entwicklung und den Fortschritt von Unternehmen und Volkswirtschaften von fundamentaler Bedeutung.1 Dies ergibt sich bereits aus der Definition von Innovation, als „Entwicklung, Einführung und Anwendung neuer Ideen, Prozesse, Produkte oder Vorgehensweisen, von denen Einzelne, Gruppen oder ganze Organisationen profitieren“2. Erfolgreiche Unternehmen wie Apple und Google halten sich seit Jahren an der Spitze der innovativsten Unternehmen3 und konnten so ihren Marktwert trotz Wirtschaftskrise deutlich steigern; Apple in den letzten vier Jahren beispielsweise um fast 250%.4

Dabei beschränkt sich die herausragende Bedeutung von Innovation aber nicht nur auf Unternehmen. Auch Volkswirtschaften und Staaten profitieren von gezielten Investitionen in Innovation, wie neue Studien zeigen.5 Singapur beispielsweise hat sich durch gezielte Förderung der Innovation im Bereich Bildung und von spezifischen Industriezweigen trotz lediglich knapp 5 Mio. Einwohnern als wirtschaftlicher Leitstaat in Asien etabliert und hat eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte der Welt.6 Dass Innovation ein wichtiges Thema für ihr Unternehmen ist, erkennen auch Führungskräfte. So stufen 86% dieser Innovation als wichtig für ihr Unternehmen ein und 92% denken, dass Innovation in den kommenden Jahren noch wichtiger werden wird.7

So ist es nur konsequent, dass Wissenschaftler aus Psychologie, Soziologie, Betriebswirtschaftslehre, aber auch Ingenieurwissenschaften, sich mit der Frage beschäftigen, was Innovation ist und wie Unternehmen es schaffen innovativer als andere zu sein. Sie versuchen somit zu ergründen, was Erfolgsfaktoren für Innovation sind.

Dabei werden meist einzelne Aspekte herausgegriffen, die potentiell einen Einfluss auf Innovation haben. In der psychologischen Innovationsforschung werden vornehmlich die Menschen, ihre Fähigkeiten und das Lernen in den Mittelpunkt der Forschung gestellt, insbesondere die Kreativität8 und Motivation9 der Personen, die Innovation betreiben, aber auch Gruppenprozesse10.

Innovationsforschung aus betriebswirtschaftlicher Perspektive beschäftigt sich vorwiegend mit von Innovation als Optimierung der Verwendung der vorhandenen Ressourcen. Diese Sichtweise geht bereits auf Schumpeter zurück, welcher Innovation als Anwendung neuer Faktorkombinationen definiert hat.11 Darauf aufbauend haben sich verschiedene Ansätze entwickelt12 und verschiedenste Aspekte herauskristallisiert, die innovationsförderlich oder -hinderlich sein können.

Kern vieler Publikationen ist der Innovationsprozess von der Entwicklung und Bewertung erster Ideen über die Weiterentwicklung und Konzeptionalisierung bis zur Anwendung und Markteinführung.13 Letzter Schritt ist zentral, da eine Innovation erst dann als solche zu bezeichnen ist, wenn sie auch umgesetzt wird. Das reine Produzieren einer neuen Idee ist alleine demnach noch keine Innovation.14

Aus Sicht des Prozesses vorgelagert oder parallel dazu braucht es eine klar definierte Innovationsstrategie, mittels der Ziele und Eckpunkte festgelegt und kommuniziert werden15 und welche in ein strukturiertes Portfoliomanagement mündet. Darüber hinaus wird der Nutzen von Externen diskutiert, beispielsweise der Einfluss der Wissenschaft auf die Ideenentwicklung, der Einfluss der Kunden auf die Entwicklung zur Marktreife und die Kooperation mit Verkäufernetzwerken bei der Markteinführung.

