Einführung in das Zivilrecht

Wurzeln des Zivilrechts

Das heutige Zivilrecht beruht im Wesentlichen auf drei Wurzeln. Eine Wurzel bildet das germanische Recht. Dieses entstand als Stammesrecht und blieb im wesentlichen Gewohnheitsrecht, wurde also nicht schriftlich festgehalten (kodifiziert). Die Blütezeit des germanischen Rechts bildete das Mittelalter. Trotz der weitgehenden Rechtszersplitterung auf deutschem Boden bestanden übereinstimmende Züge. Das Recht hatte einen konkreten, volkstümlichen Ausdruck. Es schätzte die alt überlieferten Formen, betonte den Gemeinschaftsgeist und war dementsprechend durch einen starken Vertrauensschutz geprägt. Letzteres Merkmal hat z. B. über § 242 BGB (Grundsatz von Treu und Glauben) Eingang in das bestehende Recht gefunden. Die zweite, heute prägende Wurzel ist das römische Recht. Es wurde im 11. Jahrhundert in Oberitalien wiederentdeckt, systematisiert und für den praktischen Gebrauch überarbeitet. Im 16. Jahrhundert war dieser Rezeptionsvorgang im Wesentlichen abgeschlossen. Das rezipierte Recht diente als Anhaltspunkt für die Landesrechte, verdrängte diese jedoch nicht („Landesrecht bricht Reichsrecht“). Der Höhepunkt der wissenschaftlichen Aufarbeitung des römischen Rechts wurde von der Rechtswissenschaft im 19. Jahrhundert, der so genannten Pandektenwissenschaft, erreicht. Die Pandekten waren die Hauptstücke der Gesetzessammlung des oströmischen Kaisers Justinian (corpus iuris civilis). Diese Sammlung enthält überarbeitete Auszüge aus den Schriften der römischen Juristen. Infolge der Verwissenschaftlichung des Rechtsstoffes und der dadurch verursachten Verdrängung der Schöffen (Laien) aus der Gerichtsbarkeit ging die Volksnähe des deutschen Rechts mehr und mehr verloren. Der hohe Abstraktionsgrad befördert andererseits auch eine gewisse Langlebigkeit der Vorschriften. Ein drittes Merkmal ist die christliche Ethik, die die Rechtsentwicklung des gesamten westlich-abendländischen Rechtskreises entscheidend geprägt hat. Sie hat zumindest mittelbar in die Entwicklung des deutschen Zivilrechts hineingewirkt.

Heute gründet sich die Rechtsentwicklung im Zivilrecht zu einem erheblichen Teil auf die gesetzgeberische Tätigkeit der Europäischen Union, welche allerdings ebenfalls auf kontinentaleuropäischen, christlich-abendländischen Traditionen ruht.

 
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