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Geleitwort

Das Jahr 2005 brachte einen Paradigmenwechsel in der deutschen Arbeitsmarktpolitik: die Grundsicherung für Arbeitsuchende, allgemein auch als „Hartz IV“ bekannt. Arbeitslosenund Sozialhilfe wurden zusammengelegt. Die Grundphilosophie der generalüberholten Bundesagentur für Arbeit sollte die „Aktivierung“ von Langzeitarbeitslosen sein. Die Wirkungen dieser Reform sind seither ein zentrales Forschungsthema, ebenso wie die programmatischen und ideologischen Wurzeln der Aktivierungspolitik.

Selten jedoch beschäftigen sich die Sozialwissenschaften mit der institutionellen Vorgeschichte dieser Reformen. Noch seltener gelingt es den Forscherinnen und Forschern, Prozesse der Aktivierung unmittelbar zu beobachten und systematisch zu analysieren. Die Studie von Bernhard Hilkert ist eine Ausnahme. Die Sozialagenturen in Nordrhein-Westfalen – ein Modellprojekt vor dem Übergang zur Grundsicherung – atmeten schon viel vom Geist der Aktivierung, wie Hilkert überzeugend zeigt. Ob es mit Ansätzen des Case Managements, mit neuen Motivationsund Sanktionskonzepten gelingt, Selbsthilfekräfte bei Langzeitarbeitslosen zu mobilisieren, ist die zentrale Frage der Studie. Wer die Verbreitung wie auch die widersprüchlichen Begründungen und Wirkungen der Aktivierungspolitik besser verstehen will, den inspiriert dieses Buch.

Eine dichte empirische Analyse ist der Kern der Arbeit. Bernhard Hilkert konnte in verschiedenen Sozialagenturen mit Hilfe teilnehmender Beobachtung einfangen, wie Angestellte der Sozialagenturen zu aktivieren versuchen. Er stellt dabei fest, dass sich die Beraterinnen und Berater entweder an den „Systemlogiken“ der Arbeitsförderung orientieren oder stärker die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Klienten in den Vordergrund rücken. Allerdings – und das ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Arbeit – schlug schon bei diesen wichtigen Modellprojekten das Pendel in Richtung Paternalismus und systembezogener Beratung aus. Die Selbsthilfekräfte der Klienten seien dadurch vernachlässigt, ihre Mitwirkungsmöglichkeiten beschnitten worden.

Bernhard Hilkert legt eine lesenswerte, interdisziplinäre Studie vor. Er kann auf reichhaltiges Material zurückgreifen, das er im Rahmen von Forschungsprojekten erhoben hat. Der Autor beschreibt nicht nur eindrucksvoll die Eigenlogik sozialpolitischer Institutionen mit ihren organisationssoziologischen Besonderheiten. Es gelingt ihm ebenfalls, die ambivalente Rolle der Sozialen Arbeit in der Aktivierungspolitik herauszustellen. Forschung und Praxis können von dieser sorgfältigen und anregenden Studie gleichermaßen profitieren.

 
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