Wichtigster Schnittpunkt zwischen psychologischer und betriebswirtschaftlicher Forschung ist die Organisation und die Unternehmenskultur.16 Dabei spielen nicht nur der Aufbau und die Entscheidungswege einer Organisation eine zentrale Rolle, sondern im Besonderen die Kommunikation, das Setzen von intrinsischen und extrinsischen Anreizen, die Mitarbeiterauswahl und -förderung und die Innovationskultur, insbesondere die Förderung von Kreativität sowie Anreize, notwendige Risiken einzugehen.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, im Gegensatz zu der bisherigen meist stark fragmentierten Innovationsforschung einem holistischen Ansatz zu folgen, der keine potentiellen Erfolgsfaktoren im Vorfeld ausschließt. Um dies zu erreichen, wurden zu Beginn möglichst diverse Items17 aus allen oben angesprochenen Aspekten gesammelt und diese dann explorativ verdichtet. Im zweiten Schritt wurde empirisch untersucht, welche dieser verdichteten Itemgruppen18 Erfolgsfaktoren für Innovation darstellen und wie diese sich auf die Innovationsfähigkeit von Unternehmen auswirken.

Um dies herauszufinden wurden 732 Führungskräfte international agierender Unternehmen19 befragt. Sie haben online einen Fragebogen mit 164 geschlossenen und einigen offenen Items beantwortet. Insgesamt kamen die Befragten von 69 Unternehmen und 84 Geschäftsbereichen aus aller Welt. Dabei wurde sichergestellt, dass die Verteilung nach Regionen und Abteilungen möglichst breit gefächert war und die Industrien möglichst gleichwertig nach Befragten repräsentiert waren.

Alle Items hatten die statistische Güte, um ohne Bedenken für eine Faktoranalyse genutzt werden zu können.20 Es wurde jedoch entschieden, noch höhere Maßstäbe an Itemkennwert (fehlende Werte, Kurtosis und Schiefe, Kreuze in der Skalenmitte, Mittelwerte, Standardabweichungen) und Zusammenspiel (Korrelationen, Measure of Sample Adequacy) anzusetzen und so die Ergebnisse der folgenden Faktoranalyse zu optimieren. Die 85 am Ende selektierten Items entsprechen in allen Dimensionen dem Optimum, das die Literatur für Faktoranalysen empfiehlt. Durch Imputation21 fehlender Datenpunkte wurde die Qualität der Datenbasis nochmals erhöht.

Mittels einer Hauptachsen-Faktoranalyse22 wurden die Daten verdichtet, wobei das Kaiser-Meyer-Olkin Kriterium23 von 0,95 auf ein hervorragendes Ergebnis der Faktoranalyse hindeutet.24 Da anzunehmen ist, dass die einzelnen Erfolgsfaktoren nicht vollständig unabhängig voneinander sind, wurde eine oblique Rotationsmethode25 gewählt. Dabei hat sich ein stabiles Ergebnis bei sieben Faktoren eingestellt, welches sich sogar durch Anwendung anderer Rotationsmethoden im Kern nicht geändert hat. Dieses stabile Ergebnis deutet auf sieben unterschiedliche potentielle Erfolgsfaktoren für Innovation in Unternehmen hin.

Die potentiellen Erfolgsfaktoren sind klar voneinander abgrenzbar und haben eine eigene inhaltliche Interpretierbarkeit.26 Es sind: (1) eine zukunftsgerichtete, unterstützende Unternehmenskultur, (2) eine klar definierte und kommunizierte Innovationsstrategie, (3) eine koordinierte Markt- und Kundenorientierung, (4) eine klare Organisation und Rollenverteilung, (5) eine gelebte Ziel- und Erfolgsorientierung, (6) ein gut organisiertes Ressourcen- und Portfoliomanagement und (7) eine bewusste Bereitschaft, sinnvolle Risiken einzugehen.

