Methoden der Rechtsfindung

Deutschland verfügt über eine große Zahl an Gesetzen und Rechtsverordnungen. Konkret sind dies auf Bundesebene 1.817 Gesetze mit 55.555 Einzelnormen sowie 2.728 Rechtsverordnungen mit 44.689 Einzelnormen (Stichtag: 24.9.2007). Hinzu kommt eine noch größere Zahl an gesetzlichen Grundlagen in den 16 Bundesländern. Insgesamt gehen Schätzungen von ca. 80.000 Gesetzen und Rechtsverordnungen in Bund und Ländern aus. Vor diesem Hintergrund gleicht das Auffinden der passenden Rechtsgrundlagen für den ungeübten Rechtsanwender der berühmten „Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.“

Weiter verkompliziert wird die Lage dadurch, dass der Alltag ein fast unerschöpfliches Ausmaß vielgestaltiger, rechtlich relevanter Sachverhalte bereithält. Deshalb ist es gerade im Fach Recht besonders wichtig, nicht den Überblick zu verlieren und der Gefahr vorzubeugen, „den Wald vor lauter Bäumen“ nicht mehr zu sehen. Das heißt, es müssen spezifische Methoden angewandt werden, um zur Lösung eines Rechtsfalles zu gelangen. Auswendig gelerntes Wissen allein hilft hier meist nicht weiter. Die nachfolgenden Punkte sind sowohl bei der Lösung von Fällen des Rechtsalltags als auch bei der Lösung von Klausurfällen hilfreich und zu beachten.

Sachverhalt

Zunächst kommt es in der Praxis darauf an, eine bestimmte Begebenheit (Sachverhalt) möglichst genau zu betrachten und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Diese Aufgabe wird dem Studierenden in der Klausur dadurch abgenommen, dass ihm ein fertiger Sachverhalt präsentiert wird, für den er dann nur noch eine rechtliche Lösung erarbeiten muss. Der Klausur-Sachverhalt ist wegen fehlender Rücksprachemöglichkeiten erschöpfend und detailliert dargestellt. Merke: Auch in Klausuren kann es vorkommen, dass Fälle präsentiert werden, deren Sachverhalt mehr enthält, als zur Falllösung an Wissen erforderlich ist. Hier sind die Fähigkeiten des Studierenden gefragt, den entscheidungsrelevanten Sachverhalt zu erkennen. Unterstreichungen, die während des Lesens gemacht werden, können dabei eine Hilfe sein.

In der Praxis ist dagegen die „Sachverhaltsaufbereitung“ eine der Hauptaufgaben eines Rechtsanwalts (z. B. im Mandantengespräch) oder eines Richters (z. B. in der mündlichen Verhandlung bei Gericht). Der Rechtsanwalt muss dabei vor allem herausfinden, was der Mandant von wem will, was also seine Ziele sind, wer genau der oder die Gegner sind, wie weit der Mandant unter Einbeziehung eines eventuellen Prozessrisikos gehen will und welche „Eskalationsstufen“ oder „De-Eskalationsstrategien“ angesichts bestimmter z. B. zwischenmenschlicher Konstellationen zwischen den Parteien eines Rechtsstreits ratsam erscheinen.

 
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