Die sieben potentiellen Erfolgsfaktoren werden jeweils durch fünf Items der Datenbasis beschrieben, welche unterschiedliche Facetten der Faktoren darstellen. Bei dem Faktor „Innovationsstrategie“ reichen die Items beispielsweise von der Definition der Strategie27 über die Priorisierung von Themen bis hin zur Kommunikation der Strategie innerhalb des Unternehmens.28

Vor dem Hintergrund dieser sieben potentiellen Erfolgsfaktoren, stellte sich die Frage, wie groß der Einfluss der einzelnen auf die Innovationsfähigkeit der Unternehmen ist. Dabei wird Innovationsfähigkeit in diesem Kontext mit „wie innovativ ist ein Unternehmen?“ gleichgesetzt. Dazu wurde diese in einem ersten Schritt für alle betrachteten Unternehmen ermittelt. Da kein anerkanntes Maß für Innovationsfähigkeit existiert und Annäherungen wie Anzahl der Patente oder unternehmerischer Erfolg unzureichend sind,29 wurden Innovationsexperten herangezogen und mittels des derzeit meist verwendeten Rank-Rate-Verfahrens eine Innovationsfähigkeitsscore ermittelt. Diese bildet die Innovationsfähigkeit der betrachteten Unternehmen auf Basis der Einschätzung der Innovationsexperten ab. Es wurde sichergestellt, dass diese nicht nur von Unternehmenserfolg auf Innovationsfähigkeit schließen,30 indem dasselbe Verfahren mit denselben Experten für eine Einschätzung des Erfolges31 genutzt wurde. Die Korrelation zwischen Innovationsfähigkeitsscore und Erfolgsscore ist mit 0,7432 hoch. Dies zeigt einerseits, dass Innovationsfähigkeit einen starken Einfluss auf Unternehmenserfolg hat. Die Korrelation ist aber andererseits ausreichend niedrig, um feststellen zu können, dass die Experten nicht von Erfolg auf Innovation rückgeschlossen haben.

Mittels Regressionsanalysen zwischen den ermittelten potentiellen Erfolgsfaktoren und der Innovationsfähigkeitsscore konnte ein signifikantes Ergebnis gefunden werden,33 wobei sich zeigte, dass im Besonderen drei Faktoren einen hohen signifikant positiven Einfluss auf die Innovationsfähigkeit der Unternehmen haben: die klare Organisation und Rollenverteilung, die gelebte Ziel- und Erfolgsorientierung und die bewusste, durchdachte Risikobereitschaft.34 Betrachtet man die Branchen einzeln, zeigt sich kein signifikant anderes Ergebnis.

Unter Verwendung der Ergebnisse der Selbsteinschätzung zur Innovationsfähigkeit der befragten Unternehmen ergibt sich ebenfalls ein hoch signifikantes Ergebnis.35 Dabei werden besonders die Effekte der Unternehmenskultur und der Markt- und Kundenorientierung hervorgehoben.

Somit kann festgestellt werden, dass auf Basis des explorativen und holistischen Ansatzes sich sieben Erfolgsfaktoren herauskristallisieren. Diese umfassen strategische Aspekte, organisatorische, prozessuale Rahmenbedingungen und kulturelle Effekte.

Diese sieben Erfolgsfaktoren erlauben es Unternehmen, ein weitgehend vollständiges Bild ihrer Innovationsaktivitäten zu zeichnen und dabei wichtige Erfolgsfaktoren für zukünftige Innovationen und damit den unternehmerischen Erfolg transparent zu machen. Gleichzeitig zeigt das Modell eine Möglichkeit auf, die verschiedenen, fragmentierten Ansätze zu einem Gesamtgebilde zusammenzufügen. Für die psychologische Innovationsforschung wichtige Themen wie Motivation und intrinsische Anreize finden sich beispielsweise in Faktor (1) wieder, eine ressourcenorientierte Sichtweise beispielsweise in Faktor (6). Damit entspricht das Modell dem Anspruch des übergeordneten, holistischen Gesamtkonstruktes.

 
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